Wie und wo an der Euro 2012 die Tore fallen

Analyse

Experte und Trainer Martin Andermatt erklärt im Interview seine persönliche Statistik und die dazu erstellte Grafik von DerBund.ch/Newsnet.

Experte Martin Andermatt erstellte die Statistik. DerBund.ch/Newsnet (Laurent Wolf) liefert die Grafik dazu.

Experte Martin Andermatt erstellte die Statistik. DerBund.ch/Newsnet (Laurent Wolf) liefert die Grafik dazu.

Thomas Niggl@tagesanzeiger

Sie haben in akribischer Arbeit Ihre eigene Statistik gemacht. Weshalb?
Ich habe grossen Spass daran, eine EM aus einem speziellen Blickwinkel zu analysieren. Ich habe den Drang, mich weiterzuentwickeln. Trends zu erkennen und sie dann später anzuwenden, gehört zu meinem Beruf als Trainer.

Welche Erkenntnisse haben Sie bisher an dieser EM gewonnen?
Es gibt für mich zwei Aspekte, um einen erfolgreichen Fussball zu zelebrieren. Ein gut funktionierendes Kollektiv ist weiterhin die Basis des Erfolgs. Dazu kommt, dass eine perfekte Technik, also die Ballfertigkeit der Spieler, verbunden mit einem hohen Rhythmus für die Zukunft immer wichtiger wird. Die Räume werden eng. Deshalb spielt die Kreativität eines Spielers eine zentrale Rolle.

Was meinen Sie mit einem gut funktionierenden Kollektiv genau?
Die Trainer müssen wieder mehr Wert aufs Training nach dem Training legen.

Was heisst das genau?
Ein Trainer muss sich auch mit dem Charakter eines Spielers auseinandersetzen, den Spieler so begleiten, dass er seine eigene Persönlichkeit in den Dienst der Mannschaft stellt. Dies allerdings ist eine grosse Herausforderung für einen Trainer. Es ist wohl noch schwieriger, als eine Trainingseinheit zu gestalten.

Zurück zur EM und zu Ihrer persönlichen Toranalyse. Wie sind die Tore gefallen?
Von den bisher 60 gefallenen Toren sind lediglich sieben Treffer knapp ausserhalb des Strafraumes erzielt worden.

Erstaunt Sie das?
Im Prinzip schon. Aber es zeigt, dass Weitschüsse gegen eine massierte Abwehr kein Rezept sind. Vielmehr entscheiden Laufwege und der letzte Pass in die Schnittstelle einer kompakten Abwehr. 88 Prozent der Tore sind im Strafraum gefallen.

Wie viele davon im Fünfmeterraum?
Dort fielen 16 Tore.

Schusstraining aus 20 oder 30 Metern ist also fragwürdig?
Weitschüsse trainieren bringt fast nichts mehr. Ich würde vielmehr im Training auf Spielformen im und um den Strafraum setzen. Dort ist die Technik unter Druck gefragt, die Kreativität und der Abschluss des Torschützen. Das erfordert Abschlussformen unter Wettkampfbedingungen im Training.

88 Prozent der Treffer fielen im Strafraum. Was bedeutet das taktisch für die Verteidiger?
Das bedeutet, dass die Automatismen im Zusammenspiel zwischen Torhüter, den beiden zentralen Abwehrspielern und den defensiven Mittelfeldspielern im Strafraum funktionieren müssen.

Dort besteht aber offenbar Nachholbedarf?
Im täglichen Training mit der Vereinsmannschaft sind Fortschritte schneller zu erzielen als bei den wenigen Zusammenzügen einer Nationalmannschaft.

Was ist Ihnen an dieser EM sonst noch aufgefallen?
In der zweiten Runde fielen mehr Tore als in der ersten und der dritten. Erstaunlich ist auch, dass es in der ganzen Gruppenphase in 24 Spielen nur einen einzigen Elfmeter gab, den der polnische Ersatzkeeper gegen die Griechen allerdings gehalten hatte.

Haben Sie eine Erklärung dafür?
Im ersten Spiel steigt man in ein Turnier und will einfach mal nicht verlieren. In der zweiten Runde muss man sich dann die Basis legen und etwas mehr Risiko eingehen, um eine gute Ausgangslage für den Finish zu haben. Im dritten Spiel der Gruppenphase wird dann meistens nur noch ergebnisorientiert gespielt.

Wie gefällt Ihnen diese EM in Polen und der Ukraine auch von den Emotionen her?
Ich erachte es als sehr positiv, dass viele herrliche Tore erzielt wurden. Es gab kein einziges torloses Spiel. Die EM ist auch für die Fans ein grosses Fest. Grössere Ausschreitungen blieben bisher aus. Die Fans machen das Turnier zudem mit ihren einfallsreichen Outfits und bunt bemalten Gesichtern zu einem farbenfrohen Event. Allerdings ist es schade, dass die beiden Gastgeberländer nicht mehr dabei sind. Sie haben das Turnier nämlich hervorragend organisiert.

DerBund.ch/Newsnet

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