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Antibiotika-ProduktionEuropas letzter Penicillin-Hersteller lagert nicht nach China aus

Sandoz lässt sich den Verbleib in Tirol von Österreichs Regierung mit 50 Millionen Euro finanzieren. Sie will sich verpflichten, das Medikament in den nächsten zehn Jahren in Europa zu produzieren.

Im Sandoz-Werk in Kundl in Tirol werden weiterhin Antibiotika hergestellt. Staatliche Gelder sollen fliessen.
Im Sandoz-Werk in Kundl in Tirol werden weiterhin Antibiotika hergestellt. Staatliche Gelder sollen fliessen.
Foto: Imago Stock & People

Bei diesen Preisen ist eine Produktion in Europa illusorisch: «Ein Kilogramm Penicillin kostet am Weltmarkt 20 Dollar. Das ist weniger als für Kaugummi.» So anschaulich beschrieb Novartis-Österreich-Chef Michael Kocher im Mai die Bedingungen in der Produktionsanlage der Novartis-Tochter Sandoz in Kundl. Und er tönte vernehmlich an, dass man die Geschäftsaktivitäten beim letzten voll integrierten Hersteller von Antibiotika in der westlichen Welt überprüfen werde.

Nun hat die österreichische Regierung reagiert und die Produktion in Kundl zur «volkswirtschaftlich wichtigen kritischen Infrastruktur» erklärt. Wodurch demnächst Geld fliessen könnte: Die Regierung in Wien will 50 Millionen Euro an Forschungsförderung und Investitionsprämien beisteuern, wie die Wirtschaftsministerin Margarete Schramböck sagte. Davon sollen 20 Millionen Euro via EU-Massnahmen (Important Projects of Common European Interest, IPCEI) in den Topf fliessen.

Grösster Produzent von Penicillin

Zusammen mit diesen Geldern will Sandoz in den nächsten fünf Jahren 150 Millionen Euro in die Wettbewerbsfähigkeit von Kundl investieren. Aktive pharmazeutische Wirkstoffe und fertige Darreichungsformen sollen auf den neuesten Stand der Technik gebracht werden. Bei Penicillin in Tablettenform deckt das Werk 75 Prozent der Weltproduktion ab. Sandoz verspricht, dass die Produktion der Wirkstoffe in den nächsten zehn Jahren aufrechterhalten werde.

Formell soll das Abkommen zwischen Novartis und der Regierung vor Ende Jahr abgeschlossen sein.

China und Indien dominieren den Markt

Die Corona-Krise hat es definitiv an den Tag gebracht: Die Abhängigkeit Europas von den Pharmaproduzenten in Asien ist eklatant. Allein bei den Antibiotika-Wirkstoffen stammen 80 bis 90 Prozent aus China und Indien. Das Thema ist nicht nur in Österreich auf die politische Agenda katapultiert worden.

Die deutsche EU-Präsidentschaft will die Produktion von Wirkstoffen in Europa zu einem Schwerpunkt der deutschen Ratspräsidentschaft im zweiten Halbjahr machen. In Frankreich bläst Präsident Emmanuel Macron zu einer grossen Rückholaktion. Als Erstes will die Regierung die Produktion des Arzneimittelwirkstoffs Paracetamol innerhalb von drei Jahren in die Heimat zurückholen. Paracetamol wird seit 2008 nicht mehr in Frankreich hergestellt. 50 Prozent der weltweiten Produktionskapazitäten befinden sich heute in China, 30 Prozent in Indien.

Schweiz soll sich beteiligen

Auch in der Schweiz sind hinter den Kulissen Arbeitsgruppen damit beschäftigt, Antworten auf die drängenden Fragen zu finden. Was bereits darin angedacht ist, ist nicht bekannt. Alex Müller, Direktor des Branchenverbandes Intergenerika, empfiehlt dem Bundesrat, sich in der EU einzubringen und sich an den europäischen Projekten zu beteiligen.

Das Problem, das in Europa einer Lösung harrt, hat der Chef von Novartis Österreich umschrieben. Die Politik sei mitverantwortlich für die Abwanderung der Wirkstoffproduktion und der Generika nach Asien. Die hohen Produktionskosten würden in keiner Weise durch die niedrigen Verkaufspreise im regulierten Pharmamarkt ausgeglichen.

Darauf hatte in diesem Frühling Österreichs Wirtschaftsministerin Margarete Schramböck hingewiesen. Wenn die EU mit Geldern in Kundl einspringe, sollten sich die Staaten auch bereit erklären, das Antibiotikum dann in Tirol zu kaufen. Axel Müller von Intergenerika verweist darauf, dass man sich auf einem freien Markt bewege. Aber er sieht durchaus die Möglichkeit, dass der Bund mit Pharmafirmen zusammensitzen und über Anreize zum Bezug von Wirkstoffen aus europäischer Produktion diskutieren könnte. «Doch dieser Dialog fehlt noch», unterstreicht er.