Darf man noch «dämlich» sagen?

Die Antwort auf eine Leserfrage zur Political Correctness.

Sprach­regelungen für alles? Tasse für Political-Correctness-Gegner.

Sprach­regelungen für alles? Tasse für Political-Correctness-Gegner. Bild: Wolfgang Rattay/Reuters

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Kürzlich hat mich eine Kollegin recht heftig zusammengestutzt, weil ich eine Situation als «dämlich» bezeichnete. Solch ein Wort sage man nicht (mehr). Tut man das tatsächlich nicht, auch wenn das Wort einen anderen Stamm, also nichts mit «Dame» zu tun hat?
U.J.

Lieber Herr J.

Sie wissen wahrscheinlich, dass ich kein Mitglied der hysterischen Anti-Political-Correctness-Fraktion bin, die sich der trüben Leidenschaft verschrieben hat, in endlosen Aufzählungen darüber zu jammern, was man heute alles nicht mehr sagen darf. Ebenso wenig kann ich mich allerdings mit der nicht minder tris­ten Passion anfreunden, die Welt der Sprache unermüdlich nach möglichen Kränkungen für irgendwen zu durchforsten und mit Wonne neue Sprach­regelungen zu erfinden. Wenngleich letztere Gruppe keineswegs so gross ist, wie die Anti-Korrekten meinen: Von einem Meinungsterror der politischen Korrektheit zu sprechen, halte ich nicht nur für eine masslose Übertreibung, sondern für eine Schindluderei mit dem Begriff des «Terrorismus».

«Dämlich», wie Sie zu Recht bemerken, ist etymologisch nicht mit «Dame» verwandt und ist auch nicht – wie gerne unterstellt wird – das semantische Gegenstück zu «herrlich». Es heisst schlicht so viel wie «dumm» und «bescheuert». Und so wird das Wort unter deutschen Muttersprachlern auch verstanden, und es leuchtet nicht ein, angesichts dieser recht klaren Lage eine «Hermeneutik des Verdachts» (Odo Marquard) auf sprachliche Aggression in Anschlag zu bringen. Zurechtweisungen wie die Ihrer Kollegin fallen in die Kategorie «quengeliger Rechthaberei», um einen Ausdruck zu brauchen, den ich kürzlich bei Jean-Martin Büttner las.

Apropos Verdächte: Manchmal habe ich den Verdacht, dass die politisch Inkorrekten und die politisch Korrekten insgeheim zusammenspannen, um sich wechselseitig zu legitimieren. Während die einen nichts Besseres zu tun haben, als immer neue Beispiele absurder Correctness aufzuspüren («In Nordschweden dürfen jetzt nicht einmal mehr die Rentiere...»), suchen die anderen nimmermüde nach sprachlichen Ungerechtigkeiten. Zwischen beiden Fraktionen herrscht – wie soll ich sagen? – eine Art linguistisch-politischer Hitler-Stalin-Pakt. – Boa ey! Darf man so was schreiben? Was meinen Sie? Diskutieren Sie mit! Empören Sie sich! Polarisieren Sie sich! Aber, in Gottes Namen, tun Sie was!


Der Psychoanalytiker Peter Schneider beantwortet jeden Mittwoch Fragen zur Philosophie des Alltagslebens. Senden Sie uns Ihre Fragen an gesellschaft@tagesanzeiger.ch. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 19.10.2016, 16:16 Uhr

Der Psychoanalytiker beantwortet jeden Mittwoch Fragen zur Philosophie des Alltagslebens.
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