Fehlt es mir an Fantasie?

Die Antwort auf eine Lebensfrage zur Imaginationskraft.

Fantasie ist eng mit Abstraktion und Logik verknüpft. Bild: Pexels

Fantasie ist eng mit Abstraktion und Logik verknüpft. Bild: Pexels

Peter Schneider@PSPresseschau

Wenn ich wenig Fantasie hätte, könnte ich meinen Beruf nicht ausüben. Zu meinen Schwächen gehört allerdings, dass ich mich schlecht in fantasiearme Menschen hineindenken kann. Fehlt es mir also an Fantasie? K.S.

Liebe Frau S.

Ja, tut es. Fantasie ist eben auch begrenzt und erstreckt sich nicht auf alle Lebensbereiche. Ich kenne jemanden, der es vorzieht, Partituren zu lesen, statt Musik zu hören. Ich weiss nicht, ob er das als eine Begabung mit einer besonderen Fantasie betrachtet. Vermutlich sieht er es als eine Erweiterung der Fähigkeit an, Zeichen lesen zu können. Das heisst, er liest Partituren wie unsereiner ein Buch. Vergleichbares gibt es wohl auch im Bereich der Mathematik, wenn jemand ein Problem aus einem Bereich der Mathe­matik im Rahmen eines anderen Teilbereichs löst. Zum Beispiel eine topologische Fragestellung mengentheoretisch betrachtet (fantasiere ich mal als blutiger Laie so vor mich hin).

Was lehrt uns das? Es lehrt uns, dass – was immer wir genau unter Fantasie verstehen – nicht bloss das Feld der Einhörner, Hobbits und Feen umfasst, sondern eng mit Abstraktion und Logik verknüpft ist. Mit Abstraktion insofern, als zur Fantasie die Fähigkeit gehört, vom unmittelbar Gegebenen – seien es Zeichen, gesellschaftliche Zustände, Gefühle – zu abstrahieren. Und mit Logik, weil fantastische Vorstellungen nicht ein beliebiges Chaos von willkürlichen Verknüpfungen darstellen, sondern eine alternative Welt mit den ihr eigenen Gesetzmässigkeiten.

Fantasie schöpft nicht aus dem Nichts, sondern knüpft am Vorhandenen an und braucht Beschränkungen, die sie überwinden kann.

Fantasie ist eine Form der Intelligenz, in der die Bereiche und die Formen des Denkens erweitert sind. Einer Intelligenz, die mit den Vieldeutigkeiten der Welt jongliert, die also nicht nur in der Lage ist, in einer Vielzahl von Daten ein Muster zu erkennen, sondern gleich mehrere mögliche. Fantasie schöpft nicht aus dem Nichts, sondern knüpft am Vorhandenen an und braucht Beschränkungen, die sie überwinden kann. Wenn Sie sich anstrengen, könnten Sie vielleicht sogar eine Kurzgeschichte über eine Frau schreiben, deren charakteristisches Merkmal Fantasiearmut ist.

Ich bin mir ziemlich sicher, dass Sie mit einer solchen Themen­vorgabe etwas Brauchbareres zustande brächten, als wenn man Ihnen nur die Aufgabe stellte, irgendetwas Fantasievolles zu schreiben. Sie müssten sich vorstellen, was mit jemandem geschieht, der sich zum Beispiel nicht in andere Menschen hineinversetzen kann und dennoch mit anderen Menschen leben muss. Sie müssten Varianten Ihrer Darstellung gegeneinander nach deren Schlüssigkeit abwägen – und am Schluss hätten Sie eine Fantasie darüber entwickelt, wie man mit nur wenig Fantasie lebt.

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