«Gegenüber dem Staat verspüre ich Wut und Groll»

Als Säugling kam er ins Heim. Später war er Heimleiter. Seine Kindheit hat Sergio Devecchi lange verschwiegen.

Heute setzt sich Sergio Devecchi für ehemalige Verdingkinder ein.

Heute setzt sich Sergio Devecchi für ehemalige Verdingkinder ein. Bild: Franziska Rothenbühler

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Herr Devecchi, Sie wurden im Heim als «Kinderknecht» eingesetzt, geschlagen und zu einer «kleinen Betmaschine» erzogen. Warum wurden Sie selber Heimleiter?
Nach meiner KV-Lehre fragte mich ein Sozialarbeiter, ob ich Sozialpädagoge werden wolle. So kam ich nach kurzer Zeit wieder zurück ins Heim. Aber wahrscheinlich hat meine starke Heimprägung dazu geführt, dass ich nicht loslassen konnte. So wie ein Sohn von einem starken Vaterbild nicht loslassen kann.

Als Heimleiter haben Sie Ihr Schicksal als Heimbub verdrängt. Ist Verdrängen die richtige Strategie?
Das war damals die einzig mögliche Strategie für mich. Ich wurde siebzehn Jahre lang sehr fromm auf Anpassung erzogen. Das ist eine Prägung fürs Leben.

Jugendliche warfen Ihnen als Heimleiter vor, Sie hätten doch keine Ahnung vom Heimleben. Da hätten Sie sich doch outen müssen?
In solchen Situationen habe ich jeweils den Kopf eingeschaltet. Wenn ich mich geoutet hätte, wäre es wie eine Rechtfertigung und Anbiederung den Jugendlichen gegenüber gewesen. Zudem war die Angst vor einer erneuten Stigmatisierung oder vor dem Psychologisieren zu gross.

Haben Sie sich Ihr Outing für später aufbewahrt?
Nein. Ich wollte es eigentlich gar nie sagen. Aber als Präsident von Integras, des Schweizerischen Fachverbands für Sozial- und Sonderpädagogik, wurde ich im Jahr 2008 von den Macherinnen der Ausstellung «Verdingkinder reden» um Unterstützung gebeten. Dort habe ich realisiert, dass ich mit meiner Geschichte nicht allein auf der Welt bin. Mir wurde klar, dass ich auch reden musste. Und ich wartete den richtigen Moment dafür ab.

Wann war dieser Moment?
Am Tag meiner Pensionierung im Jahr 2009 habe ich eine Fachtagung organisiert unter dem Titel «60 Jahre Heimerziehung – ein Blick zurück in die Zukunft und ein Abschied». Im Titel klang das Outing an. An der Tagung habe ich meine Geschichte bruchstückhaft in die Moderation eingeflochten.

Das war aber bloss ein Teil-Outing?
Ja. Ich habe mich erst nachher mit der Aufarbeitung befasst und habe bei der Organisation des Gedenkanlasses für Verding- und Heimkinder im Jahr 2013 mitgeholfen. Da habe ich mich zu erkennen gegeben.

Bundesrätin Simonetta Sommaruga sagte Ihnen am Tag des Anlasses, sie wisse, was Sie durchgemacht hätten. Woher wusste sie das?
Damit hat sie wohl ihr Mitgefühl für unsere Schicksale ausgedrückt. Ich habe mich vor der Veranstaltung stark dafür eingesetzt, dass die einstigen Verding- und Heimkinder das letzte Wort haben sollen. Bundesrätin Sommaruga sollte sich nicht entschuldigen, sondern uns um Entschuldigung bitten. Im Fall einer blossen Entschuldigung hätten wir wieder nichts zu sagen gehabt.

Die Schweiz brauchte lange, bis sie das Unrecht an den Opfern von fürsorgerischen Zwangsmassnahmen eingestand. Hat das Schweigen der Opfer dazu beigetragen?
Man darf jetzt nicht die Opfer verantwortlich machen. Ich wurde bereits als Säugling versorgt und habe nie die schützende Hand des Staates erlebt. Das prägt sich tief ein. Man hat das Gefühl, man sei selber schuld an seinem Schicksal und habe etwas falsch gemacht.

Sie erwähnen Menschen, die zum Alkoholiker geworden sind oder sich anderweitig zerstört haben. Aber es gab doch sicher auch welche, die rebelliert haben?
Rebellion gab es meist nur gegen sich selber. Der Sturz in die Drogen oder den Alkohol ist ein leiser Vorgang. Das wurde gesellschaftlich erst relevant, als eine breite Öffentlichkeit geschaffen wurde. So wie die Betroffenen verdrängt haben, hat auch die Schweiz verdrängt.

Sie starteten Ihre Heimleiter-Karriere in der 1968er-Zeit. Ging der damalige Furor der Vergangenheitsbewältigung an Ihnen vorbei?
Ich war damals zwanzig Jahre alt. Ich war noch gar nicht in der Lage, zu erfassen, was mir geschehen war. Die Scham war zu gross und sass zu tief. Zudem war die 68er-Heimkampagne auf die damaligen Zustände fokussiert und nicht auf die Geschichte. Die Verdingkinder zum Beispiel waren noch kein Thema.

Ihre Mutter war Ihnen gegenüber kalt. Haben Sie ihr verziehen?
Ich musste ihr nichts verzeihen, weil sie nichts Falsches getan hatte. Sie war auch ein Opfer und hatte Glück, dass sie nicht selber wegen «liederlichen Lebenswandels» administrativ versorgt wurde. Ich wurde ja nur deshalb versorgt, weil ich unehelich gezeugt wurde.

Trotzdem: Als Heimbub haben Sie Ihre Mutter eiskalt erlebt.
Das war wohl ihre Strategie, mit dem Verlust umzugehen. Meine Mutter ist jetzt über neunzig Jahre alt, und es ist schwierig, mit ihr darüber zu reden. Stellen Sie sich einmal vor: Sie kam eines Tages nach Hause und ihr zehn Tage altes Baby lag nicht mehr in seinem Bett. Ihre Fragen über meinen Verbleib blieben unbeantwortet. Später lügt man sie an und sagt ihr, ich sei adoptiert worden und es gehe mir gut. Irgendwann hat sie wohl resigniert und entschieden, mich nicht mehr in ihr Leben einzubeziehen.

Aber auf die Grossmutter müssten Sie doch wütend sein? Sie und der Pfarrer haben Sie mithilfe der Behörden versorgt.
Ich empfinde Menschen gegenüber grundsätzlich keine Wut.

War dem auch so, als Ihnen ein Betreuer auf den Kopf schlug, weil Sie angeblich das Treppenhaus nicht sauber geschrubbt haben?
Der Schlag mit der Bürste machte mich nicht wütend. Er war meine atheistische «Erweckung». Von da an war mir klar, dass es keinen Herrgott gibt. Ich habe meine Dosis an Frömmigkeit in all den Jahren abgekriegt. Das ist genug. Wut und Groll verspüre ich eher gegenüber dem Staat, der Abschiebungen ins Heim und Misshandlungen der Heimkinder zugelassen hat. Das kann ich bis heute nicht verstehen.

Sie schreiben im Buch, die Behörden seien halt überfordert gewesen. Sie haben Verständnis für den Staat?
Ich denke schon, dass die Behörden in der unmittelbaren Nachkriegszeit zum Teil überfordert waren. Ich war ja nicht der Einzige, der damals versorgt wurde. Die Verantwortung des Staates ist aber indiskutabel. Sie war auch der Grund für meine Mithilfe bei der Organisation des Gedenkanlasses im Jahr 2013.

Als Sie dem Heimleiter sagten, dass Sie ins Gymnasium wollten, erhielten Sie eine Ohrfeige. Das ist nicht Überforderung, das ist Bosheit?
Das ist so. Aber ich hatte damals das Gefühl, dies sei das Recht des Heimleiters. Mir wurde seit dem Säuglingsalter vermittelt, dass ich minderwertig sei.

Mit dem Heimleiter haben Sie später nie mehr das Gespräch gesucht?
Das hätte keinen Sinn gehabt. Fromme Menschen sind überzeugt, in Gottes Auftrag zu handeln. Mit solchen Menschen kann man sich nicht auseinandersetzen. Hätte ich ihn zur Rede gestellt, hätte er für mich gebetet. Diese Leute waren blind für unsere Situation. Sie haben es gut gemeint.

Die Stiftung Gott hilft hat die Geschichte ihres Heimwesens durch eine Historikerin aufarbeiten lassen. Sie kritisieren das Ergebnis.
Die ständigen Relativierungen der Zustände stören mich. Die Autorin vergleicht Heimkinder stets mit Familienkindern. Letztere hätten damals auch arbeiten müssen und seien auch geschlagen worden. Dieser Vergleich hat mich geschmerzt.

Die Akten des Heimes wurden vernichtet. Wie ist da eine Aufarbeitung überhaupt möglich?
Das habe ich mich auch gefragt. Über meinen Fall gab es auch keine Dokumente mehr. Den Protokollen des Bündner Grossen Rates musste ich entnehmen, dass der heutige Direktor der Stiftung Gott hilft damals im Kantonsrat sass und bei der Ausarbeitung des Gesetzes, das die Vernichtung der Akten ermöglichte, eine wichtige Rolle spielte.

Die Schweiz will an die noch lebenden Verdingkinder 300 Millionen Franken aus einem Solidaritätsfonds bezahlen. Ist das Kapitel erledigt?
Es ist ein Hohn. Im Jahr 2010 stand die Forderung nach zwei Milliarden Franken im Raum. Dann kam die Wiedergutmachungs-Initiative, die 500 Millionen fordert. Mit dem Gegenvorschlag sind es nun noch 300 Millionen Franken. Heute dürfen wir froh sein, dass es überhaupt noch etwas gibt. Das Ganze hat auch einen Haken: Je mehr Betroffene sich melden, desto weniger gibt es für den einzelnen. Die Geldverteilung spielt sich auf dem Buckel der Opfer ab.

Hätte es Alternativen gegeben?
Ein Rentenzustupf wäre eine Möglichkeit gewesen. Oder die Festlegung eines Betrages pro Person. Viele einstige Verding- und Heimkinder leben in Armut.

Werden sich nun alle melden, die Anspruch haben?
Nein. Es gibt viele, die verbittert sind und nichts mehr vom Staat wollen. Ich finde es stossend, dass man übers Geld herausfinden möchte, wie viele Betroffene es gibt. Als Heimkinder mussten wir dankbar sein, überhaupt ein Dach über dem Kopf zu haben. Heute müssen wir dankbar sein, überhaupt Geld zu erhalten. Dafür müssen wir erst noch unser Opferdasein «glaubwürdig» darlegen. Wie soll denn das gehen? Es gibt in vielen Fällen keine Akten mehr.

Vielleicht muss man vor einer Kommission weinen?
Ich weiss es nicht. Ich habe mir überlegt, ob ich interessehalber den Betrag beantragen soll, um zu sehen, wie der Staat die Glaubwürdigkeit der Opfer prüfen will. Es ist doch erstaunlich, wie die Beweislast umgedreht wird: Im Grunde genommen müsste der Staat den Betroffenen erklären, was geschehen ist und was er alles wiedergutmachen muss.

Sie kritisieren am heutigen Heimwesen die Überbetreuung und die Verwischung der Verantwortlichkeiten. Fallen wir ins andere Extrem?
Heute ist das Kindeswohl gewährleistet. Das Problem sehe ich eher in einem gesteigerten Konzeptaktionismus. Ständig werden neue Konzepte entworfen und überprüft. Die administrativen Arbeiten nehmen entsprechend zu. Dabei besteht die Gefahr, dass zu wenig Zeit für die Kinder und Jugendlichen übrig bleibt. Auch die Ausweitung der psychiatrischen Diagnosen ist fatal. Dies kann sich später nachteilig auswirken. Das italienische Modell überzeugt mich da mehr. In Italien ist es gesetzlich verboten, bei Heranwachsenden eine psychiatrische Diagnose auszustellen.

Heute wird die Heimdebatte nur noch als Kostendebatte geführt. Was hat dies für Folgen?
Der Kostendruck und die föderalistische Struktur unseres Landes wirken sich negativ aus. Der Bund hat klare Richtlinien betreffend Ausbildung des Personals und Betreuung der Kinder erlassen. Die Umsetzung ist teuer. Sie ist aber die Aufgabe von Kantonen und Gemeinden, die dabei an der Sparschraube drehen. So ist etwa die Belegung das Mass aller Dinge. Ein Heim gilt als gutes Heim, wenn die Belegung gut ist. Das stimmt aber nicht. Die Kostendebatte ist eine grosse Gefahr für die Heimerziehung.

Was wäre zu tun?
Es braucht eine nationale Heimplanung und eine nationale Ausrichtung der Heimerziehung. Heute plant jede Ebene vor sich hin, und es herrscht ein Durcheinander.

Sie sagen, wenn es die Kesb gegeben hätte, wären Sie nicht versorgt worden. Die Kesb steht heute massiv in der Kritik.
Ich kann dies nicht nachvollziehen. Die Kesb besteht aus Fachleuten.

Der Kesb wird vorgeworfen, Entscheide am grünen Tisch zu fällen.
Dieser Vorwurf trifft nicht zu. Die Kesb wird ja nicht von sich aus aktiv, sondern immer aufgrund einer Gefährdungsmeldung. Sie ist verantwortlich für eine saubere Indikation, bevor ein Entscheid gefällt wird. Früher wurde sehr oft nach moralischen Kriterien entschieden. SVP-Nationalrat Pirmin Schwander will die Kesb abschaffen und zurück zum alten System. Er führt einen politisch motivierten Feldzug auf dem Buckel der Schwächsten durch. Das ist nicht in Ordnung.

Herr Schwander sagt, nur die Gemeinden seien nahe an den Betroffenen dran.
Die Kesb handelt nicht ohne Konsultation der Gemeinden. Sie handelt aber unabhängig von politischen Ideologien. Nicht alles, was die Kesb tut, ist gut. Aber die Kesb ist ein Fortschritt.

Früher stand die Vormundschaft aber weniger im Fokus.
Die Vormundschaft war in den Gemeinden angesiedelt. Sie wurde weniger als Behörde wahrgenommen. Ihr standen Laien vor: der Pöstler, die Hausfrau oder der Bauunternehmer im Dorf. Heute ist es eine sichtbare Behörde. Das macht sie angreifbarer. (Der Bund)

Erstellt: 13.05.2017, 08:12 Uhr

Sergio Devecchi

Vom Vater verleugnet und der Mutter weggenommen, wurde Sergio Devecchi kurz nach seiner Geburt im Jahr 1947 als uneheliches Kind ins Heim abgeschoben. In den Institutionen von Pura (TI) und Zizers (GR) der christlich-evangelikalen Stiftung Gott hilft wurde er zum Beten und Arbeiten erzogen. Nach der Ausbildung zum Sozialpädagogen machte er eine zweite Heimkarriere. Zuletzt war er Leiter des Jugendheimes Schenkung Dapples in Zürich, einer Institution für dissoziale männliche Jugendliche. Das Buch "Heimweh. Vom Heimbub zum Heimleiter". ist jüngst im Stämpfli-Verlag erschienen.
(bob)

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