High Barcelona!

400 Cannabis-Clubs mit 165'000 Mitgliedern: Wie Barcelona in der Wirtschaftskrise über Nacht zum neuen Amsterdam wurde.

Was darf es sein: «Kali Mist», «Green Poison» oder «Big Foot»? In den Cannabis-Clubs gibt es nur Gras für Mitglieder, theoretisch wenigstens. Foto: David Ramos/Getty Images

Was darf es sein: «Kali Mist», «Green Poison» oder «Big Foot»? In den Cannabis-Clubs gibt es nur Gras für Mitglieder, theoretisch wenigstens. Foto: David Ramos/Getty Images

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Wäre da nicht dieser grüne Stern, diskret platziert im Eingangsbereich eines Wohnhauses an der Carrer de Miquel Angel von Barcelona, man würde nichts ahnen. Doch dieses saftige Grün passt ganz gut zur süsslichen Schwade, die einem von drinnen entgegenweht. Eine Gegensprechanlage mit Videokamera filtert die Gäste. «Ja, was willst du?» Dann öffnet sich die Tür zu einem hübschen Vorraum mit Pflanzen, wie man ihn sonst von Wellnesscentern kennt, dann noch eine Tür zu einem Gang mit Buddha-Statuen und spärlich bestückten Bücherregalen, dann gleich noch eine Tür, als wären es Schleusen zum Glück. Man kann nicht behaupten, La Maca sei ein extrovertierter Ort. Man muss den Laden kennen, muss da rein wollen, rein in den Rausch. Und das wollen viele, ­jeden Tag.

La Maca ist einer der ältesten Cannabis-Clubs Barcelonas, 700 aktive Mitglieder. Und alt ist hier immer noch sehr jung: Gegründet wurde der Club 2007, zu einer Zeit, als es in Katalonien erst ein halbes Dutzend legale und private Vereine gab, die Marihuana selber produzierten und Mitgliedern zum Konsum in ihren Lokalen anboten. Ganz so, wie es ein altes spanisches Gesetz erlaubt.

Jede Nische wird bedient

Heute gibt es allein im Grossraum Barcelona 400 Clubs mit 165 000 Mitgliedern. Aus dem Boden geschossen, über Nacht gewissermassen. Grosse Clubs mit ausgewachsenen Kulturprogrammen, solche mit Liveübertragungen von Fussballspielen, andere mit schönen Desig­nerlounges, Restaurants und Chillräumen im Bali-Stil, solche mit einer medizinisch therapeutischen Abteilung. Jede Nische wird bedient. High Barcelona! Es soll auch einen kleinen Cannabis-Club geben, der von fünf Frauen über 80 ­geführt wird.

Die Medien nennen Barcelona schon «Das neue Amsterdam», «Amsterdam mit Sonne» oder «Amsterdam am Mittelmeer». Der Vergleich mit den holländischen Coffee Shops hinkt zwar, zumal juristisch. Doch die Breite das Phänomens ist ähnlich massiv. Es schuf tausende Jobs, linderte so manche Not in der spanischen Wirtschaftskrise.

Es ist 18 Uhr, ein Montag. La Maca ist gut besucht, man ist mit sich und mit dem Gesetz im Reinen. Im Raucherraum, einem Lokal mit abgewetzten Ledersofas und einer Playstation auf Grossbildschirm, hängen zwei Dutzend junge Männer aus allen Schichten rum. Sie lachen, dösen, drehen Joints, gamen. «Ken» misst sich gerade mit «Riu» in einem Kung-Fu-Spiel. Man kennt sich gut, wie in einer grossen WG. «Hola, qué tal?», «Hallo, wie geht es dir?»

Manche tragen Sonnenbrillen, obwohl hier kein Sonnenstrahl die Rauchwolke bricht, und sinken immer tiefer in die Sofas. Alles in Slow Motion, das Reden, der Lidschlag der Herrschaften ohne Sonnenbrille. Schon als Passivraucher ist man da schnell ein bisschen berauscht, obschon sich La Maca etwas einbildet auf die grossen Ventilationsrohre aus Aluminium an der Decke, die den Rauch abführen sollen. «Riechst du etwa was?» fragt Andrés, ein mexikanischer Mitarbeiter des Clubs, «ist doch wie in einer Bar: familiär, gesellig, normal, nicht wahr? Es könnte etwa mehr Mädchen vertragen, aber gut.»

Andrés sitzt an einer Theke im Bürobereich, dem Herzen des Vereins. Maximal 2 Gramm Marihuana pro Tag und Mitglied gibt er heraus. Von jedem weiss er, was er mag, wie viel er konsumiert. Er preist auch schon mal eine neue Sorte an, von der er glaubt, sie könnte gefallen. Auf einem Bildschirm steht das aktuelle Angebot: «Kali Mist» ist besonders beliebt. Und «Green Poison – Relax, Noche» eignet sich offenbar für eine sanfte Nachtruhe. Auch «Big Foot» hört sich ­irgendwie bewusstseinsverändernd an.

La Maca beschäftigt sechs Anbauer in Katalonien, denen der Verein ein fixes Salär bezahlt, damit sie ihre Arbeit nicht am Preis orientieren, am Business. Dürfen sie nicht. Sie produzieren nur so viel, wie die Mitglieder bestellen. So soll verhindert werden, dass ein Schwarzmarkt heranwächst.

Kontrollen auf der Strasse

Andrés weist gerade einen jungen Mann ab, der sich etwas kaufen will. Er ist zwar mit einem anderen jungen Mann gekommen, der schon Mitglied ist, wie das die Regeln vorschreiben. Er beteuerte auch, dass er schon geraucht habe, noch so eine Regel, um der Initiierung vorzubeugen. Doch einen Ausweis hat er nicht dabei. Wahrscheinlich ist er noch keine 18. Dann kommt auch schon ein Paar mit langen Rastazöpfen. Er zahlt, sie öffnet den obersten Knopf ihrer viel zu kurzen Hose, packt die beiden Säckchen in die Unterwäsche, knöpft die Hose wieder zu, dann verlassen sie den Club.

«Wenn sie draussen in eine Kontrolle geraten, geht uns das nichts mehr an», sagt Andrés. Draussen, an der nächsten Ecke. Eben noch standen da vier Polizisten. Vielleicht machten sie nur Verkehrskontrollen, vielleicht warteten sie aber auch auf Leute aus Hausnummer 116. Wer mit mehr als 30 Gramm erwischt wird, dem droht eine Busse von 300, 500, manchmal sogar 700 Euro. Auch das ist Gesetz: Die Spanier dürfen zwar für den Eigenbedarf Hanf anbauen, daheim im Garten oder in Minitreibhäusern drinnen, dürfen ihn auch von Vereinen für sich produzieren lassen und dann in den Clubs konsumieren. Doch Gras auf sich zu tragen, geht nicht, damit handeln sowieso nicht. Auch Rauchen im Freien ist verboten, obschon das natürlich alle tun – unten am Meer, im Stadium, in den Pärken.

Da vermischt sich Legales, Geduldetes und Illegales in einem grossen Durcheinander, einer juristischen Grauzone. In Zeiten der Rezession war jede Aktivität mit etwas Erfolgschancen willkommen. Die Branche wuchs so schnell und unkontrolliert, dass sich die katalanischen Politiker nun vor ihrer eigenen, sprichwörtlichen Toleranz fürchten. ­­ Die Grauzone hat eben auch schwarze Schafe angezogen. «Die Schuld tragen die Politiker», sagt Jaume Xaus, der Vorsitzende des Verbands der katalanischen Cannabisvereine, dem 40 Clubs angehören. «Sie haben es versäumt, die Branche rechtzeitig zu regulieren.» Nun gebe es alles, auch viel Unschönes. «Diese Vergleiche mit Amsterdam schaden uns. Wir haben unser eigenes Modell, unsere Kultur, sie ist über viele Jahre gereift.»

Barcelona war oft schon Spaniens ­gesellschaftspolitische Avantgarde. Die Katalanen distanzieren sich nun mal gerne von Madrid, von der Strenge der katholischen Kirche, von der konservativen Politik des Partido Popular, vom lähmenden Zentralismus. Im jungen, weltoffenen Barcelona ist selbst die bürgerliche Rechte aufgeschlossener und moderner als die Linke in Madrid. Auch wenn es ums Kiffen geht.

Eine Art Kulturkampf

Ausgerechnet in der Zeit, da in Madrid der sozialistische, einst gefeierte Gesellschaftsreformer José Luis Zapatero regierte, verteilte die Polizei besonders aggressiv Bussen an Kiffer. «Die brauchten wohl Geld, da waren wir ein einfaches Ziel», so Xaus. Er bezeichnet sich selber als einen ludischen Raucher, als Genusskiffer. Sein Engagement für die Legalisierung sieht der frühere Mechaniker als Kulturkampf. «Wenn Katalonien unabhängig wäre», sagt er lächelnd, «wäre ­alles einfacher.»

High Barcelona! Seit 17 Jahren liegt hier an den Zeitungsständen eine Monatszeitschrift auf, die sich allen Aspekten der Cannabis-Kultur widmet, dem Anbau, der Züchtung neuer Sorten, dem Konsum: «Cañamo» heisst das Heft, das durchschnittlich 20 000 Exemplare verkauft. In Barcelona gibt es auch ein «Hash, Marihuana & Hemp Museum», einen Ort der stolzen Selbstspiegelung in der Altstadt, der gern Konferenzen zum Thema organisiert und dazu die ­lokalen und nationalen Medien einlädt.

Und eben, es gibt inzwischen einige Hundert Clubs. Viele von ihnen leben von den Touristen, obwohl das eigentlich nicht dem Geist des Gesetzes entspricht. Manche ködern Gäste beim Flanieren in den Ramblas, weisen ihnen den Weg zu ihren Lokalen ohne Neonschilder, etwa zum Dragon Cannabis Club oder zum Barcelona Coffee Shop, stellen ihnen schnell und für wenig Geld einen Mitgliederpass aus, damit die minimalen rechtlichen Kriterien erfüllt sind. Natürlich ist bereits das Anwerben Geschäft.

Manche Clubs ignorieren alle Regeln, verkaufen auch Ware, die sie nicht selber angebaut haben. «Das drängt die Politiker dazu, repressiver zu handeln, als sie das eigentlich vorhatten, regressiver auch», sagt Xaus, der zuweilen als Vermittler in den politischen Kommissionen mitarbeitet. «Colorado rückt in die Ferne.» Eine Legalisierung, eine Freigabe des Konsums wie in dem US-Bundesstaat ist das Ziel.

Mit Razzien und Inspektionen soll wohl ein abschreckendes Zeichen gesetzt werden. Kürzlich teilte «Cañamo» seinen 22 000 Followern auf Twitter alarmiert mit: «Die Guardia Civil fliegt Einsätze mit ihren Helikoptern. An alle Hanfbauern da draussen: Passt auf!» Die spanische Produktion von Marihuana ist mittlerweile so gross, dass das Angebot die Nachfrage im Land nahezu deckt und nur noch wenig aus Marokko importiert wird: Zwischen 2009 und 2013 hat der spanische Anbau um 532 Prozent zugelegt. Das milde mediterrane Klima an den Ostküsten, von Katalonien bis nach Andalusien, eignet sich offenbar vorzüglich für die Marihuana-Produktion.

Manche Hanfbauern verstecken ihre Plantagen in grossen Maisfeldern. In der Krise sind das wahre Industriebetriebe geworden. Die spanische Ware ist billiger als die importierte. Die Preise haben sich mittlerweile auf einem tieferen ­Niveau stabilisiert. Auch das fördert den Konsum – und den Bedarf nach Aufklärung und Suchtprävention.

Barcelonas Stadtverwaltung hat nun ein Moratorium erlassen: Ein Jahr lang dürfen keine neuen Cannabis-Clubs eröffnet werden. Bislang reichte dafür eine einfache Anmeldung. Ein umfassendes Regelwerk soll das Gesetz bald ergänzen und komplettieren, die Missbräuche unterbinden. Kein Club wird mehr in der Nähe einer Schule stehen dürfen, jeder muss Abluftröhren montieren, wie sie La Maca hat, damit die Nachbarschaft nicht vernebelt wird. Die Konten sollen sauber geführt, der Stoff von den Plantagen zu den Clubs nach ­genauen Vorgaben transportiert werden, immer von denselben Fahrern. Vor allem aber soll es künftig so sein, dass nur noch Mitglied eines Cannabis Clubs werden darf, wer in Katalonien lebt. Theoretisch wenigstens.

Amsterdam light? Auf spezialisierten Websites gibt es Foren und Führer durch Barcelonas Szene, die besten Adressen, die wichtigsten Informationen zum Gesetz und ständig aktualisierte Tricks zur Düpierung der Polizei: «Wenn du Bullen vor den Clubs patrouillieren siehst», schreibt einer auf Englisch, «geh einfach weiter und kehr später zurück.» Ein gewisser «b.stoner103» bietet Hilfe an, auf die Schnelle einen Einheimischen zu finden, der Mitglied eines Vereins ist, und einen Besucher gerne mitnimmt.

Er grüsst so: «Welcome to Barcelona, the new Smoking Capital of the World.» Welthauptstadt also, über Nacht.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 07.10.2014, 06:49 Uhr

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