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Der PollerEtwas mehr Willi könnte nicht schaden

Der «Poller»-Kolumnist Markus Dütschler ärgert sich darüber, dass viele Leute selbst kurze Mitteilungen nur noch überfliegen – und gibt zu, dass er diesbezüglich selber ebenfalls sündigt.

Willi Ritschard, Bundesrat von 1973 bis 1983, am Bundesratstelefon. Der Sozialdemokrat las Dokumente immer genau durch.
Willi Ritschard, Bundesrat von 1973 bis 1983, am Bundesratstelefon. Der Sozialdemokrat las Dokumente immer genau durch.
Foto: Keystone

Nimmt man das Alter der Erde als Massstab, ist die Geschichte der Schrift eine kurze, und die Schriftlichkeit erscheint als dernier cri. Anders besehen ist es eine uralte Kulturtechnik. Aus der Zeit um 6600 vor Christus stammen Schriftzeichen in China, bei denen man aber nicht sicher ist, ob die Zeichen wirklich eine Schrift waren. Denn eine echte Schrift ist nicht auf einen Verwendungszweck oder ein Thema fixiert, vielmehr soll man mit ihr alles in Worte fassen können. Um etwa 2700 vor Christus entstand in Mesopotamien eine Keilschrift, die nicht mehr auf Piktogrammen beruhte, die das Gesagte illustrierten, sondern abstrakt war. Prinzipiell wurde ab da alles sagbar, auch Nichtgegenständliches, Abstraktes.

4700 Jahre Lesepraxis ist eine verflixt lange Zeit. Man dürfte erwarten, dass wir das nun langsam können. Welch ein Irrtum! Manchmal scheint es, als lese niemand mehr irgendetwas richtig durch. Wir haben in unserem Gehirn eine Art Pauschal-Scanner entwickelt, der auf ein Blatt Papier oder auf einen Bildschirm schaut und sogleich weiss, worum es geht.

Angeblich weiss, muss man beifügen. (Scheinbar weiss, nicht anscheinend, wie ich beckmesserisch festhalte, das ist nämlich nicht das Gleiche.) Die Massen von E-Mails, die wir uns schicken, versehen mit etlichen CC im Verteiler, verunmöglichen es uns zunehmend, alles aufmerksam zu lesen und aufzunehmen. Der Empfänger stürzt sich auf irgendein Stich- oder Reizwort, das ihm sprichwörtlich ins Auge sticht, und glaubt danach, voll im Bild zu sein. Man muss ihm später mündlich mühsam beibringen, dass das genaue Gegenteil gemeint war.

Möglicherweise ist es auch eine pseudoakademische Unsitte, Dinge nur punktuell zur Kenntnis zu nehmen. Wer an einer Uni Abschlussarbeiten verfasst, hat eine Latte von Literatur aufzuführen, die sich der angehende Master of Desaster angeblich zu Gemüte geführt hat. Oft wird das Buch nur partiell ausgewertet, nämlich genau jenes Kapitel, in dem etwas zum eigenen Thema steht. Im Literaturverzeichnis macht es sich trotzdem gut.

Ein Mensch, der handwerklich arbeitet, tickt anders. Ein solcher war Bundesrat Willi Ritschard (1918–1983). Der Solothurner SP-Mann war gelernter Heizungsmonteur und machte über die Gewerkschaftsschiene Politik, bis er ganz oben in Bundesbern ankam. «Willi national» war populär, weil die Menschen ihn verstanden, wenn er eine Sache populär, aber nicht populistisch erläuterte.

Ritschard hatte einen Berater und Redenschreiber, ebenfalls ein Solothurner: Peter Bichsel. Der Schriftsteller schrieb einmal, es habe ihn fasziniert, wie Ritschard Akten und Berichte studiert habe. Anders als die «Gstudierte», die in einem Dokument das Inhaltsverzeichnis durchgegangen seien, das Résumé gelesen und zielstrebig das Kapitel mit der Kerninformation aufgeschlagen hätten, habe Ritschard von ganz vorn zu lesen begonnen. Bichsel mokierte sich nicht darüber, sondern empfand es als Wertschätzung gegenüber einem Text.

Natürlich haben wir keine Zeit, um Dinge in extenso aufzunehmen, die für das Verständnis des Kernarguments nicht nötig sind. Aber eine siebenzeilige Mitteilung samt Titel von Anfang bis Ende durchzulesen, ist nicht zu viel verlangt. Vor allem, wenn sich der Absender Mühe gegeben hat, kurz, knapp und klar zu formulieren, worum es geht. Etwas mehr «Willi» könnte uns nur guttun.

«Bund»-Redaktor Markus Dütschler gibt zu, dass auch er schon Dinge überlesen hat, obwohl sie – vor seiner Nase – schwarz auf weiss dastanden.