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Pandemie verändert ForschungFacebook ersetzt Feldforschung in Italien

Viele Forschungsprojekte an der Uni Bern mussten wegen Corona gestoppt werden. Laura Stoffel machte kurzerhand die Stille im Lockdown zu ihrem neuen Thema.

Anstelle einer religiösen Prozession untersucht die angehende Sozialanthropologin Laura Stoffel nun die Auswirkungen des Corona-Notstands.
Anstelle einer religiösen Prozession untersucht die angehende Sozialanthropologin Laura Stoffel nun die Auswirkungen des Corona-Notstands.
Foto: Adrian Moser

Monatelang bereitete sich die Berner Studentin Laura Stoffel auf ihre Feldforschung in Sardinien vor und perfektionierte dafür auch ihre Italienischkenntnisse. Die angehende Sozialanthropologin wollte für ihre Masterarbeit eine religiöse Prozession auf der Insel erforschen.

Dann kam die Pandemie – und die Grenze zu Italien wurde geschlossen. Inzwischen ist sie zwar wieder offen, doch auch heute weiss Stoffel nicht, ob die Prozession, die ihr Forschungsthema hätte werden sollen, dieses Jahr überhaupt stattfinden darf. Stoffel musste in kürzester Zeit ein neues Thema finden.

Damit ist sie nicht alleine. Zahlreiche Studierende und Doktorierende der Universität Bern mussten sich kurzfristig mit neuen Forschungsthemen anfreunden, Feldforschungen verschieben oder gar ihr Studium verlängern. Auch in Stoffels universitärem Umfeld hätten einige ihre Themen «radikal geändert».

Genaue Zahlen darüber, wie viele betroffen sind, habe das Vizerektorat Lehre nicht, sagt Nathalie Matter, Mediensprecherin der Universität. Man habe aber eine Empfehlung abgegeben, empirische Forschung wenn nötig durch Interviews oder Literaturanalysen zu ersetzen.

Die Akustik des Notstands

Laura Stoffel sieht die Planänderung pragmatisch. In ihrer neuen Masterarbeit beschäftigt sie sich nun kurzerhand mit dem Thema, das die Umstellung erzwang: mit dem Corona-Notstand. «Bei all dem, was im Lockdown um mich herum geschah, hatten andere Themen keine Relevanz mehr», sagt Stoffel. Die Pandemie erfordere keineswegs nur medizinische Forschung, sondern auch Antworten auf gesellschaftliche Probleme, die sich aus der Ausnahmesituation ergaben. Da seien für sie «extrem viele Fragen» offen, sagt Stoffel.

«In schwierigen Zeiten wird die Kreativität sichtbarer.»

Laura Stoffel, Studentin an der Uni Bern

Diejenige Frage, die Stoffel mit ihrer ethnografischen Forschungsarbeit nun beantworten will, mutet speziell an: «Wie werden soziale und politische Auswirkungen der Massnahmen gegen die Pandemie in der Akustik des
Alltags wahrgenommen, und wie wirkt sich Corona auf unser akustisches Umfeld aus?» Gerade die plötzliche und auffällige Stille im Ausnahmezustand biete zahlreiche neue Forschungsmöglichkeiten, findet Stoffel. Um die Schwierigkeiten bezüglich der Feldforschung zu umgehen, rief Stoffel auf Facebook dazu auf, ihr Audio- und Fotoaufnahmen aus dem Lockdown zuzusenden.

Die abrupte Umorientierung hat Stoffel auch als Chance erlebt: «In schwierigen Zeiten wird die Kreativität sichtbarer.» Sie wählte nicht nur ein neues Thema, sondern – ebenfalls aus der Not heraus – auch neue Forschungsmethoden. «Go with the flow», war ihr Motto. Jetzt sei sie voll im neuen Forschungsprojekt drin und mit Freude an der Arbeit. Allerdings erlebte sie die Arbeit zu Hause keineswegs als einfach. Für die Studentin und Mutter gab es im Homeoffice «noch andere Dinge jenseits der Forschung, die ich bewerkstelligen musste».

Für viele Studierende dürfte die Umstellung ihrer Projekte das Studium verlängern. Nicht so für Stoffel. Die durch die Pandemie erzwungene Änderung ihrer Masterarbeit und der Verzicht auf die Feldforschung führt voraussichtlich dazu, dass sie ein Semester früher abschliessen kann.