Hintergrund

Die zweifelhaften Methoden der IV

Die IV-Stelle Zürich verlangte von der Psychiatrischen Uniklinik, im Fall von Elsbeth Isler einen Bericht umzuschreiben. Zudem diagnostizierte sie ohne Untersuchung eine schwere Persönlichkeitsveränderung.

Die Gutachten, ob sie wieder arbeiten konnte, widersprachen sich: IV-Patientin Elsbeth Isler.

Die Gutachten, ob sie wieder arbeiten konnte, widersprachen sich: IV-Patientin Elsbeth Isler. Bild: Reto Oeschger

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Elsbeth Isler sollte zu einem leuchtenden Beispiel werden. An ihrem Fall wollte die Invalidenversicherung (IV) zeigen, wie leicht sich Menschen wieder in den Arbeitsprozess integrieren lassen, denen man die IV-Rente aberkannt hat (siehe Kasten).

Nach mehr als einjährigen Bemühungen steht Isler nun aber als Beispiel dafür, wie schwierig dies sein kann: Für die 59-jährige Fehraltorferin konnte die IV-Stelle Zürich keine Arbeit finden. Seit kurzem bezieht sie wieder eine volle IV-Rente. Immerhin muss Isler keine Existenzängste mehr haben – das ist die positive Nachricht. Irritierend ist allerdings, welche Methoden die IV angewandt hat, um zu diesem Ergebnis zu kommen.

«Gute Arbeitsfähigkeiten»

Anfang April 2012 unterzog sich Isler in Absprache mit der IV einer vierwöchigen Abklärung ihrer «Arbeits- und Lebenssituation» an der Psychiatrischen Universitätsklinik Zürich. In der Metallgruppe fertigte sie künstlerische Gegenstände, begleitet von einem Arbeitstherapeuten. Dieser attestierte ihr in seinem Schlussbericht vom 9. Mai trotz hoher Schmerzbelastung «eine hohe Motivation und gute Arbeitsfähigkeiten». Um das Ziel einer «dauerhaften Integration im allgemeinen Arbeitsmarkt» zu verfolgen, empfahl er «ein geeignetes Aufbau- oder Belastungstraining».

Dieses fand im Wisli statt, einem Zentrum für Wiedereingliederung in Bülach. Dem Schlussbericht vom 22. August ist Folgendes zu entnehmen: «Frau Isler digitalisiert seit sechs Wochen Dateien. (...) Diese Tätigkeit entspricht ihr und macht ihr Spass. (…) Sie arbeitet sehr genau, zuverlässig und hat ein gutes Auge fürs Detail.» Gleichwohl gelang es nicht, ihr Arbeit zu vermitteln. Denn, so hiess es im Bericht weiter: «Eine Anstellung im freien Arbeitsmarkt, wo sie sich dem Arbeitsrhythmus und den Rahmenbedingungen eines Arbeitgebers anpassen muss, betrachten wir als unrealistisch.» Das Wisli empfahl der IV den Abbruch der Eingliederungsmassnahmen und «die Einleitung der Rentenprüfung».

Damit konstatierte auch das Wisli-Team, was diverse Fachärzte schon 2009 festgestellt hatten: Isler war körperlich zu sehr handicapiert, um auf dem Arbeitsmarkt bestehen zu können. Diese Expertenmeinungen hatte die IV damals beiseitegewischt.

Aus positiv wurde negativ

Der IV-Stelle Zürich lagen nun zwei diametral entgegengesetzte Einschätzungen vor: Für die Uniklinik war Isler zu 30 bis 40 Prozent erwerbsfähig; der zuständige Therapeut sah durchaus Chancen, sie in den Arbeitsprozess zu integrieren. Das Wisli hingegen vertrat die gegenteilige Auffassung. Was tun?

Die IV gelangte erneut an die Uniklinik und forderte die Verantwortlichen auf, ihre optimistische Einschätzung «zu überprüfen». Dies räumt Daniela Aloisi, Sprecherin der IV-Stelle Zürich, schriftlich ein. Für die Uniklinik war der Wunsch der IV Befehl. Der Arbeitstherapeut holte seinen sechsseitigen Bericht vom 9. Mai auf den Bildschirm, drehte seine Einschätzungen ins Negative und datierte den ansonsten unveränderten Bericht neu auf den 17. September. Isler erfuhr davon nichts.

Dem TA liegen die beiden Versionen integral vor. Folgende Passagen belegen, welch gravierende Veränderungen der Therapeut an seinem Text vornahm:


Version 1: «Sie konnte dadurch erleben, dass ihre Belastungsgrenzen sich teilweise veränderten und sie zudem ein grösseres Gefühl an Produktivität erreichte.» Version 2: «Sie konnte ihre Belastungsgrenzen nicht erweitern und nur kurzzeitig ein grösseres Gefühl an Produktivität erreichen.»

Version 1: «In diesem Zusammenhang erkannte Frau Isler, dass sie in der Auseinandersetzung mit Institutionen und der Durchsetzung ihrer Interessen neue Strategien entwickeln kann. In diesem Prozess war sie offen für Beratungen.» Version 2: «In diesem Zusammenhang wirkte Frau Isler in der Auseinandersetzung mit Institutionen und der Durchsetzung ihrer Interessen starr, konfrontativ und teilweise unrealistisch.»

Version 1: «Frau Isler konnte ihre durch Kampf geprägte Rolle und die entsprechenden Strategien überprüfen und erweitern, erlebte dadurch ein deutliches Gefühl der Produktivität und eine zusätzliche Druckentlastung.» Version 2: «Frau Isler konnte ihre durch Kampf geprägte Rolle und die entsprechenden Strategien nicht verändern und erlebte durch die Teilnahme an Modul A eine zusätzliche Belastung ihres Alltags.»


Nachdem der Therapeut zuerst festgehalten hatte, dass Isler «bei konkreter Anpassung der Arbeitsbedingungen an ihre körperlichen Möglichkeiten» zu 30 bis 40 Prozent arbeitsfähig sei, schrieb er nun: «Auch bei einer konkreten Anpassung der Arbeitsbedingungen an ihre körperlichen Möglichkeiten ist aktuell eine Restarbeitsfähigkeit für eine dauerhafte Tätigkeit in einem Anstellungsverhältnis am ersten Arbeitsmarkt nicht erkennbar.»

Uniklinik-Sprecherin Zsuzsanna Karzai bestätigt, dass man auf Wunsch der IV gehandelt habe. Die Frage, ob es üblich sei, Berichte so abzuändern, beantwortete sie nicht und verwies an die IV. Diese verweigerte dem TA ein Interview mit dem IV-Stellenleiter Marc Gysin.

«Diagnose» ohne Untersuchung

Nachdem Islers «Arbeitsunfähigkeit» auf diese Weise dokumentiert war, hätte ihr die IV die Rente ohne weiteres wieder zusprechen können. Das allerdings hätte die Frage aufgeworfen, warum man Isler 2010 arbeitsfähig geschrieben und ihr die Rente aberkannt hatte. In dieser Situation ging die IV-Stelle noch einen Schritt weiter. Sie attestierte Isler zwecks Begründung der Rente eine «schwere Persönlichkeitsveränderung» – ohne sie psychiatrisch untersucht zu haben. Von dieser «Diagnose» erfuhr Isler erst, als der TA mithilfe ihrer Vollmacht die IV-Akten eingesehen hatte.

Im Dokument «Verlaufsprotokoll Eingliederungsberatung» vom 15. Januar 2013 ist Folgendes festgehalten: «Wir kamen zum Ergebnis, dass aus psychischen Gründen die vP (versicherte Person, die Red.) leistungseingeschränkt ist und es sich bei ihr um eine schwere Persönlichkeitsveränderung handelt, die uns schlussendlich veranlasste, die Rente wieder zuzusprechen, da die zuerst angenommene Arbeitsfähigkeit leider nicht umzusetzen ist.»

«Ich bin froh, dass ich meine IV-Rente wieder bekomme»

Für den Winterthurer Rechtsanwalt und Versicherungsspezialisten Massimo Aliotta ist klar: «Eine so schwerwiegende Diagnose hätte die IV nur stellen können, wenn man die Klientin noch einmal medizinisch begutachtet und einen zusätzlichen Bericht verfasst hätte.» Das geschah nicht. Laut den IV-Akten stützten die zuständige Ärztin des regionalen ärztlichen Dienstes (RAD) sowie die Sachbearbeiterinnen der IV und des Wisli ihre «Diagnose» auf Aussagen, die Isler 2005 in der Schmerzsprechstunde des Zürcher Unispitals gemacht hatte: Sie habe in ihrer Kindheit unter der physischen und psychischen Gewalt ihres alkoholkranken Vaters gelitten. Von einer «schweren Persönlichkeitsveränderung» ist im Bericht des Unispitals nirgends die Rede. Sieben Jahre später zog die IV, wie aus den Akten hervorgeht, gleichwohl den Schluss, es sei «sehr wahrscheinlich», dass sich Islers körperliches Leiden «auf dem Boden der psychischen Störung entwickelt hat und nicht umgekehrt».

Für Isler ist die Sache zwiespältig: «Ich bin froh, dass ich meine IV-Rente wieder bekomme und davon leben kann. Aber es ist nicht leicht zu ertragen, wenn man einfach so für psychisch schwer gestört erklärt wird.» (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 04.02.2013, 06:48 Uhr

Der Fall Isler
Verlust der IV-Rente über Nacht

Elsbeth Isler (59) aus Fehraltorf hatte wegen eines schweren Rückenleidens und der damit verbundenen Arbeitsunfähigkeit sechs Jahre lang eine volle IV-Rente bezogen. Ende 2009 erhielt sie ein Aufgebot ans Ärztliche Begutachtungsinstitut (ABI) in Basel, wo sie von einem «fliegenden Gutachter» aus Wien untersucht wurde. Dieser vertrat die Auffassung, sie sei zwar in ihrer angestammten Tätigkeit als Betreuerin in Behindertenwerkstätten vollständig arbeitsunfähig, könne aber in einer angepassten körperlichen Tätigkeit ein Arbeitspensum von 80 Prozent bewältigen.

Das Attest hatte Folgen: Die IV reduzierte die volle Rente auf eine Viertelrente, wodurch Isler in finanzielle Not geriet. Die IV hatte mit ihr in den sechs Jahren nie ein Gespräch über Eingliederungsmassnahmen geführt. Und nun teilte ihr das Regionale Arbeitsvermittlungszentrum (RAV) schon beim ersten Treffen mit, mit solchen Beschwerden sei sie im Arbeitsmarkt nicht vermittelbar.

Der TA publizierte diese Geschichte am 14. September 2011. Damals liess die Zürcher IV-Stelle verlauten, sie wolle ihr «breites Netzwerk zu Arbeitgebern im Kanton» nutzen, um Isler Arbeit zu verschaffen.Dass das schwierig werden würde, war absehbar. Denn 2009, unmittelbar vor der Aberkennung der Rente, hatte ein Facharzt festgehalten, unter welchen Umständen Isler arbeitsfähig wäre: Sie könne «nicht über dem Kopf oder in gebückter Haltung arbeiten, höchstens 5 bis 10 kg heben, nicht länger als 5 Minuten an einem Ort stehen, nicht länger als 15 Minuten am Stück sitzen und höchstens 10 Minuten gehen», dies bei «regelmässigen Pausen mit der Möglichkeit, sich hinzulegen und entsprechend den Beschwerden abwechslungsweise zu sitzen, zu gehen und zu stehen». (res)

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