Der Teller als Kampfzone

Sich verantwortungsbewusst zu ernähren, ist richtig. Die zunehmende Moralisierung des Essens führt aber in die Irre.

Auf dem Teller jedes Einzelnen lastet die Zukunft der Welt: das Wohl des Klimas, der Tiere, der Böden und der Meere.

Auf dem Teller jedes Einzelnen lastet die Zukunft der Welt: das Wohl des Klimas, der Tiere, der Böden und der Meere. Bild: Bruno Schlatter

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«Erst kommt das Fressen, dann die Moral.» So lautete Bertolt Brechts schmissiger Vorwurf an die wohlgenährte Bourgeoisie; sie predigte den Proletariern Moral und übersah dabei, dass es mit knurrendem Magen schwerfällt, moralisch zu handeln. Heute, wo in Ländern wie der Schweiz alle genug zu essen haben, ist die Moral schon immer mit dabei, sie kommt quasi mit dem Essen auf den Tisch: Die Moral des Einzelnen misst sich daran, was er isst. Der Tellerinhalt, eigentlich eine private, ja intime Sache, wird immer rigoroser auf das Feld der gesellschaftlichen und politischen Auseinandersetzung gezerrt. Der Staat hilft dabei nach, er lenkt und verbietet. Kann das seine Aufgabe sein?

Beispiele aus jüngster Zeit: In Berns städtischen Freibädern Weyerli, Wyler und Ka-We-De gibt es seit dieser Saison teures Bio-Essen ohne günstige Alternative (Hotdog für 9.50 Franken und Hummus, wobei viele Badegäste nicht wissen, was das ist). In Tagesschulen und Kinderkrippen will die grüne Gemeinderätin Franziska Teuscher «Essens-Standards» durchsetzen (Wasser oder ungesüsster Tee, kein Nachsalzen der Speisen, kein Weissbrot, Gemüsepizza etc.). Und der Nationalrat will Gänse- und Entenleber, deren Herstellung bei uns verboten ist, nun zusätzlich mit einem Importverbot belegen: In der Schweiz soll niemand mehr Stopfleber essen.

Der liberale Weg ist besser

Das Essen war stets befrachtet mit Bedeutung und Botschaften. Während Jahrhunderten genossen Reiche speziell üppige Menüs, um ihren Wohlstand zu demonstrieren und sich sozial abzugrenzen. Obrigkeiten verboten für das Volk die Einfuhr von Genussmitteln, um den Abfluss von Geld ins Ausland zu stoppen. Sie befürchteten, dass bestimmte Speisen und Getränke das Volk weich und schlapp machen. Später griffen Fabrikdirektoren und bürgerliche Sozialreformer in die Ernährungsgewohnheiten der Arbeiter ein, um deren Leistungskraft zu steigern. Und irgendwann nach dem Zweiten Weltkrieg kam der Massenkult um eine schlanke Figur und einen straffen Körper; er strafte Verstösse gegen gesundes Essen mit Verachtung und brachte so das Gefühl der Sünde in die Welt des Essens.

Doch so aufgeladen wie heute, in der Zeit der Globalisierung, war das Thema Essen noch nie. Inzwischen lastet auf dem Teller jedes Einzelnen die Zukunft der Welt: das Wohl des Klimas, der Tiere, der Böden und der Meere. Um die Erde zu retten, so ist täglich zu hören und zu lesen, müssen wir nachhaltig und tierschonend Produziertes zu uns nehmen und weniger Fleisch essen.

Es ist richtig und absolut erstrebenswert, so zu essen, dass die Umwelt und die Tiere möglichst wenig und wenn möglich gar nicht leiden. Genauso wie es geboten ist, generell verantwortungsbewusst zu leben. Bei der Gänseleber zum Beispiel ist der Fall klar, wer die Moral auf seiner Seite hat: jener, der sie nicht isst. Doch das soll ein individueller Entscheid bleiben. Der staatliche Foie-gras-Bann ist Ausdruck des Trends, den ethisch tadellosen Lebenswandel der Bürgerinnen und Bürger zu erzwingen. Geht es um so persönliche Dinge wie das Essen, ist es jedoch besser, auf den liberalen Weg zu vertrauen: Aufklärung, Labels, Lobbying, öffentlicher Streit, Angebot und Nachfrage.

Beim Auswählen im Restaurant oder im Laden kann das moralische Argument dem Zögernden helfen. Die generelle Moralisierung des Essens führt aber in die Irre, weil sie Konflikte und Dilemmas vernebelt. Die industrielle Nahrungsmittelherstellung hat die Menschen in Europa seit dem 19. Jahrhundert unabhängig von den Launen der Natur gemacht und dadurch vor Hungersnöten bewahrt. Die Massenproduktion trägt dazu bei, dass sich längst auch Kleinverdiener eine ausgewogene Ernährung leisten können. Die Moral hat verschiedene Seiten, sie ist manchmal weniger eindeutig, als uns lieb ist.

Gesinnungskontrolle

Teurer Hipster-Food im städtischen Freibad schliesst den Secondo aus Bümpliz aus, der lieber für wenig Geld Pommes und Chicken-Nuggets essen würde. Wenn das kulinarische Angebot auf ein zahlungswilliges, links-liberales Publikum ausgerichtet ist, fühlen sich von den Badegästen viele nicht mehr willkommen.

Kindern früh beizubringen, dass ausgewogenes Essen gut für die Gesundheit ist, und dies in der Tagesschule auch vorzuleben, das ist sinnvolle Prävention. Einzelne Nahrungsmittel zu verteufeln, ist dagegen fragwürdig, so kippt Gesundheitserziehung in kulinarische Gesinnungskontrolle. Ungesund ist nämlich a priori fast nichts, solange nicht nur das eine gegessen wird.

In den USA haben laut Studien viele Donald Trump gewählt, weil sie sich in ihrer Lebensweise gegängelt und von progressiven Eliten verachtet fühlten. Darunter waren vermutlich zahllose Fans von Hamburgern und Steaks. Wie gesagt: Essen ist hochpolitisch. (Der Bund)

Erstellt: 17.06.2017, 08:22 Uhr

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