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Sind bei einem Streit immer beide schuld?

Die Antwort auf eine Leserfrage zum Täter-Opfer-Schema.

Verteidigung oder Angriff? Konflikte werden oft zu unentwirrbaren Verstrickungen.
Verteidigung oder Angriff? Konflikte werden oft zu unentwirrbaren Verstrickungen.

Als Primarlehrer habe ich immer ein geplagtes Kind vor den Peinigern zu schützen versucht. Die Täter sagten dann oft, der andere habe auch . . . Der Geplagte mache sich durch sein Verhalten selbst zum Opfer. Er provoziere, darum trage er auch Schuld. Ist das so?F. S.

Lieber Herr S.Erstens: Nein, das ist nicht so. Zwar lassen sich statistische Korrelationen ausmachen, mit welcher Wahrscheinlichkeit jemand in einer bestimmten Situation zum Opfer einer bestimmten Art von Tätern werden kann. Das hat aber nichts mit Mitschuld des Opfers in einem moralischen Sinne zu tun. Es gibt natürlich Personen, die auf den ersten Blick sehr «unschuldig» wirken, bei genauerer Betrachtung jedoch sehr wohl aktiv einen Streit befördern. Nicht jeder Konflikt lässt sich in einem simplen Täter-Opfer-Schema darstellen. Dass sich manche Konflikte als eine unentwirrbare Verstrickung präsentieren, bedeutet jedoch nicht, dass grundsätzlich alle Involvierten «schuldig» sind.

Zweitens: Ja, das ist so, und zwar aus der Perspektive der Moral der Stärkeren. Dann sind die Schwächen des anderen, ein merkwürdiges Verhalten, ein Sprachfehler, Übergewicht, Strebertum, Unsportlichkeit die Aufforderung, diesem anderen klarzumachen, wie der Hase läuft und wo Bartli den Most holt. Das war schon immer so – bis hysterische Schulpsychologinnen anfingen, gesunde Auseinandersetzungen zwischen gesunden Kindern zu pathologisieren.

Das ist der eine Teil des öffentlichen Diskurses, der behauptet, unsere Gesellschaft werde immer überempfindlicher. Der andere Lieblingstopos der Diskussionen lautet, dass auch «wir» uns natürlich auf dem Schulweg gerauft haben, dass man jedoch früher mit dem Prügeln aufgehört habe, wenn einer am Boden lag (gesund!), während man heute noch ungeniert auf den Unterlegenen eintrete (krank!).

Beide Behauptungen können nebeneinander existieren, weil beide ihren Zweck erfüllen, ohne sich in die Quere zu geraten. Man muss nur zur rechten Zeit bei passender Gelegenheit den passenden Topos aus der Textbausteinkiste hervorkramen, um zu beweisen, was zu beweisen war: dass unsere immer politisch korrektere Gesellschaft immer brutaler wird. Oder, etwas konkreter: Die Schwächlinge sollen sich nicht so anstellen, und die fremden Fötzel aus dem kriminellen Ausland soll man Mores lehren. Wir wollen unsere gute alte Schulhofschlägerei wiederhaben.

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