Wie Bayern München & Co. den Ausstieg planen

Vertrauliche Dokumente zeigen, wie die grössten Fussballclubs Europas die nationalen Ligen umkrempeln wollen, um noch mehr Geld und Macht zu erhalten.

Zehn europäische Topklubs wollen eine eigene Liga gründen und die nationalen sowie internationalen Verbände verlassen. (Video: AFP)

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Der 26. August 2016 ist kein guter Tag für den Schweizer Fussball. An diesem Tag gibt der europäische Verband Uefa sein neues Format für die Champions League bekannt. Neu haben die vier grössten Ligen Europas je vier fixe Startplätze. Im Gegenzug steht fest, dass der Schweizer Meister praktisch ohne Chance ist, sich direkt für die Gruppenphase zu qualifizieren.

Unmittelbar nach dem Entscheid ärgert sich Claudius Schäfer: «Der Prozess, wie es zu den Reformen gekommen ist, ist ein Skandal!» Der CEO der Swiss Football League spricht den Druck an, den die grossen Clubs auf die Uefa ausgeübt haben, um sich einen möglichst grossen Teil der TV-Gelder zu sichern.

Wie gross der von Schäfer ­beklagte Skandal wirklich ist, zeigt jetzt ein Datensatz der Enthüllungsplattform Football Leaks. Die Dokumente zeigen: Monatelang arbeitete ein Geheimbund von sieben Grossclubs an einer privaten Eliteliga. Ihre Ziele: mehr Geld und mehr Macht.

«Wie du siehst, haben wir drei Optionen für den Ausstieg.»Michael Gerlinger, FC Bayern

Ihre Drohung, sich selbstständig zu machen, brachte die Uefa schliesslich dazu, den Riesen der Branche bei der Verteilung von Plätzen und Prämien der Champions League massiv entgegenzukommen. Und doch zirkuliert derzeit erneut eine streng vertrauliche Absichtserklärung, gemäss der 16 Topclubs eine europäische Superliga gründen sollen. Starten soll sie 2021. Grösster Teilhaber wäre Real Madrid. Schweizer sind nicht dabei.

Pläne für eine europäische Superliga gibt es schon sehr lange. Richtig Schwung in die Sache aber bringt ein Amerikaner. Am 17. Dezember 2015 schreibt Charlie Stillitano ein E-Mail an José Angel Sanchez, den Generaldirektor von Real Madrid. Im Anhang: der letzte Entwurf für eine europäische Super League: «Kann ich morgen eure Laptops benutzen, um die Präsentation zu zeigen? Danke, Charlie.»

Was Stillitano präsentiert, elektrisiert die europäischen Grossclubs. Die 17 Teams mit den besten TV-Zuschauerzahlen aus England, Spanien, Deutschland, Italien und Frankreich sollen permanent in einer Liga gegeneinander antreten. Dazu kommt ein Gast. Gespielt werden sollen 34 Runden dienstags, mittwochs und samstags. Am Ende der Saison gibt es ein Playoff.

«Betreff: Entwurf für eine Einigung der Sechzehn»Mail an Real-Präsident Pérez

Die Einnahmen, die Stillitano in Aussicht stellt, schlagen alles bisher Dagewesene. Jeder Teilnehmer könne im Jahr 500 Millionen verdienen. Zum Vergleich: 2016 erhielt der Gewinner der Champions League von der Uefa rund 90 Millionen Franken. Der Geldgeber hinter Stillitano ist der US-Milliardär Steven Ross.

Mit dem versprochenen Reichtum vor Augen wendet sich Real im Januar 2016 an sechs weitere Grossclubs. In den folgenden Monaten arbeiten Real, Bayern München, Juventus Turin, Manchester United, Arsenal, die AC Milan und der FC Barcelona im Geheimen an der Möglichkeit, den europäischen Fussball komplett zu verändern.

Ein E-Mail wie Sprengstoff

Wie weit die Gedankenspiele gehen, zeigen die Daten von Football Leaks. Der Münchner Chefjurist Michael Gerlinger schreibt am 3. Februar 2016 an die englische Anwaltskanzlei Cleary, Gottlieb, Steen & Hamilton: «Hi Romano, ich habe einen weiteren interessanten Fall.» Was folgt, ist purer Sprengstoff. Gerlinger möchte im Auftrag der «Big Seven» wissen, ob sie aus ihren nationalen Ligen aussteigen könnten.

Nur 18 Minuten später bietet einer der Anwälte ein Telefongespräch an. Wenige Stunden darauf schreibt Gerlinger nach England: «Wie du (...) sehen kannst, haben wir grundsätzlich drei Ausstiegsoptionen.» Der Rest seines Mails stellt den europäischen Clubfussball grundsätzlich infrage. Gerlinger will wissen, ob ...

  • ... die Super-League-Clubs für mögliche Einnahmeverluste der Uefa haftbar gemacht werden könnten?
  • ... die Vereine nach dem Ausstieg weiter Spieler für die Nationalmannschaften abstellen müssen?
  • ... nationale Verbände oder Ligen die Spieler für die Teilnahme an der Super League bestrafen könnten?
  • ... die Spieler bei einem Wechsel in eine private Liga ihre Verträge aufkündigen könnten?

Rund einen Monat später trifft die Antwort ein. Auf 23 Seiten finden die Anwälte für alle Sorgen eine Lösung. Vor allem zeigen sie, dass weder Uefa noch Fifa die Clubs für ihren Ausstieg bestrafen könnten, weil das «gegen das EU-Wettbewerbsrecht» verstossen würde. Nur mit den Nationalteams müssten sich die Topclubs weiter arrangieren. Weil WM und EM den Spielern ermöglichten, «Marktwert (und Gehalt)» zu steigern.

Am 31. März 2016 buchen die Chefs des Geheimbundes im achten Stock des Zürcher Radisson Blu einen Konferenzraum. Besprochen wird, ob die Clubs ihre nationalen Ligen komplett verlassen sollen – oder nur die Uefa. Und auch, wie weit ihnen der europäische Verband entgegenkommen müsste, um eine ­Abspaltung zu verhindern.

Allerdings merken die Vereine auch, dass die Zeit knapp wird. Die Gründung einer Firma in der Schweiz wird von ­Gerlinger erwogen und wieder verworfen – weil es dazu «reale Büroräume und in der Schweiz lebende Mitarbeiter» bräuchte.

«Wen vertritt Ihre Gruppe?»

Dafür melden die Big Seven nun Forderungen bei der Uefa an. Sie verlangen eine Champions League mit 24 statt 32 Teilnehmern, eine Senkung der Solidaritätszahlungen für kleine Teams, Spiele am Wochenende, Prämien für Traditionsclubs – und sie wollen vor allem den Wettbewerb gemeinsam mit der Uefa kontrollieren.

Der Verband wirkt überrumpelt. Er zeigt auf, wie demokratische Prozesse im europäischen Fussball ablaufen sollten. Und er fragt: «Könnten Sie uns freundlicherweise mitteilen, wen Ihre Gruppe eigentlich vertritt?»

Danach knickt die Uefa aus Angst vor dem Absprung ihrer grössten Zugpferde ein. Sie senkt prozentual die Gelder für die Europa League und den Solidaritätsbonus für kleine Clubs. Sie belohnt jene, die europäische ­Titel gefeiert haben, mit erhöhten Startgeldern. Vor allem aber erstreiten sich die Grossclubs ­Direktorenposten in einer gemeinsamen Firma mit der Uefa.

Bayern-Chefjurist gibt Planspiele zu

Vertreter der Bayern, von Juventus und Barça können sich damit über drei Jahren alle Bilanzen, Sponsoren- und Rechteverträge der Champions League ansehen. Mit höchst vertraulichen Marktanalysen erfahren sie, was es für die Organisation eines eigenen europäischen Wettbewerbs braucht. Dieses Wissen ist fast unbezahlbar.

Im Herbst 2018 gibt Bayern-Chefjurist Michael Gerlinger zu, dass es Planspiele für den Ausstieg aus den nationalen Ligen gegeben habe. Aber das alles sei schnell «völlig vom Tisch gewesen». Jetzt arbeite man mit der Uefa an Formaten, die ab 2024 gespielt werden sollen. Ist die Super League also beerdigt? Sie sei «so weit weg wie noch nie», sagt Gerlinger Anfang September.

Nur ein paar Wochen später, in der Nacht auf den 22. Oktober, erhält Florentino Pérez, der Präsident von Real Madrid, ein Mail. Das Schreiben kommt von der Firma Key Capital Partners, die schon häufiger für Real gearbeitet hat. Im Anhang ein Dokument. Betreff: «Entwurf einer Einigung der Sechzehn».

Sogar Geschäftsanteile der Clubs angegeben

Es ist der Entwurf einer «bindenden Absichtserklärung» elf europäischer Topvereine für eine Super League. Laut dem Papier sollen sie sich von der Uefa lossagen und eine private «European Super League» schaffen. Fünf «Gäste» würden das Feld anfänglich komplettieren.

Gründer sind laut Entwurf Real, Barcelona, Manchester United, Juventus, Chelsea, Arsenal, Paris St-Germain, Manchester City, Liverpool, AC Milan und Bayern. Dazu sollen als Gäste Atlético Madrid, Dortmund, Marseille, Inter Mailand und die AS Roma stossen. Es sind sogar die Geschäftsanteile der einzelnen Clubs an der gemeinsamen Firma angegeben, Anpfiff wäre 2021.

Bayern und PSG erklären auf Anfrage, den Entwurf nicht zu kennen. Dortmunds CEO Hans-Joachim Watzke will das Papier nicht kommentieren, sagt aber grundsätzlich zu einer Superliga: «Es ist klar, dass ein paar Grossclubs daran arbeiten.» ­Allerdings seien Pläne «nicht sehr konkret». Key Capital und Real Madrid schweigen. (Redaktion Tamedia)

Erstellt: 02.11.2018, 18:08 Uhr

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«Unser Einfluss ist verschwindend gering»

Würden sich die grössten Clubs abspalten, wäre Bernhard Burgener doppelt betroffen. Als Präsident des FC Basel – und weil eine seiner Firmen die Champions League vermarktet. Allerdings glaubt Burgener nicht, dass sich Topvereine demnächst selbstständig machen: «Das ist zurzeit kein Thema.» Uefa und die grössten Vereine seien daran, «die zukünftigen europäischen Wettbewerbe zusammen auszuarbeiten». Etwas anders sieht das Wanja Greuel. Der CEO der Young Boys erachtet einen Alleingang der Grossen als «realistisch, auch wenn das noch Jahre brauchen dürfte». Claudius Schäfer, CEO der Swiss Football League, sagt: «Dieses Szenario wurde schon oft heraufbeschworen, oft auch als Druckmittel der grossen Clubs, um ihre Interessen gegenüber der Uefa durchzusetzen. Betrachtet man das heutige, wenig auf Solidarität beruhende Champions-League-Modell, hatten sie damit Erfolg.» Sicher ist: Wenn die Topvereine ihre Muskeln spielen lassen, sind die Schweizer bloss Zuschauer. «Unser Einfluss ist verschwindend gering», sagt YB-Vertreter Greuel. (fra)

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