Jainer Jesús Flores Vigo

Ein Lastwagenfahrer und fehlende Pannenstreifen beschäftigen derzeit «Wahrheit»-Kolumnist Daniel Di Falco.

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Der Mann ist vierzig, er arbeitet als Chauffeur für eine Spedition, die Pakatnamu heisst, und er kann einem leid tun. Er habe ein Problem mit einem Reifen gehabt, sagte er nach seiner Festnahme, und so habe er den Sattelschlepper von der Strasse gelenkt, um nach dem Rechten zu sehen. Die Verbotsschilder an der Strasse habe er nicht bemerkt, so Jainer Jesús Flores Vigo.

Der Vorfall ereignete sich vergangenen Samstag zwischen den Ortschaften Palpa und Nasca, und der unscheinbare Strassenrand, den der Mann um 18 Uhr Ortszeit überfuhr, bei Kilometer 424 der Panamericana, die durch die Wüste im Süden Perus führt, war mehr als nur ein Strassenrand. Er war auch die Grenze, die zwei Welten trennt: eine Schnellstrasse und ein Schutzgebiet. Also die Gegenwart des Jahres 2018 und das grösste Zeugnis einer zwei Jahrtausende alten Kultur. Und so wurde der Entscheid, linkerhand die Fahrbahn zu verlassen, für Jainer Flores auch zum Moment, in dem er seine anonyme, vermutlich dürftig bezahlte Existenz verlor: Jenseits des Strassenrands erwartete ihn ein Dasein als Weltberühmtheit, doch das hatte er sich bestimmt so wenig gewünscht wie die Aussicht auf drei bis sechs Jahre Gefängnis. So sieht es das peruanische Strafgesetzbuch vor, nach Artikel 226 betreffend die Beschädigung oder Zerstörung archäologischer Denkmäler aus der präkolumbianischen Epoche.

«Lastwagenfahrer beschädigt Weltkulturerbe» (NZZ), «Driver arrested for damaging ancient Nazca site in Peru» («The Sun»), «Pedirán prisión preventiva para chofer que afectó líneas de Nasca» («El Comercio») – im Internet gibt es Bilder und ein Video des LKWs am Ende seiner Fahrt; offene Ladefläche, sieben Achsen, massig steht er in der Wüste, die flach ist bis zum Horizont, wo die Abendsonne steht. Etwas deplatziert sieht das Fahrzeug aus, wie ein in einer falschen Welt gestrandeter Besucher, doch den Schaden erkennt man nicht auf Anhieb: Das Weltkulturerbe ist topfeben wie der Wüstenboden.

Darum wurde es auch erst so spät entdeckt, in den 1920er-Jahren nämlich, als die ersten Linienflugzeuge die Gegend überflogen und die gigantischen Zeichnungen sichtbar wurden, die zweitausend Jahre niemand so zu Gesicht bekommen hatte, auch nicht ihre Schöpfer: der Affe, der Kolibri, der Hund, die Echse. Und dann all die schnurgeraden, kilometerlangen Linien, die Spiralen, Trapeze und Formen, die es in keinem Geometriebuch gibt. Später kam dann Erich von Däniken und machte die Zeichnungen von Nasca weltberühmt mit seiner Idee, sie seien die Landepisten prähistorischer Aliens.

Einen Rest von Geheimnis haben sie bewahrt; auch wenn mittlerweile klarer ist, dass sie in der Nasca-Kultur rituellen Zwecken dienten: Beschwörungen für Regen oder Fruchtbarkreit, bei denen man die Linien in Trance abschritt unter erheblichem Einfluss der Kaktusdroge Meskalin. Dabei sind die Zeichnungen oft nur wenige Zentimeter tief; wer von den Behörden eine Genehmigung zum Betreten des Gebiets bekommt, muss Schaumstoffschuhe tragen. Auf einem Twitter-Bild des Kulturministeriums wird die Sache klarer: Es zeigt die tiefen Furchen, die die Lastwagenpneus im Boden hinterlassen haben. Sie sollen sich über eine Länge von hundert Metern ziehen und drei Linien beschädigt haben, die zu einem Eidechsenbild gehören. Der Staatsanwalt will drei Monate Untersuchungshaft für Jainer Flores. Von ihm selber gibt es auch ein Foto, möglicherweise daheim im Wohnzimmer aufgenommen, und er blickt ziemlich verkniffen an der Kamera vorbei ins Licht, das von draussen in sein Leben fällt. Vielleicht fragt er sich in dem Moment gerade, wieso man eigentlich eine Autobahn mitten durch eine archäologische Stätte baut. Und warum sie keinen ordentlichen Pannenstreifen hat. (Der Bund)

Erstellt: 01.02.2018, 06:50 Uhr

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