Der «Weibel», der kein Blatt vor den Mund nimmt

Der pensionierte Bankmanager Bruno Maurer bringt am Zibelemärit an der «Zibelegring»-Preisverleihung die Berner Prominenz zum Lachen.

Am Montag hat Bruno Maurer wieder seinen grossen Auftritt als «Weibel».

Am Montag hat Bruno Maurer wieder seinen grossen Auftritt als «Weibel». Bild: Adrian Moser

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Nach dem Unfall des italienischen Kreuzfahrtschiffs Costa Concordia 2013 nahm Bruno Maurer Kapitän Schettino aufs Korn. Dessen Sohn habe zum Vater gesagt, er wolle auch einmal ein so grosses Schiff steuern. Worauf dieser geantwortet habe: «Keine Angst, ich lege dir eins auf die Seite.» Da die geladenen Gäste der Veranstaltung morgens schon um halb elf im Rathaus mit dem Apéro beginnen, sei die Stimmung um 14 Uhr so ausgelassen, dass er die Lacher auf sicher habe. «Läse man die Rede morgens um 9 Uhr den Gästen nüchtern vor, würde wohl kaum so viel gelacht.»

Maurer ist an diesem Tag jeweils «in Uniform», wie er sagt. Die festliche rot-schwarze Tracht eines bernischen Weibels und der Hut mit den zwei Spitzen ermöglichen es ihm, in die Rolle des Narren, alias Änscht Chräyebüheu, zu schlüpfen. In seiner Rede blickt er auf satirische Weise auf die Ereignisse des vergangenen Jahres zurück. Einmal kritisierte er den damaligen Bundespräsidenten Ueli Maurer wegen dessen Neujahrsansprache, in der er dem Volk «nichts versprach, aber dies auf jeden Fall halten» werde. Schallendes Gelächter im Saal. «Wieso lacht ihr? Das ist auf jeden Fall mehr, als die meisten erwartet haben!»

Er lasse sich von Oscar Wildes Stück «The Importance of Being Earnest» inspirieren, sagt der vierfache Grossvater aus Bolligen. Es sei ihm wichtig, die Zuhörer nicht zu verletzen. «Sexismus oder Rassismus sind für mich tabu.» Wenn aber die «Chaoten von der Reitschule» wieder einmal randalierten, ohne dass es den damaligen roten Stadtpräsidenten und «Party-Globi Tschäppät im Geringsten gekratzt hat», musste dieser schon einige Seitenhiebe einstecken. Als 2012 die Grossbanken in den USA horrende Bussen zahlen mussten, befand er, dass «der Wechsel der Anlagebank auf die Anklagebank» inzwischen erschreckende Formen annehme. Diese Anekdote machte er einige Jahre nach seiner Pensionierung als Direktionsmitglied bei der UBS.

Maurer sinniert über die Veränderungen im Bankwesen. «Als ich die Lehre machte, war es noch ein anständiges Geschäft.» Die langfristigen Kundenbeziehungen seien im Vordergrund gestanden, und man habe nicht das Ziel gehabt, «kurzfristig Gewinne zu ergaunern». Was aus dem einstigen Bankgeschäft geworden sei, habe auch ihm Sorgen bereitet. Heute interessiere es ihn weniger, ob die Aktienkurse stiegen oder sänken.

Dass heute die meisten Preisträger der Veranstaltung, welche einst durch die Stadtschützen ins Leben gerufen worden war, Millionäre oder gar Milliardäre sind, findet Maurer bedenklich. Letztes Jahr gewann die Auszeichnung Willy Michel, Gründer von Disetronic, im Jahr zuvor der Berner Herzchirurg Thierry Carrel, 2014 Securitas-Unternehmer Samuel Spreng und 2013 der schwerreiche Synthes-Gründer Hansjörg Wyss. Früher seien altgediente Mitglieder der Stadtschützen als «Oberzibelegring» für ihre Leistungen im Verein ausgezeichnet worden.

«Es braucht auch andere in unserer Gesellschaft», sagt Maurer. Tatsächlich ist der Anlass heute ein Stelldichein der Berner Prominenz aus Wirtschaft und Politik. Für viele Gäste gehe es ums Sehen und Gesehen werden. Vielen sei es wichtig, vom «Bärner Bär» fotografiert zu werden. Einige gingen für noch mehr Aufmerksamkeit während des Anlasses gar kurz an eine andere Veranstaltung im Bellevue. «Das wird aber gar nicht gerne gesehen», weiss Maurer.

Werden auch linke oder grüne Politiker eingeladen? Die seien klar in der Minderheit und schlügen eine Einladung auch oft aus. «Bürgerliche würden eine Einladung von rot-grünen Politikern in die Reithalle ja auch zu 90 Prozent ablehnen.» Und Frauen? Weil Frauen in der Gesellschaft seltener in führenden Positionen seien, würden sie automatisch weniger oft eingeladen. «Das widerspiegelt das Bild unserer Gesellschaft.» Den Organisatoren gehen die Gäste aber nicht aus. «Was muss man machen, um eingeladen zu werden?» Diese Frage hört Maurer oft. Ein Zugang zu den Stadtschützen helfe, sagt er. Es bestehe eine Warteliste.

Wer wird am Montag der «Oberzibelegring»? Streng geheim! Auch seine Rede will Maurer nicht herausrücken. Dann blättert der «Weibel» geheimnisvoll in seinem Skript. (Der Bund)

Erstellt: 27.11.2017, 06:54 Uhr

Ogi, Jordi, Cancellara

Der Anlass für geladene Gäste beginnt am Montag um 10.30 Uhr im Berner Rathaus mit einem Apéro. Von 11.30 bis 12 Uhr findet der Umzug vom Rathausplatz über die Kornhausbrücke zum Kursaal statt. Weil die Gästeliste immer länger wurde, verlegten die Veranstalter die Feier ab 2015 vom Kultur-Casino in den Kursaal. Der Auftritt von «Änscht Chräyebüheu» folgt dort um 14 Uhr.

Die diesjährige Abschlussrede hält der Berner Bundesrat Johann Schneider-Ammann (FDP) um 15 Uhr. Unter den geladenen Gästen befinden sich dieses Jahr Alt-Bundesrat Adolf Ogi, Skywork-Chef Martin Inäbnit, ebenso der ehemalige Radrennfahrer Fabian Cancellara, der Komiker Andreas Thiel und die Schlagersängerin Francine Jordi.

Auf Initiative des ehemaligen Stadtschützen-Präsidenten Rudolf Wenger wurde am Zibelemärit 1984 die «Gilde der Zibelegringe» der Stadtschützen Bern gegründet. Die von Alt-Regierungsrat Ueli Augsburger präsidierte Gilde lädt jeweils am Zibelemärit schweizerische Persönlichkeiten zum «Zibelegring» ein. Am Anlass ernennt sie eine Person zum «Oberzibelegring», die «Vorbildliches» für das Gemeinwohl geleistet hat.

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