Der Fürst von Monaco gerät in Erklärungsnot

Überstürzt hat Milliardär und Fussballclub-Besitzer Dmitri Rybolowlew Monaco verlassen. Ein Genfer Kunsthändler verfolgt den Fall mit Spannung.

Fürst Albert II. als Fan der AS Monaco. Foto: Claude Paris  (AP, Keystone)

Fürst Albert II. als Fan der AS Monaco. Foto: Claude Paris (AP, Keystone)

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Er ist nicht mehr da. Der russische Milliardär Dmitri Rybolowlew hat seine Wahlheimat Monaco vor einer Woche in Richtung Moskau verlassen. Rückkehr: unbestimmt. Tage zuvor hatte die monegassische Justiz offiziell Ermittlungen gegen Rybolowlew aufgenommen, unter anderem wegen Korruption. Die Affäre reicht direkt in die höchsten Sphären des Fürstentums am Mittelmeer. Die Vorwürfe sind so gravierend, dass Fürst Albert II. etwas tat, was grösste Seltenheit hat: Er gab ein Interview.

Jahrelang war Rybolowlew in Monaco hochwillkommen. Sein Eintrittsticket in das Fürstentum waren die Finanzspritzen für den örtlichen Fussballclub. Er übernahm die AS Monaco 2011, investierte mehrere hundert Millionen Euro in neue Spieler und brachte den Verein so zurück an die Spitze der Liga. Gleichzeitig sicherte sich Rybolowlew die Loyalität der monegassischen Institutionen – Justiz, Polizei, Politik, Fürstenhaus – mit teuren Geschenken und Einladungen an wichtige Repräsentanten.

Doch nun distanziert sich Fürst Albert II. in einem Interview mit dem Journalistenkollektiv EIC von Rybolowlew: «Wir müssen nun die Justiz ihre Arbeit zu Ende führen lassen. Sollte sich alles bewahrheiten, dann glaube ich, wird er sich selber zurückziehen.» Eine Verteidigung tönt anders.

Das Interview kam zustande, nachdem das Fürstenhaus mit neuen Erkenntnissen aus dem Datenleck Football Leaks konfrontiert worden war, das «Der Spiegel» mit dem EIC geteilt hatte. Tamedia ist der Schweizer Partner im Projekt. Football-Leaks-Dokumente, gepaart mit Justizunterlagen, die das französische Nachrichtenportal «Mediapart» einsehen konnte, zeigen das «System Rybolowlew» in aller Deutlichkeit auf, dessentwegen nun die Korruptionsermittlungen laufen. Ob das Verfahren gegen Rybolowlew von den Football-Leaks-Recherchen ausgelöst wurde, ist offen. Ermittlungen liefen schon zuvor.

«Sehr guter Wein»

Zu Weihnachten beglückte Rybolowlew viele Staatsdiener «mit sehr gutem Wein für die Herren und Champagner und Schokolade für die Damen». Zuoberst auf einer Namensliste der Beschenkten von 2013: «Son Altesse Sérénissime le Prince ALBERT II» und dessen Frau Charlène. Die Geschenke verfehlten ihre Wirkung nicht: «Ich bin gerührt und verlegen zugleich», dankte einer der engsten Mitarbeiter von Albert II. am Weihnachtstag 2013.

Die Spiele der AS Monaco gerieten zum Stelldichein der öffentlichen Verwaltung. Im Juli 2013 zirkulierte eine Liste mit fast 100 Personen, die mit einem Stadionticket versorgt werden sollten. 66 Sitze waren für die Regierungsbehörde bestimmt, 26 für den «Palast». Zu einem Auswärtsspiel im Mai 2016 flog der Premier der monegassischen Regierung im Privatjet des Hauptsponsors der AS Monaco mit – in Begleitung seines Sohns. Auch Fürst Albert II. liess sich vom russischen Oligarchen einladen, beispielsweise im Sommer 2016 auf dessen Superjacht vor Korsika – inklusive Helikopterflug nach Portovecchio. Im Interview mit dem EIC beteuert der Fürst nun: «Ich habe nie mehrere Tage hintereinander mit Herrn Rybolowlew verbracht.» Die Treffen seien immer «punktuell» gewesen.

Nähe zu den Ermittlern

Mit besonderer Spannung verfolgt der Genfer Kunsthändler Yves Bouvier die aktuellen Entwicklungen im Fürstentum. Denn er sieht sich als Opfer der dortigen Klüngelei. Bouvier steht im Streit mit Rybolowlew. Der Russe wirft ihm vor, Kunstwerke zu überteuerten Preisen vermittelt und ihn so um Hunderte Millionen betrogen zu haben. Anfang 2015 zeigte Rybolowlew den Genfer Kunsthändler an. Nur ein paar Wochen später nahm ihn die monegassische Polizei vorübergehend in Gewahrsam.

Zahlreiche Dokumente zeigen die Nähe zwischen Rybolowlews Leuten und den Behörden, welche die Untersuchungen gegen Bouvier führen. Rybolowlews Anwältin etwa – eine gebürtige Ukrainerin mit Schweizer Pass – pflegte regen SMS-Austausch mit hochrangigen Polizeibeamten, liess sich über den Stand des Verfahrens informieren und bedankte sich auch mal beim Polizeichef in überschwänglichem und vertrautem Ton für die «Effektivität» der Ermittlungen. Den einstigen Justizminister Monacos hat die Affäre schon den Job gekostet. Er verbrachte wenige Tage vor Bouviers Verhaftung ein Wochenende in Rybolowlews Luxuschalet im Nobelskiort Gstaad.

Kunsthändler Bouvier versucht nun die Gunst der Stunde zu nutzen. Er verlangt von Monaco die sofortige Einstellung des Betrugsverfahrens gegen ihn, wie «Le Temps» kürzlich berichtet hat.

Albert II. hat eine einfache Erklärung für die Zustände im Fürstentum. Auf die Frage, ob das Verhalten eines Teils des Staatsapparats auf Naivität oder Komplizenschaft gründe, antwortet er: «sicherlich Naivität».

Herr Rybolovlev beabsichtige nicht, sich zu den laufenden Gerichtsverfahren oder zu seiner Situation in Monaco zu äussern, erklärt dessen Sprecher Dmirty Chechkin. Er wolle die Gerechtigkeit ihre Arbeit tun lassen. Was den AS Monaco betreffe, so habe Herr Rybolovlev keine Pläne, den Club zu verkaufen, und beabsichtige, den Club weiterhin zu unterstützen, wie er es seit der Übernahme im Jahr 2011 immer getan habe. (Redaktion Tamedia)

Erstellt: 17.11.2018, 16:59 Uhr

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