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Kampf gegen die KinderlähmungEtappensieg über das Polio-Virus

In Afrika gilt die Kinderlähmung dank gigantischer Impfprojekte jetzt als ausgerottet. Doch in Ländern wie Afghanistan und Pakistan wütet der Polio-Erreger weiter – und nun kommt noch Corona.

Ein Kind in Nigeria bekommt eine Schluckimpfung gegen Kinderlähmung.
Ein Kind in Nigeria bekommt eine Schluckimpfung gegen Kinderlähmung.
Foto: Sunday Alamba, AP, Keystone

Abbas Ibrahim Musa packt gerade seine Ausrüstung für den neuen Arbeitstag zusammen, als die Schüsse fallen. «Auf den Boden», ruft er den Kollegen zu. «Erschiesst sie!», schreien die Schützen. Musa und die anderen drängen sich in einer Ecke zusammen, während die Angreifer ihre Gewehre abfeuern, Benzin in den Raum schütten, es anzünden und dann auf ihren Motorrädern davonfahren.

Als Musa sich mühsam aufrichtet, ist überall auf seinem Körper Blut. Es ist das Blut seiner Kollegen, wie er später verschiedenen Medien berichtete. Insgesamt starben an diesem Februarmorgen 2013 im Norden Nigerias neun Menschen. Sie alle waren Teil der globalen Initiative zur Ausrottung der Kinderlähmung. Sie verteilten den Impfstoff, der vielen in der Region – angestachelt von der islamistischen Organisation Boko Haram – als Teufelszeug galt, als westliches Gift, um die Muslime zu sterilisieren.

Etwa zwei Millionen Kinder vor Lähmung bewahrt

Musa blieb an jenem schrecklichen Tag unverletzt – und er machte weiter mit den Impfungen. Menschen wie ihm ist es zu verdanken, dass Nigeria den Sieg über die Krankheit erringen konnte. Seit 2016 sind in dem Land keine Fälle mehr dokumentiert worden. Und weil Nigeria der letzte Staat Afrikas war, in dem der Erreger noch zirkulierte, kann der Kontinent in diesen an schlechten Nachrichten reichen Tagen einen enormen Erfolg feiern. Am Dienstag soll ganz Afrika offiziell für frei von der auch Poliomyelitis genannten Krankheit erklärt werden. Etwa zwei Millionen Kinder dürften die Impfaktionen bisher vor den Lähmungen bewahrt haben. Ein Meilenstein auf dem Weg zur Ausrottung der Polio.

Seit mehr als dreissig Jahren träumt die Weltgemeinschaft von dem Tag, an dem die Kinderlähmung überall verschwunden sein wird. Eradikation heisst der Fachbegriff, und er bedeutet, dass ein Krankheitserreger restlos aus der Biosphäre getilgt wird, sodass keinerlei Prävention mehr nötig ist. Noch der letzte Zipfel des Planeten muss von dem Erreger befreit werden, die abgelegenste Insel, das schwerstzugängliche Bergdorf kontrolliert werden. Das ist ein gigantisches Unterfangen, für das nur wenige Infektionskrankheiten geeignet sind.

Voraussetzung ist, dass ihr Erreger keinen anderen Wirt als den Menschen hat. Die Krankheit sollte leicht zu erkennen sein. Es muss ein einfaches, preiswertes Mittel zur Vorbeugung geben, dazu starke politische Unterstützung und die Akzeptanz der Menschen, die nur zu erwarten ist, wenn das Leiden als grosses Problem wahrgenommen wird. Die Pocken passten perfekt auf diese Beschreibung. Sie sind bis heute die einzige menschliche Krankheit, die je ausgerottet wurde. Seit 1978 ist sie nie mehr gesehen worden.

Mund auf, das Vakzin auf die Zunge getropft, schlucken.

Und auch die Kinderlähmung ist ein guter Kandidat für die Eradikation. Jahrtausendelang mussten Eltern mit ansehen, wie das Virus die Beine ihrer Kinder lähmte und verformte. Manchmal befällt die Lähmung auch die Atemmuskulatur. Im vergangenen Jahrhundert überlebten ungezählte Menschen nur dank der Eisernen Lunge; ausgestreckt lagen sie in der engen Röhre, die sie beim Atmen unterstützte. Doch längst nicht jedem stand diese Möglichkeit offen. Bis Mitte des vergangenen Jahrhunderts starb Jahr für Jahr eine halbe Million Menschen an der Krankheit.

Dann wurden Impfstoffe entwickelt, und spätestens als die preiswerte Schluckimpfung auf den Markt kam, setzte der Optimismus ein. Familien standen in langen Schlangen vor den Impfzentren an. Es war so einfach. Mund auf, das Vakzin auf die Zunge getropft bekommen, schlucken. Das Ganze zwei- bis dreimal wiederholen – und das grausame Schicksal ist abgewendet. Bald glaubten auch Gesundheitsexperten, dass es nicht allzu schwer sei, den Erreger der Kinderlähmung ein für alle Mal zu besiegen. 1988 fasste die Weltgemeinschaft den Beschluss, die Krankheit bis zum Jahr 2000 auszurotten. Zu diesem Zeitpunkt war das Poliovirus noch in 125 Ländern verbreitet und lähmte jährlich mehr als 350000 Kinder.

Anfangs schien der ambitionierte Plan aufzugehen. Die Zahlen fielen rasant. Doch als das Zieldatum erreicht war, zirkulierte das Virus noch immer in sechs Ländern, etwa 3000 Kinder hatte es in jenem Jahr befallen. Seither wurde das Datum wieder und wieder verschoben. Immer mehr und mehr Geld musste aufgebracht werden. Ursprünglich glaubte man, mit 155 Millionen Dollar auszukommen. Bis 2019 hat das von Weltgesundheitsorganisation (WHO), Unicef und privaten Organisationen getragene Vorhaben fast 17 Milliarden Dollar verschlungen.

Neuer Polio-Brandherd

In den ersten zwanzig Jahren reduzierte sich die Zahl der Poliofälle um 99 Prozent. Seit fast zehn Jahren aber geht es nur noch darum, dieses eine Prozent des Weges zu schaffen. Mit enormem Aufwand müssen die fast Unerreichbaren erreicht werden. Menschen, die in grosser Abgeschiedenheit leben, Nomaden, Vertriebene, Flüchtlinge, Kinder in der Enge der Slums, ohne Geburtsurkunde und Adresse, Feinde der westlichen Medizin, Opfer von Fehlinformationen. Jede Naturkatastrophe, jede politische Unruhe, jeder Fehler im Management kann Jahre der Arbeit zunichtemachen.

So gesehen ist es ein riesiger Erfolg, dass Afrika dem Eradikationsprogramm nun einen weiteren Teilsieg beschert hat. Doch so sehr man sich über diese positive Nachricht freut, sie gibt nicht das ganze Bild wieder. Denn in den vergangenen vier Jahren, als der Kontinent auf die offizielle Anerkennung zusteuerte, entwickelte sich die Lage anderswo sehr viel schlechter.

«In jedem zweiten Haus wird die Impfung abgelehnt. Die Frauen sagen, dass ihre Ehemänner ihnen die Impfung verboten hätten.»

Helferin, die Aktivitäten der Polio-Initiative evaluiert

Noch immer zirkuliert das Virus in zwei Ländern. In Afghanistan und in Pakistan, wo die ersehnte Null zwischenzeitlich bereits ganz nahe war, verfünffachten sich die Erkrankungszahlen in den vergangenen zwei Jahren. 2019 wurden 174 Fälle dokumentiert. In Afghanistan verweigerten die Taliban den Impfteams Zugang zu den von ihnen kontrollierten Gebieten. Die politische Unterstützung in beiden Ländern ist unzureichend.

Die Helfer, die mit dem Vakzin durch die Ortschaften ziehen, treffen auf Unverständnis, Misstrauen, blanken Hass. «In jedem zweiten Haus wird die Impfung abgelehnt. Die Frauen sagen, dass ihre Ehemänner ihnen die Impfung verboten hätten. Und das ist nicht nur leeres Gerede. Ich kenne einen Mann, der sich von seiner Frau hat scheiden lassen, weil sie ihre Kinder gegen Polio geimpft hat», berichtete eine Helferin dem unabhängigen Monitoring Board, das die Aktivitäten der Polio-Initiative evaluiert.

Status «poliofrei» umstritten

Immer wieder sind die Einwohner irritiert, dass sich die Teams ausschliesslich dafür interessieren, gesunden Babys das Vakzin in den Mund zu tropfen, während so viele Kinder um sie herum an Durchfall, Lungenentzündung und Unterernährung leiden. Während das Trinkwasser verschmutzt und die Strassen mit Müll übersät sind. Das ist eine altbekannte Entwicklung. Am Ende kann so ein Programm Opfer seines eigenen Erfolges werden. Die Notwendigkeit wird bezweifelt. Die Kosten erscheinen unverhältnismässig hoch für die wenigen verbleibenden Fälle. Ermüdung setzt ein.

Hinzu kommt aktuell eine unerwartete Entwicklung. Stärker als gedacht breitet sich die Impfpolio aus. Sie entsteht, wenn das im Lebendimpfstoff enthaltene Virus sich verändert und dann wieder infektiös wird. Es ist ein extrem seltenes Phänomen, das lange bekannt ist. Doch nun zeigt sich, dass es mehr Ausbrüche verursacht als vorhergesagt. Fast 370 solcher Fälle sind im vergangenen Jahr in siebzehn Ländern gezählt worden, viele davon in Afrika. Sie werfen die Frage auf, ob der Status «poliofrei» zutreffend ist, wenn er diese Fälle nicht mit berücksichtigt.

Angesichts all der Probleme reagierte das Monitoring Board Ende vergangenen Jahres mit unverholener Frustration und fasste seinen Lagebericht mit den Worten zusammen: «Das Jahr 2019 war ein gutes Jahr für das Poliovirus. Es leistet weiter grossartige Arbeit darin, die menschlichen Schwächen auszunutzen, zu überleben und zu gedeihen.» Mehrfach fällt das Wort Krise in diesem Report.

Neues Hindernis: Covid-19

Und mitten in diese Krise brach die weltgrösste Krise herein. Covid-19 hat auch die Polio-Initiative hart getroffen. In 38 Ländern mussten die Immunisierungen aussetzen. 100 Millionen Impfdosen stapelten sich zeitweise in den Regalen der Hersteller und konnten nicht ausgeliefert werden, etliche von ihnen nähern sich ihrem Verfallsdatum. Die für die Eradikation so wichtige Überwachung des Infektionsgeschehens war vielerorts eingeschränkt. Normalerweise werden jährlich Zehntausende Verdachtsfälle untersucht, im ersten Halbjahr 2020 waren es nur zwei Drittel der üblichen Anzahl. Das Monitoring Board fürchtet, dass Ende des Jahres allein in Pakistan 500 Kinder gelähmt sein könnten. Das wären so viele wie seit zwanzig Jahren nicht mehr.

Wie es mit der Ausrottung weitergeht, ist ungewiss. Und doch ist Aufhören keine Option. Lassen die Bemühungen jetzt nach, schätzt die WHO, wäre innerhalb von nur zehn Jahren ein Grossteil des Erreichten verloren. 200000 Kinder könnten dann jedes Jahr die Fähigkeit einbüssen, unbeschwert zu laufen.