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Neid ist halb so schlimmFalsche Bescheidenheit macht Feinde

Wer gute Nachrichten für sich behält, weil Freunde oder Verwandte neidisch werden könnten, hat die Rechnung ohne ein anderes Gefühl gemacht, das Beziehungen vergiftet.

Reihum gute Noten - oder gute Miene zum bösen Spiel : Schülerinnen und Schüler mit Prüfungsergebnissen.
Reihum gute Noten - oder gute Miene zum bösen Spiel : Schülerinnen und Schüler mit Prüfungsergebnissen.
Getty Images/iStockphoto

Wenn das Glück endlich einmal Küsse verteilt, stürzt es die Empfänger oftmals gleich in einen Konflikt: Ist es nun angebracht, sich nur im Stillen zu freuen, oder sollte die Freude darüber offen geteilt werden? Eine Beförderung im Job, eine gute Note in der Schule oder ein finanzieller Segen aus unerwarteter Quelle können Neid und Missgunst von Freunden, Bekannten und Kollegen wecken. Und ausserdem möchte niemand als Angeber dastehen – fast jeder fürchtet das Urteil seines Umfelds. Da hält man also lieber den Mund und verheimlicht seine Triumphe.

Zugleich treibt die Menschen aber auch der Wunsch an, sich selbst im besten Licht darzustellen, die Sehnsucht nach Anerkennung ist gross, gerade wenn ein Erfolg aus Fleiss und harter Arbeit resultiert. Dann drängt der Stolz dazu, anderen auch davon zu erzählen. Schweigen oder erzählen? Es ist eine Zwickmühle.

Psychologinnen um Annabelle Roberts und Emma Levine sagen nun, dass es deutlich weniger Porzellan zerdeppert, wenn man offen über Erfolge spricht, statt sie zu verschweigen. Die Qualität einer Beziehung zu Freunden oder Bekannten leide sogar dann, wenn das Geheimnis stiller Triumphe gewahrt bleibe, berichten sie im «Journal of Personality and Social Psychology». Etwas stehe zwischen den Menschen – Vertrauen und Nähe reduzierten sich.

Erfolge wecken oft Missgunst

Zunächst klingt das antiintuitiv. Dass Erfolge einen Keil zwischen Freunde treiben können, zählt zu den Lektionen, die man aus der Schulzeit mitnimmt. Wer gute Noten hat, empfindet rasch ein Unbehagen gegenüber Freunden, denen die Repetition des Schuljahrs droht. Von der Sechs in Mathematik zu erzählen, fühlt sich dann wie Verrat an, wie Salz in die Wunden des Kumpels zu reiben. 82 Prozent der Probanden der Psychologinnen um Roberts sagten denn auch, dass sie Freunden und Bekannten schon gute Nachrichten verschwiegen hätten, um diese nicht zu verletzen. Sie behielten unter anderem schulische und berufliche Erfolge für sich, machten Geheimnisse um sportliche Leistungen oder verschwiegen eine Schwangerschaft, weil sie wussten, dass befreundete Paare erfolglos versuchten, selbst ein Kind zu bekommen.

Die Bedenken der Schweigsamen treffen ja zu: Nachrichten über persönliche Erfolge wecken sehr oft Missgunst in denjenigen, die sich das anhören müssen und gerade selbst keinen Platz an der Sonne geniessen dürfen. Menschen vergleichen sich eben permanent mit anderen, und wer mehr hat, der muss den Neid seiner Mitmenschen aushalten. Erfolge ziehen soziale Kosten nach sich.

Reden ist Silber, Schweigen aber auch

Doch die Experimente mit mehr als 1600 Teilnehmern legen nahe, dass diese Kosten noch höher ausfallen, wenn man sein Glück für sich behält. Es erzeugt als Geheimnis Distanz, und wenn es doch herauskommt, fühlten sich Freunde auf paternalistische Weise vor den Kopf gestossen, so die Forscherinnen. Zwar könne man verstehen, aus welchen Motiven eine gute Nachricht zurückgehalten wurde, aber man wäre doch niemals neidisch, was für ein Affront!

Am Ende bleiben zwei Möglichkeiten: Wer von Erfolgen erzählt, weckt Neid. Wer aber schweigt, hat Freunde, die neidisch sind und beleidigt.

29 Kommentare
    Domi Lips

    Wer selber zufrieden ist, der kann anderen ihren Erfolg gönnen...