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Paralympics-VerschiebungEs zieht immer noch alle nach Tokio

Die meisten Schweizer Paralympics-Aspiranten machen nach der Verschiebung ein Jahr weiter. Vorerst stehen sie aber vor unterschiedlichen Herausforderungen.

Karin Suter-Erath im Einsatz an der WM in Basel, an der sie die Bronzemedaille gewann.
Karin Suter-Erath im Einsatz an der WM in Basel, an der sie die Bronzemedaille gewann.
Georgios Kefalas/Keystone

Es sollte ihr wohl letztes olympisches Hurra werden. Der Fokus von Karin Suter-Erath war ganz auf Tokio 2020 ausgerichtet, im August wollte die 49-jährige Baslerin bei der Premiere des Para-Badminton ihre Karriere mit der zweiten Olympia-Medaille krönen. Vor 16 Jahren hatte sie sich als Tennisspielerin in Athen im Doppel Bronze umhängen lassen.

Dem olympischen Stelldichein hat die extrem polysportive Athletin – bis zu ihrem schweren Unfall 1997 war sie Handball-Nationalspielerin – vieles untergeordnet, dafür reduzierte sie in den letzten Jahren auch ihr Arbeitsvolumen. Bei Rollstuhlsport Schweiz ist sie in einem 30-Prozent-Pensum für die Aus- und Weiterbildung von Rollstuhlsport-Trainern mit verantwortlich. Dazu macht sie Sportberatungen, mehrheitlich
für Personen, die noch nicht lange im Rollstuhl sind. Sie lobt ihren Arbeitgeber: «Dank der Jahresarbeitszeit kann ich flexibel sein. Normalerweise arbeite ich gegen Jahresende mehr, wenn keine Wettkämpfe mehr anstehen.»

Als die Verschiebung von Olympia zuerst immer konkreter und schliesslich offiziell wurde, habe sie bald gewusst, dass sie weitermachen werde: «Rein sportlich ist es für mich nicht optimal, denn im Vergleich zu meinen jüngeren Kontrahentinnen macht mir ein zusätzliches Jahr etwas mehr zu schaffen. Aber mir war rasch klar, dass ich nicht aufgeben will, was ich mir über all die Jahre aufgebaut habe.» Damit liege sie im Trend, sagt Roger Getzmann, der Missionschef von Swiss Paralympic. Er könne zwar nicht ausschliessen, dass einzelne Olympia-Kandidaten aufhören, aber insbesondere die Signale der Medaillen- und Diplomanwärter seien sehr positiv: «Sie wollen alle dabeibleiben.»


Team und Ballsportler sowie Sprinter haben es schwer

Vorerst ist Tokio aber ganz weit weg. Im Vordergrund steht, den Trainingsalltag trotz der aktuellen Einschränkungen möglichst gut zu gestalten. Der absoluten Elite hatte Swiss Olympic angeboten – ebenso
wie den besten Fussgängern des Landes – in Magglingen zu trainieren. «Das war aber nicht praktikabel», sagt Getzmann, «vor allem, weil wir zuerst zehn Tage in Quarantäne hätten verbringen müssen.» Swiss Paralympic hatte dann eine ähnliche Ausnahmebewilligung für Nottwil am Sitz des Paraplegikerzentrums angestrebt. Mit der Absage der Spiele wurde die Anfrage aber obsolet.

Im Moment braucht es viel mehr Selbstdisziplin, um zu trainieren.

Karin Suter-Erath

Nun sind die Trainingsvoraussetzungen bei weitem nicht überall gleich gut: Handbiker und die meisten Leichtathleten können ihre Trainings auf der Strasse absolvieren, für Team- und Ballsportler ist es viel
schwieriger. Und auch beinamputierte Sprinter sind mit ihren Prothesen auf eine Bahn mit gleichmässiger Unterlage angewiesen.

Suter-Erath trainiert im Moment nur zu Hause: «Ich arbeite, so gut es geht, an der Kraft, der Koordination und der Schnelligkeit.» Sie ist allerdings ziemlich eingeschränkt: Kraftübungen mit dem eigenen Körpergewicht sind für Rollstuhlfahrer weniger gut möglich, und natürlich fehlen ihr vor allem Racket sowie Shuttle: «Zum Badmintontraining muss ich mich nie motivieren, das mache ich so gerne. Im Moment braucht es viel mehr Selbstdisziplin, um zu trainieren.» Nach draussen geht sie neben den Trainingsfahrten mit dem Handbike nur zum Einkaufen, und das zu Randzeiten. Die rigorosen Hygienevorschriften bezüglich sorgfältigem und gründlichem Händewaschen ist sie als Rollstuhlfahrerin seit langem gewohnt. «Von daher muss ich mich nicht gross umstellen.»

Einzelne Leichtathleten wie Marcel Hug und Manuela Schär richten ihr Augenmerk nun schon auf die grossen und auch finanziell attraktiven Herbstmarathons. Für die meisten anderen gilt: abwarten, welche Entscheide das International Paralympic Committee (IPC) trifft. Rund 4400 Athleten werden sich schliesslich in Tokio um die 540 Medaillensätze streiten. Mit Spannung erwartet wird vor allem die Frage, ob die 14 Selektionskonzepte bestehen bleiben. Suter-Erath wäre aktuell aufgrund der im Para-Badminton massgebenden Weltranglistenposition sowohl im Einzel als auch im Doppel mit der Oltnerin Cynthia Mathez praktisch qualifiziert, da nur noch ein Selektionsturnier fehlte. «Hoffentlich werfen die Verantwortlichen vom IPC nicht alles über den Haufen», sagt Suter-Erath.