Wachsen in der Schweiz Pfirsiche?

Die Antwort auf eine Leserfrage zu Schweizer Früchten.

Pfirsiche wachsen auch in der Schweiz – aber nicht überall. Foto: TA-Archiv

Pfirsiche wachsen auch in der Schweiz – aber nicht überall. Foto: TA-Archiv

Jetzt sieht man wieder die vielen Aprikosenstände aus dem Wallis, an denen in der ganzen Schweiz Früchte verkauft werden. Ich war mit einer Freundin unterwegs, und beim Warten an so einem Stand fragten wir uns, warum man eigentlich keine Walliser Pfirsiche kaufen kann. Sie meinte, dafür sei es hier zu kalt. Stimmt das?
M. I.

Liebe Frau I.
Es stimmt nicht. Pfirsich wächst auch hierzulande, aber nicht überall. Der Anbau hängt nicht allein vom Wetter ab, sonst hätte man kaum Pfirsichsteine gefunden, die im Mittelalter in einen Altarm der Thielle bei Marin ins Wasser geschmissen worden sind. Im 11. Jahrhundert war es hier gewiss nicht wärmer als heute. Die Fundstelle beim Neuenburgersee weist auf eine Voraussetzung hin, die für eine Pflanze ebenso wichtig ist wie das Klima: der Boden. Pfirsich wurzelt gern in Böden, die auch Trauben schätzen und für die sie entsprechend gepflegt werden, also in Weinbergen. Am Neuenburgersee wurden schon im 10. Jahrhundert Reben gepflanzt.

Die Antwort liegt nicht im Bereich Klima: Kommerzieller Pfirsichanbau ist bei uns höchst marginal. So schreibt der Obstverband, dass Pfirsiche in der Schweiz durchaus wachsen, «in klimatisch milden Regionen im Waadtland, um Genf, im Wallis und im Tessin», räumt aber ein, dass Pfirsiche und Nektarinen keinem Zollschutz unterstellt seien. «Ohne Zollschutz lohnt sich eine professionelle Pfirsichproduktion in der Schweiz nicht, weil da die Produktionskosten (Lohnkosten für Erntehelfer, Kosten für Dünger, Pflanzgut, Wasser, Treibstoffe für Maschinen, die Bodenpreise etc.) viel höher sind als beispielsweise in südlichen Ländern.»

Hohe Lohnkosten kennen auch die Weinbauern – das Problem ist gewiss nicht neu, vor allem Handarbeit ist teuer. Man versucht seit Jahrzehnten, sie durch Reduktion der Arbeitsgänge und -formen zu dämpfen. Dieser Zwang bedeutete auch das Ende der Pfirsichbäume in den Weinbergen, denn bevor die Rebzeilen nach der Spurbreite der Traktoren ausgerichtet und von allem anderen Bewuchs freigeräumt wurden, waren Pfirsichbäume ziemlich verbreitet. Aber im Zug der Rationalisierung der Landwirtschaft wurden sie ausgerissen, um den Maschinen Platz zu machen. Heute sind diese Bäume, die wie Aprikosen aus Asien stammen und zum Steinobst gehören, selten geworden.

Komplett ausgerottet sind sie nicht. Nach einem Aufruf der Weinhandelsfirma Delinat und der Stiftung Pro Specie Rara 2009, Pfirsichsteine aus dem Nahbereich zu suchen und einzuschicken, meldeten sich gegen 100 Personen mit Steinen lokaler Sorten. Seither hat die Stiftung über 20 regionale Weinbergpfirsiche ausfindig gemacht, die von der Naturbaumschule Wenger in Unterlangenegg am Leben erhalten werden.

Weinbergpfirsiche bilden eher kleine, runde bis flache Früchte aus mit hellem, fast weissem bis blutrotem Fleisch. Je nach Varietät eignen sie sich als Tafelobst oder zur Verarbeitung für Konfitüre bis Likör. Wenn das Umfeld stimmt, kann man Weinbergpfirsiche auch ohne Reben im eigenen Garten anpflanzen, etwa eine weissfleischige Sorte aus Oberrieden ZH, geeignet für Konfitüre und Glace. Das gelbliche Fleisch einer Sorte aus Bülach kann man roh essen oder für Wähen verwenden. Beim Blutpfirsich von Neerach muss man die Haut vom roten Fruchtfleisch entfernen; es schmeckt süss mit leichter Bitterkeit, ist sehr saftig und bietet sich eher zum Kochen als für den Rohverzehr an. Weitere Sorten aus Riehen und dem Aargau, aus Flanthey oder Charrat im Wallis, aus der Waadt, Genf oder Freiburg bis Verdappio und Gordola in der Südschweiz findet man unter www.prospecierara.ch/de/sortenfinder.


Paul Imhof beantwortet Fragen zum leiblichen Wohl, zu Völlerei und Fasten, zu Küchen und Kellern. Senden Sie uns Ihre Fragen an gesellschaft@tagesanzeiger.ch

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