«Aufgetischt»: Bahnhofbuffet reloaded

Bern hat ein Bahnhofbuffet. Es ist das Restaurant Côté Sud.

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Markus Dütschler

Bahnhofbuffets waren einst der kulinarische Wartesaal für die grosse weite Welt. Meist waren es hohe Räume, welche mit Gemälden von schönen Orten dekoriert waren, zu denen einen die Bahn hinfährt. Es hiess, das Essen sei gut, nicht zu teuer – und es komme rasch. Das war wichtig, denn wenn die Abfahrtszeit näherrückte – und kein Halbstundentakt ein Verpassen zum vernachlässigbaren Missgeschick minimierte –, war man in ein paar Schritten bei seinem Zug. Viele Buffets sind verschwunden, oder die Räume wurden mehr oder weniger verschandelt und zweckentfremdet, etwa für 08/15-Shopping.

In Bern waren die Bahnhofbuffets – sie waren analog der Komfortklassen unterteilt in erste, zweite und dritte Klasse – das Reich der Gastronomenfamilie Haller. Ein Buffet hiess Swiss Express, denn seine Aussendekoration entsprach farblich dem Mitte der 1970er-Jahre in Betrieb genommenen Schweizer Städteschnellzug in den Farben orange-crème. Heute dampfen die Pfannen, Steamer und Mikrowellengeräte an allen Ecken und Enden des Hauptbahnhofs, aber ein richtiges Buffet gibt es nicht mehr.

Oder doch? Natürlich gibt es im Hauptbahnhof noch immer Restaurants, in denen man gemütlich sitzen kann. Nein, wir sprechen nicht vom Hiltl. Wir haben diesen «In-Place» nicht etwa wegen des kürzlich erschienenen Artikels in der «SonntagsZeitung» gemieden, in dem sich eine Redaktorin darüber beklagte, auf Schritt und Tritt von Hiltl verfolgt zu werden, zumal ihr «die Reisgerichte und Salate, die irgendwie alle ein wenig nach Curry schmecken», etwas verleidet seien.

Wir wollten höher hinaus und gingen ins Galerie-Geschoss, ins Côté Sud. Dort setzten wir uns auf den Südbalkon. Das tönt gut, die Sonne schien (noch), doch ist der Balkon kein wirklich idyllischer Ort, weil unten der Verkehr braust. (Was nicht als Votum zuhanden der RGM-Regierung verstanden werden soll, den Bahnhofplatz doch noch autofrei zu machen.) Wir tranken ein paar Bier, und als sich immer mehr Wolken vor die Sonne schoben und erste Tropfen fielen, flüchteten wir ins Innere des Restaurants, das einen gewissen Wartesaal-Charme ausstrahlt. Wir studierten die Karte, die italienisch daherkommt, was nicht verwundert, gehört doch das Côté Sud zum Autogrill-Gastrokonzern. Dieser betreibt neben dem Restaurant im Bahnhof auch die Raststätte in Münsingen und etliche weitere in der Schweiz. Der Konzern ist in fünf weiteren europäischen Ländern vertreten.

Wir bestellten einen Grossen Cäsarsalat mit Scaloppine (Fr. 22.90) und eine Portion Casoncelli, eine Teigtaschenspezialität aus der Region von Bergamo (Fr. 20.90). Nicht schlecht staunten wir, als die robuste Kellnerin das Essen brachte. Der Salat mit den panierten Schnitzelstückchen und krossen Brotwürfeln füllte eine gläserne Salatschüssel. Dazu wurde Brot gereicht samt einer Flasche Olivenöl. Wir stiegen von Bier auf Wein um und genossen einen kräftigen Primitivo (Fr. 4.95/dl). Italienisch gings auch beim Dolce weiter: eine Panna cotta (Fr. 6.90) und ein Tiramisù (Fr. 7.90). Beide Desserts schmeckten vorzüglich. Wir schauten uns immer wieder um und beobachteten, wie sich Tische leerten und neue Gäste kamen, wie Leute mit Gepäck dem Ausgang zustrebten. Und die fleissigen Kellnerinnen und Kellner, die das Gewünschte zu den Tischen brachten: Ja, hier wird noch serviert.

Wir fanden das Essen schmackhaft, frisch und gut gemacht und waren uns einig, dass man mit dem Begriff Autogrill nicht länger die Bilder von früher vor Augen haben sollte, als in Autobahngaststätten irgendein Mampf auf die Teller geklatscht wurde. Das hier dünkte uns um Klassen sorgfältiger gemacht. Hatte uns nicht jemand kürzlich erzählt, bei einer Besprechung an einem Sonntag ebenfalls hier gegessen zu haben, und die Teilnehmer hätten die Kost gelobt? Und hatten wir nicht selbst im Flughafen Zürich die gleiche Erfahrung mit einem Autogrill-Restaurant gemacht? Bern hat ein Bahnhofbuffet, und das ist gut so.

Der Bund

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