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Interview mit Umweltwissenschaftler«Fossil beheizte Gewächshäuser haben eine enorm schlechte Ökobilanz»

Gewisse Migros- und Coop-Aktionen beurteilt der Umweltwissenschaftler Claudio Beretta aus ökologischer Sicht als heikel. Problematisch sind nicht nur Importe.

Ob Früchte und Gemüse aus dem beheizten Gewächshaus kommen oder nicht, ist entscheidend für die Ökobilanz. Diese Tomatenaktion von Mitte Oktober gilt als saisonal.
Ob Früchte und Gemüse aus dem beheizten Gewächshaus kommen oder nicht, ist entscheidend für die Ökobilanz. Diese Tomatenaktion von Mitte Oktober gilt als saisonal.
Foto: Sabina Bobst

Herr Beretta, ein Drittel der Früchte- und Gemüseaktionen in Migros und Coop gilt nicht saisonalen Produkten. Überrascht Sie das?

Wenn ich mir vorstelle, wie sich die Detailhändler selber präsentieren und wie vorbildlich sie sich stets darstellen, überrascht es mich. Wenn ich mir hingegen meine eigenen Erfahrungen im Laden vor Augen führe, überrascht es mich wiederum nicht. Gibt es denn wenigstens viele Bioaktionen oder Produkte aus der Schweiz?

Etwa ein Fünftel der Aktionen betrifft Bioprodukte und rund ein Drittel Schweizer Produkte.

Wenn man das hört, bekommt man nicht gerade den Eindruck, dass sie mit ihren Aktionen den ökologischen Konsum fördern wollen.

Welchen Einfluss hat es auf unseren gesamten ökologischen Fussabdruck, wenn wir Früchte und Gemüse kaufen, die nicht Saison haben und möglicherweise importiert wurden?

Das ist relativ schwierig zu quantifizieren. Mir ist bislang keine Studie bekannt, die das exakt ausgewertet hätte. Grundsätzlich kann man sagen, dass es aus ökologischer Sicht meist viel besser ist, mehr Gemüse und Früchte zu konsumieren und dafür auf Fleisch zu verzichten. Es gibt aber auch Ausnahmen: Flugimporte wie Grünspargel oder Papayas, die aus Südamerika eingeflogen werden, haben eine ebenso schlechte Klimabilanz wie Rindfleisch. Immerhin hat Coop aufgrund einer ETH-Studie beschlossen, keine Spargel mehr einzufliegen. Aber das ist letztlich nur ein einzelnes Produkt.

Kann man generell sagen, dass importierte Frischprodukte schlechter für die Umwelt sind als heimische Erzeugnisse?

Mit dem ökologischen Leistungsnachweis schneidet die Schweizer Produktion in vielen Belangen besser ab als Importwaren. Wenn in der Schweiz aber Früchte und Gemüse in fossil beheizten Gewächshäusern angebaut werden, ist die Ökobilanz enorm schlecht.

Wie sieht das mit Bioprodukten aus? Werden in der Biolandwirtschaft die Gewächshäuser auch fossil beheizt?

Je nach Label viel weniger oder gar nicht. Die Auflagen von Bio Suisse sind strenger als die schweizerische Bioverordnung. Danach darf zum Beispiel Nüsslisalat nur so weit beheizt werden, dass er vor Frost geschützt ist. In Zukunft wollen Detailhändler erreichen, dass ihre Lieferanten komplett auf fossilfreie Gewächshausheizung umstellen. Das ist ökologisch sehr zu begrüssen. Allerdings sollten die Detailhändler auch sicherstellen, dass die kleinen Produzenten nicht unter die Räder kommen, weil sie mit grossen Investitionen überfordert sind.

Und welchen Einfluss hat der Transport auf die Ökobilanz?

Das hängt stark vom Transportmittel ab. Wie gesagt haben eingeflogene Produkte eine ganz schlechte Ökobilanz. Das Schiff schneidet dagegen erstaunlich gut ab. Es stösst zwar auch grosse Mengen CO₂ und andere Giftstoffe aus. Aber im Verhältnis zur transportierten Menge ist es dennoch besser als ein Lastwagen.

Da sind aber andere Umwelteinflüsse nicht berücksichtigt, wie etwa dass beim Putzen Reinigungsmittel und Öl ins Meer fliessen oder dass die Crews zum Teil verbotenerweise Abfall über Bord entsorgen, oder?

Ja, das ist in den Studien kaum berücksichtigt. Insbesondere der Umwelteinfluss von unregelmässigen Ereignissen wie Havarien, bei denen grosse Mengen Öl ins Meer fliessen, ist schwierig zu bewerten.

Was soll ich denn nun im April kaufen, eine Schweizer Tomate aus dem Gewächshaus oder eine importierte aus Süditalien?

Aus Sicht der Ökologie ist es am besten, Sie kaufen erst im Sommer Schweizer Tomaten.

Wenn ich aber unbedingt schon im April Tomaten kaufen will?

Dann kaufen Sie sonnengetrocknete Tomaten im Glas oder in der Dose. Bezüglich Klimabilanz sind zwar auch die frischen Tomaten aus Spanien besser als die fossil beheizten Schweizer Tomaten. Wenn man aber die Wasserproblematik mitberücksichtigt, kann sich das Bild drehen. In Südeuropa gibt es Gegenden, wo der Grundwasserspiegel laufend weiter sinkt. Die Landwirtschaft, wie sie momentan dort betrieben wird, ist nicht nachhaltig.

Kommt hinzu, dass im Ausland laut Studien oft mehr Pestizide eingesetzt werden als in der Schweiz.

Ja. Und es gibt weitere Probleme bei Importware: dass die sozialen Bedingungen für die Arbeitskräfte im Ausland oft schlechter sind als bei uns. Dass die Herkunft importierter Güter häufig weniger transparent nachvollzogen werden kann als im Inland. Und dass die ökologischen Ansprüche insgesamt tiefer sind als in der Schweiz, wo beispielsweise Labels wie IP Suisse auch neben den Bioprodukten für eine umweltfreundlichere Produktion sorgen. Letztlich ist es eine Frage, welchen Faktor man wie stark gewichtet.

«Warum sollen wir im Sommer Schweizer Früchte liegen lassen und zu unökologischen importierten Alternativen greifen?»

Claudio Beretta, Umweltwissenschaftler

Was ist denn unter dem Strich wichtiger: Saisonalität oder Regionalität?

Wenn wir das essen, was in unserer Region aktuell Saison hat, dann sind wir auf dem sicheren Weg. Und meist werden wir dann mit dem frischesten Geschmack belohnt.

Auffallend oft in Aktion sind exotische Früchte. Wobei die Migros diese auf ihrem Saisonkalender nur im Winter zum Kauf empfiehlt. Spielt es überhaupt eine Rolle, ob man eine Mango im Sommer oder im Winter kauft?

Bezüglich des absoluten CO₂-Ausstosses spielt die Jahreszeit keine so grosse Rolle. Aber im Sommer haben wir zig Früchte aus der Schweiz oder dem nahen Ausland zur Auswahl, die viel besser sind für die Umwelt. Warum sollen wir dann diese liegen lassen und zu unökologischen Alternativen greifen? Im Sommer ist es also am einfachsten, in Früchten zu schwelgen, ohne seinem ökologischen Fussabdruck zu schaden. Im Winter, wo die einheimischen Alternativen begrenzt sind, können wir uns eher mit gutem Gewissen hin und wieder eine Banane oder eine Orange gönnen.

Palmöl ist immer wieder in der Kritik, weil für den Anbau der Ölpalmen Regenwald abgeholzt wird. Gibt es dieses Problem bei exotischen Früchten eigentlich auch?

Ich weiss, dass Kaffee und Kakao grosse Konkurrenten für den tropischen Regenwald sind. Bei Früchten, die auch in mediterranem Klima wachsen, ist das weniger ein Problem. Ich kann mir allerdings vorstellen, dass zum Beispiel Mangos aus Brasilien diesbezüglich heikel sein können.

Die in Verruf geratene Avocado ist bei Migros und Coop auch sehr häufig günstiger zu haben. Wie beurteilen Sie das aus wissenschaftlicher Perspektive?

Die Kritik an der Avocado ist grundsätzlich zwar berechtigt, aber aus ökologischer Sicht ist die Avocado nicht schlimmer als beispielsweise eine Papaya. Dass die Frucht so stark in Verruf geraten ist, hängt mit ihrem Boom zusammen. Die Nachfrage ist in den letzten Jahren förmlich explodiert und damit auch der Bedarf an Anbaufläche. Wenn ein Schweizer Detailhändler ausgerechnet bei so einem Produkt die Nachfrage mit Aktionen noch zusätzlich anheizt, halte ich das für heikel.

Gerne betonen die Detailhändler, sie würden dann Aktionen machen, wenn besonders grosse Erntemengen anfielen. So könne eine Aktion helfen, Food-Waste zu verhindern. Aus ökologischer Sicht ist das doch zu begrüssen?

Wenn wir mit den Unternehmen über Food-Waste und Aktionen sprechen, höre ich oft Skepsis: Mit Aktionen könne man zwar die Überproduktion eines bestimmten Produktes auffangen, aber dafür bleibe ein anderes Produkt liegen, weil die Kunden ja nicht plötzlich doppelt so viele Früchte ässen. Tatsächlich gibt es bei Aktionen wohl einen sehr starken Substitutionseffekt, das heisst, Kunden essen mehr von den günstigen Früchten, verzichten dafür auf andere. Trotzdem kann es sinnvoll sein, spontan mit günstigen Preisen gewisse lokale Überproduktionen aufzufangen. Dann sollten aber die Importe vom Weltmarkt heruntergefahren werden. Das muss letztlich immer situativ entschieden werden.

«Indem wir Produkte kaufen oder eben nicht, stimmen wir darüber ab, welche ökologischen und sozialen Bedingungen wir auf dieser Welt haben wollen.»

Claudio Beretta, Umweltwissenschaftler

Können Aktionen auf lange Frist nicht sogar Überproduktion fördern?

Doch, wenn Jahr für Jahr die gleichen Früchte Aktion sind, kann das tatsächlich zu noch mehr Überproduktion führen, weil die Bauern am Ende ja alles losgeworden sind. Zudem habe ich den Eindruck, dass viele Aktionen nicht spontane Reaktionen auf kurzfristige Marktgegebenheiten, sondern von langer Hand geplant sind, um den Absatz zu fördern. Wenn Migros und Coop effektiv gegen Food-Waste vorgehen wollen, sollten sie lieber die Lieferverträge mit den Bauern flexibler gestalten.

Wie meinen Sie das?

Heute weiss ein Bauer meist haargenau: Er muss am Tag X eine bestimmte Menge zu einer bestimmten Qualität liefern können, sonst ist der Vertrag nicht erfüllt. Um dies zu verhindern, produziert er zu viel. Wenn der Bauer mehr Flexibilität bezüglich Menge und Lieferdatum hätte, müsste er das nicht tun. Die Regale der Detailhändler und die Aktionen würden sich dadurch mehr an die Saison anpassen als heute, dafür bezahlten wir nicht Geld für verschwendete Produkte, die das permanente Vollsortiment möglich machen. Zudem wage ich zu behaupten, dass die heutige saisonal möglichst uneingeschränkte Produktauswahl uns kein bisschen glücklicher macht als ein saisonal schwankendes Angebot an Frischprodukten, auf die man sich nach einer Pause immer wieder freuen kann.

Die Versuchung, bei Aktionen zuzuschlagen, ist trotz allem gross. Was empfehlen Sie den Kunden?

Für mich ist Einkaufen eine Form von Abstimmung. Indem wir Produkte kaufen oder eben nicht, stimmen wir darüber ab, welche ökologischen und sozialen Bedingungen wir auf dieser Welt haben wollen.