Der 400-Millionen-Sturm und Bulat im Grossformat

Heute startet die Champions League in ihre 22. Saison – ein Blick von Liverpool bis in die Geldkoffer der Uefa.

Ein Leichtgewicht als Hoffnungsträger einer ganzen Nation: Raheem Sterling, FC Liverpool. Foto: Keystone

Ein Leichtgewicht als Hoffnungsträger einer ganzen Nation: Raheem Sterling, FC Liverpool. Foto: Keystone

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Raheem Sterling
Mutter Mourinho

Geboren in Maverley, einer Gegend mit sehr schlechtem Ruf in Jamaikas Hauptstadt Kingston. Betreut meistens von der Grossmutter. Ausgewandert nach London zusammen mit seiner Mutter, als er fünf war. Geprägt von Gewalt und Kriminalität in London, einmal von der Schule verwiesen, in eine Lehreinrichtung für Schwererziehbare gesteckt. Als er zehn war, hatte er den Vater schon verloren, nachdem der ermordet worden war; und ein Lehrer sagte ihm eines Tages voraus: «Wenn du diesen Weg weitergehst, spielst du mit 17 entweder für England oder du landest im Gefängnis.»

Der Lehrer irrte sich nicht. Raheem Sterling debütierte im November 2012 im Nationalteam, einen Monat vor seinem 18. Geburtstag. Noch schneller war er selbst Vater geworden, mit 16, diverse weitere Kinder wurden ihm angedichtet, und einmal wurde er verhaftet, weil er seine Freundin körperlich attackiert haben soll. Eines hat er inzwischen daraus gelernt: «Ich muss mich in meinem ­Leben professioneller verhalten.»

Das Leichtgewicht von 1,70 m und 69 kg ist dank seiner Schnelligkeit und spielerischen Perfektion eine der ­grossen Hoffnungen – für eine bessere ­Zukunft des englischen Nationalteams, und beim FC Liverpool sagt sein Trainer Brendan Rodgers: «Ich sehe in Europa keinen Besseren in seinem Alter.» Captain Steven Gerrard ist Sterlings Mentor, und da gibt es auch noch die Mutter. Zu den Spielen ihres Sohnes geht sie erst, seit sie gemerkt hat, wie wichtig ihm der Sport ist. Sie hat sich in die Materie ­vertieft, so sehr, dass er jetzt sagt: «Sie denkt, sie sei José Mourinho.»


Schachtar Donezk
Ein Team auf der Flucht

Geflohen waren sie, die Fussballer von Schachtar Donezk, abgesetzt hatten sie sich nach einem Testspiel in Lyon, zumindest die sechs Spieler aus Südamerika. Nur ein Begehren hatten sie: Sie wollten nicht mehr zurück in den Donbass, zurück ins Kampfgebiet zwischen ukrainischen Truppen und prorus­sischen Separatisten. Schachtar-Boss ­Rinat Achmetow schäumte vor Wut und drohte den Abtrünnigen mit dem Prozess. Doch als ein paar Wochen später die wunderschöne Donbass-Arena in Donezk bei Kämpfen schwer beschädigt wurde, da zügelte er den Club kurzerhand nach Kiew.

Schachtar ist seit 2002 eine feste Grösse in der Champions League. Neunmal in den vergangenen zwölf Jahren nahm es daran teil und schlug – 2008 – unter anderem den FC Basel daheim 5:0. Doch wie will man seinen Platz an der Spitze halten, wenn der eigene Wert auf dem Transfermarkt derart sinkt? Im Vorjahr hatte Schachtar rund 70 Millionen Euro für neue Spieler ausgegeben, noch 12 Millionen waren es diesmal. Für Heimspiele weicht der Club ins neue ­Stadion von Lemberg aus, 2012 wie die Donbass-Arena ein EM-Austragungsort. Gleich vier Teams der Premyer Liga teilen es sich nun, drei davon stammen aus Donezk. Um es wenigstens halbwegs zu füllen, kosten Eintrittskarten für Ligaspiele umgerechnet 1,15 Franken.


FC Barcelona
Der 400-Millionen-Sturm

Es ist ein Angriff, der Angst einflösst, und das liegt nicht an den Zähnen von Luis Suárez allein. Mit dem Zuzug des Uruguayers hat der FC Barcelona seinen Sturm endgültig veredelt. Messi, Neymar, Suárez. Etwa 400 Millionen Franken Transferwert. Und weil sich in den Testspielen Neymar und Messi, der ­Brasilianer und der Argentinier, so gut verstanden wie nie in ihrer gemein­samen Zeit, schwärmen die Gazetten. «Ein neues Barcelona – und Messi und Neymar führen es», schrieb «Marca». Suárez bleibt noch bis zum 24. September gesperrt und verpasst so den ­Champions-League-Auftakt morgen ­gegen Apoel.

Barcelona will sich für eine enttäuschende Saison rehabilitieren. Out im Champions-League-Viertelfinal gegen Atlético Madrid. Auch in der Liga überstrahlt vom Arbeiterclub aus der Hauptstadt. Und der ewige Rivale Real gewann zu allem Überdruss auch noch die ­Königsklasse. Ein Jahr zum Vergessen. Dazu passte noch, dass die Fifa über den Club eine Transfersperre von einem Jahr verhängte. Mit dem Einspruch konnte wenigstens dieser Bann verzögert – und Suárez nach Barcelona geholt werden. Ach: Und Ivan Rakitic und Marc-André ter Stegen. Dass auch Xavi blieb, der in die Jahre gekommene Magier, ist wohl ebenfalls kein Nachteil.


Olympiakos Piräus
Bulat im Grossformat

Schlimme Finger gibt es einige in der Welt des Fussballs. Typen wie Bernard Tapie, Jesús Gil y Gil oder Bulat Tschagajew – gerade Zwiegestalten werden durch den Glamour scheinbar magisch ange­zogen. Ein besonderes Exemplar heisst Evangelos Marinakis (47) und ist Präsident von Olympiakos Piräus, dem neuen Arbeitgeber des Schweizer Nationalspielers Pajtim Kasami. Seit über zwei Jahren ermittelt die Staatsanwaltschaft in Athen ­gegen den schwerreichen Reeder, seit 2010 Besitzer des Clubs. Seit über zwei Jahren tut sie es vergeblich.

Um Bestechung geht es bei dieser ­Untersuchung, um Bestechlichkeit ganz generell und Betrug und versuchten Totschlag. Insgesamt um die mafiöse Aura also, die Marinakis umgibt. Nachdem er in der Verlängerung eines Cupspiels ­einmal die Kabine des Unparteiischen aufgesucht hatte, bescherte der Olympiakos hinterher mit lächerlichen Entscheiden den Sieg. Ein anderer Schiedsrichter sah nach einer Piräus-Niederlage seine Bäckerstube explodieren. Marinakis hat Freunde in der Politik, im griechischen Fussballverband, der abgekürzt Epo heisst. In Medienhäusern gar – nicht nur Spieler, auch Journalisten wurden auf sein Geheiss schon entlassen.

Diese Vorwürfe sind Gegenstand laufender Ermittlungen, die immer wieder verzögert werden. So ist nur eines derzeit völlig unbestritten: Seit Marinakis im Amt ist, ist Olympiakos noch jedes Jahr Meister geworden. Jetzt haben die Vertreter von Juventus, Atlético Madrid und Malmö das zweifelhafte Vergnügen, ihn kennen zu lernen.


Die Geldmaschine
Immer mehr Milliarden

1992 war das Jahr, als die Geldmaschine Champions League konstruiert wurde. 145 Millionen Franken garantierte die ­Vermarktungsagentur «Team» der Uefa für die ersten beiden Jahre des neuen ­Wettbewerbs. Kritiker wie Ottmar Hitzfeld sagten: «Anscheinend ist der ­Kommerz wichtiger als der Sport.» Solche Stimmen verstummten allerdings schnell, zu gross war der sportliche Ruhm, der auch für Trainer wie Hitzfeld abfiel.

Rund 1,4 Milliarden Franken nimmt die Uefa inzwischen aus dem Verkauf der TV- und Marketingrechte ein, und ab nächstem Sommer werden es 2,1 Milliarden sein, weil British Telecom für die folgenden drei Jahre 1,3 Milliarden bezahlt, rund doppelt so viel wie derzeit Sky und ITV. 1,085 Milliarden gingen letzte Saison als Prämien an die 32 Teilnehmer der Gruppenphase. Davon fielen 16 Millionen für den FC Basel ab. Dass er danach noch für drei K.-o.-Runden in der Europa League 1,5 Millionen erhielt, kam einem besseren Trinkgeld gleich.

47,383 Millionen verbuchte der FCB von 2008 bis 2013 an «Einnahmen aus Uefa-Spielen», immer ohne Billettverkäufe. Das ist ein stolzer Betrag für die Schweiz, international aber bescheiden. Mindestens so viel erhielten die Grössen aus Madrid, Manchester und München allein letzte Saison. Im Vergleich zu ihnen hat der FCB einen Nachteil: Er erhält aus dem Marktpool um die 25 bis 30 Millionen weniger als die Clubs aus den grossen TV-Märkten. Da werfen die privaten ­Anbieter noch ganz anders mit dem Geld um sich als der Staatssender SRG. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 16.09.2014, 07:05 Uhr

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