Wie geht das genau mit dem Gegenlesen?

Sagen Politiker in der Zeitung wirklich, was sie sagen? Das Absegnen von Zitaten wird ganz unterschiedlich gehandhabt – auch im «Tages-Anzeiger».

Ob er seine Zitate gegenlesen wollte? Bundesrat Leon Schlumpf liest den «Tages-Anzeiger», um 1980.

Ob er seine Zitate gegenlesen wollte? Bundesrat Leon Schlumpf liest den «Tages-Anzeiger», um 1980.

(Bild: Keystone)

Philipp Loser@philipploser

«Schicken Sie mir das noch?» Ein grosser Teil der journalistischen Arbeit besteht im Abholen und Wiedergeben von direkter Rede von Politikern, Verwaltungsangestellten oder Funktionären. In den letzten Jahren hat sich auf vielen Redaktionen eingebürgert, dass Zitate, manchmal sogar ganze Texte, den Gesprächspartnern zur Autorisierung vorgelegt werden.

Wir werden oft gefragt, wie es der «Tages-Anzeiger» mit dem Gegenlesen hält, ob es quasi üblich ist, einen ganzen Artikel vor dem Druck seinen Gesprächspartnern zu zeigen. Ist es nicht. Der Presserat formuliert es in seinen Erklärungen so: «Beim formellen Interview ist die Autorisierung die Regel, während sie beim Recherchegespräch der Befragte verlangen muss. Medienunerfahrene sind darauf hinzuweisen, dass sie auf der Autorisierung bestehen können.»

Anders als im angelsächsischen Raum werden in der Schweiz Frage-und-Antwort-Interviews dem Interviewten vorab gezeigt. Dabei hat sich als Art unverbindliche Regel eingebürgert, dass die Interviewten weder Fragen noch den Inhalt ihrer Antworten verändern dürfen. Dennoch kann das Autorisieren eines Interviews eine mühselige Arbeit werden (und manchmal auch ausarten, wie man an diesen Beispielen aus der Schweiz und aus Deutschland sieht).

Bei Zitaten in einem fortlaufenden Text ist die Sachlage anders. Auch hier gibt es Unterschiede zwischen den Ländern: Was im angelsächsischen Raum zwischen Journalist und Politiker gesprochen wird, darf grundsätzlich verwendet werden: Gesagt ist gesagt. Seit 2013 ist es Journalisten der «New York Times» sogar ausdrücklich verboten, Auskunftspersonen die Zitate zur Autorisierung vorzulegen. Journalisten seien keine Bittsteller, argumentierte die damalige Chefredaktorin Jill Abramson, und man dürfe den Lesern nicht das Gefühl geben, ihr Medium gebe die Kontrolle über seine eigenen Geschichten ab.

In der Schweiz ist die Praxis eine andere. Die meisten Gesprächspartner wollen ihre Zitate sehen (was sie dürfen), oft verlangen sie auch nach dem ganzen Text (was sie nicht dürfen). Beim Gegenlesen macht man als Journalist sehr unterschiedliche Erfahrungen. Hat man mit der öffentlichen Verwaltung zu tun, kann man sich direkte Telefongespräche eigentlich sparen: Was der Verwaltungsangestellte sagt, ist ein vager Richtwert für die tatsächliche Aussage und wird von der PR-Abteilung meist umgeschrieben. Wertungen, einzelne Adjektive, alles, was ausserhalb der eigenen Kommunikationsrichtlinien liegt, wird gestrichen.

Je souveräner der Politiker, desto souveräner der Journalist.

Bei Politikern gibt es verschiedene Abstufungen: die Komplizierten, die zuerst laut tönen und beim Autorisieren Angst vor ihrem Mut bekommen. Die Schwierigen, die jedes einzelne Wort kontrollieren wollen. Die Unkomplizierten und die Verschärfer. Vertreterinnen und Vertreter der letzten Sparte sind dem Journalisten die liebsten.

Noch besser sind nur die Souveränen. Es gibt in der Schweizer Politik eine Handvoll Parlamentarier, die grundsätzlich auf das Gegenlesen verzichten. Sie haben eine wichtige Lektion gelernt: Das Gegenlesen hat eine Wirkung auf den Journalisten. Er schreibt mal der Spur nach, das Zitat wird ja sowieso noch kontrolliert. Wer von Anfang weiss, dass der Politiker nicht mehr draufschauen wird, formuliert exakter, wortgetreuer. Der Journalist übernimmt jene Arbeit, die ihm durch das Gegenlesen oft abgenommen wird.

Drum: je souveräner der Politiker, desto souveräner der Journalist. «Schicken Sie mir das noch?» – «Ja, natürlich. Aber eigentlich lieber nicht.»

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