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Prozess gegen Eichmann«Es vergeht kein Tag, an dem ich mich nicht erinnere»

Nach der Entführung Adolf Eichmanns vor 60 Jahren war Gabriel Bach einer der Ankläger in Jerusalem. Heute blickt er zurück auf einen historischen Prozess.

Der Prozess war für Israel entscheidend: Ankläger Gabriel Bach (vorne Mitte) und Adolf Eichmann, der Cheforganisator des Holocaust.
Der Prozess war für Israel entscheidend: Ankläger Gabriel Bach (vorne Mitte) und Adolf Eichmann, der Cheforganisator des Holocaust.
Foto: PD

Allen ist der Eichmann-Prozess ein Begriff, doch für Gabriel Bach beherrscht er sein Leben. Der heute 93 Jahre alte Bach spielte als Ankläger im Verfahren gegen Adolf Eichmann eine entscheidende Rolle: «Es vergeht kein Tag, an dem ich mich nicht an Aussagen oder einen der Momente erinnere. Der Prozess berührt mich.»

Bach merkt man sein hohes Alter aufgrund seiner stattlichen Erscheinung und der mit Nachdruck vorgebrachten Sätze nicht an. Er ist einer der letzten noch lebenden Zeugen des Jerusalemer Verfahrens gegen Eichmann. Er kann stundenlang erzählen von dem Prozess, der sein Leben geprägt hat. Mit dem Satz «Das kann man schwer vergessen» springt er von einer Erinnerung zur nächsten.

Vor 60 Jahren nach Israel entführt

60 Jahre ist es her, dass Eichmann, der während der Nazizeit die Verfolgung, Vertreibung und Deportation von Juden organisiert hatte, von Agenten des israelischen Geheimdienstes Mossad in der tollkühnen «Operation Finale» festgesetzt wurde. Eichmann lebte in Buenos Aires unter falschem Namen. Der hessische Generalstaatsanwalt Fritz Bauer gab den entscheidenden Hinweis den Israelis – weil er der deutschen Polizei und Justiz misstraute. Eichmann wurde 1960 – getarnt als Mitarbeiter der Fluglinie El Al – nach Israel entführt. Ein Richter erliess dort am 23. Mai 1960 Haftbefehl.

«Ich hörte im Radio, als unser Premierminister David Ben-Gurion mitteilte, dass Eichmann gefasst ist und in Israel vor Gericht stehen wird», erzählt Bach. Zwei Tage später rief ihn Justizminister Pinchas Rosen zu sich: Bach war damals stellvertretender Generalstaatsanwalt: «Er hat mir gesagt: Sie werden einer der Ankläger sein. Das wird ein besonderer Prozess.»

Konnte den Prozess nie wieder vergessen: Gabriel Bach mit dem Bild von damals.
Konnte den Prozess nie wieder vergessen: Gabriel Bach mit dem Bild von damals.
Foto: Jonas Opperskalski (Laif)

Der Prozess gegen Adolf Eichmann hat Israel geprägt. Er hat den jüdischen Opfern eine Stimme gegeben und dem deutschen Massenmord ein Gesicht. Erstmals wurde der Welt das Ausmass und die Systematik des Holocaust wirklich vor Augen geführt. Adolf Hitler und andere Nazi-Grössen waren tot. Adolf Eichmann stand für die gnadenlose Vernichtungsmaschine und die Tötung von sechs Millionen Juden. Deshalb war es so wichtig, einem der Hauptverantwortlichen den Prozess machen zu können – und das in Israel. Und ein solcher Mann war der 1906 geborene Adolf Eichmann, der als SS-Obersturmbannführer und Leiter des Referats für «Judenangelegenheiten» im Reichssicherheitshauptamt zum Cheforganisator des Genozids wurde.

Die Bedeutung des Prozesses beschrieb der als «Eichmann»-Jäger bekannte Agent Rafi Eitan in einem Gespräch so: «Es ging nicht um Rache. Vielleicht könnte man von Vergeltung sprechen – aber nur in dem Sinne, dass Eichmann für seine Verbrechen büssen musste, dass an ihm, der keine Gerechtigkeit gekannt hatte, nun Gerechtigkeit geübt wurde.»

Bach tauchte ein in eine Welt, der er entkommen war.

Der Minister bat Bach, als Verantwortlicher die Untersuchungen vor dem Prozess zu leiten. Für Eichmann wurde ein Gefängnis nahe Haifa geräumt. Neun Monate lang quartierte sich Bach in einem Hotel ein und fuhr jeden Tag ins Gefängnis. Ein Polizeioffizier führte die Verhöre und berichtete Bach am Abend, was Eichmann gesagt hatte: «Ich habe dann allgemeine Instruktionen gegeben, wie man die Untersuchung weiterführen sollte.»

Bach tauchte ein in eine Welt, der er entkommen war. Eine Vergangenheit, in der «Juden nicht auf Bänken sitzen durften» und ihnen ein Boot auf dem Wannsee in Berlin verwehrt wurde, wie er sich erinnert. Zwei Wochen vor der Reichspogromnacht am 9. November 1938 gelang der Familie die Flucht aus Berlin.

Eichmann hat keine Gnade walten lassen

Er war damals elf Jahre alt, ein Kind. Als 34-Jähriger stand Bach dann erstmals Eichmann gegenüber und verhielt sich «korrekt», wie er selbst sagt. Er habe Eichmann mitteilen lassen, wenn er irgendwelche Probleme habe wegen seiner Gesundheit oder seiner Familie, dann sei er bereit, mit ihm zu sprechen. Beim ersten Treffen wollte Eichmann wissen, wen er als Verteidiger bekommt, und schlug Robert Servatius vor, einen der Hauptverteidiger in den Nürnberger Prozessen gegen die Nazi-Grössen. Eichmann habe ihn gefragt, ob er das mit der israelischen Regierung klären könne: «Ich habe ihm gesagt: ‹Da brauche ich nicht zu fragen. Die israelische Regierung hat gesagt, sie wird jeden nehmen, den Sie wollen, und für die Kosten aufkommen.›»

Die Frage, wie es ihm selbst beim ersten Aufeinandertreffen mit Eichmann gegangen ist, lässt Bach unbeantwortet. Er erzählt lieber, wie er sich durch Dokumente von Opfern gearbeitet hat, die Eichmann um ihr Leben angefleht hätten. Aber Eichmann habe keine Gnade walten lassen, nicht einmal bei einem Mann, dessen Erfindung für die Wehrmacht von Nutzen hätte sein können.

Nazis aus aller Welt schickten Briefe

Was Bach selbst angetrieben hat? «Mein Ziel war es, zu beweisen, dass er nicht nur Befehlsempfänger war, sondern dass er sich mit der Tötung der Juden identifizierte. Er wollte wirklich das ganze jüdische Volk umbringen.» Bach forderte Akten aus Deutschland an: «Die deutsche Regierung war ungeheuer freundlich. Sie haben uns alle Dokumente geschickt, die wir haben wollten.» Schreiben von Überlebenden der Schoah erreichten Bach in dieser Zeit, «dagegen schickten Nazis aus allen möglichen Ländern Briefe, die Eichmann entlasten sollten».

Der in Grossbritannien ausgebildete Jurist Bach las zur Vorbereitung auf den Prozess die Gespräche, die der Niederländer Willem Sassen mit Eichmann in den Fünfzigerjahren in Buenos Aires geführt hatte. «Die zeigen klar, dass Eichmann nicht nur ein Befehlsempfänger war. Denn er sagte zu diesem Zeitpunkt, es tue ihm leid, dass er nicht hart genug war und die ‹Wiedererrichtung der Rasse› und den Staat Israel nicht verhindern konnte.»

Eichmann erklärte, man müsse vor allem die jüdischen Kinder umbringen.

Bach arbeitet sich auch durch die Autobiografie von Rudolf Höss, dem Kommandanten des Vernichtungslagers Auschwitz: «Höss schrieb, ihm hätten manchmal die Knie gezittert, wenn er Kinder in die Gaskammer stossen musste. Aber Eichmann habe ihm erklärt, dass es vor allem die jüdischen Kinder seien, die man umbringen müsse. Sie seien die möglichen Rächer und die Keimzelle neuen Lebens dieser Rasse.»

Was am schlimmsten gewesen sei? Es gab für Bach mehrere solcher Erlebnisse, eines vor Prozessbeginn. Für das Gerichtsverfahren wurden 300 Filme zur Verfügung gestellt, die das Grauen in den KZ und Vernichtungslagern von Auschwitz bis Treblinka zeigten: «Ich habe drei Tage und drei Nächte zugebracht und all diese Filme gesehen. Die grausigsten Sachen habe ich zu einem 45-minütigen Film verarbeitet.»

Aus Fairnessgründen hat er Adolf Eichmann und dessen Verteidigern den Film vorab gezeigt, er wollte aber gern etwas wissen: «Ich habe auf ihn geguckt, wie er reagiert. Er war sehr stoisch, hat kaum reagiert. Nur einmal wandte er sich sehr aufgeregt zu dem Wächter neben ihm.» Was diese Emotionen ausgelöst hat? «Eichmann hat sich darüber aufgeregt, dass man ihn kurzfristig gerufen hatte und er nicht seinen dunklen Anzug anhatte. Das war das Einzige, was ihn berührt hat.»

Das Mädchen mit dem roten Mantel

Und was war das Schlimmste während des Prozesses? Wie so oft leitet Bach mit der Bemerkung ein, dass er etwas nicht vergessen könne. In diesem Fall die Geschichte des Mädchens mit dem roten Mantel. Der Zeuge Martin Földi hat sie im Gerichtssaal erzählt.

Földis Frau und seine Kinder wurden nach der Ankunft in Auschwitz nach links in den Tod geschickt, er musste nach rechts. «Das Letzte, was er sah, als seine Familie aus seinem Leben verschwand, war der rote Mantel seiner zweieinhalb Jahre alten Tochter. Ein roter Punkt, der immer kleiner wurde», erinnert sich Bach. «Nachdem er das gesagt hatte, konnte ich nicht weitermachen. Das war der einzige Moment im Prozess, in dem ich meine Sprache verlor.»

Bach hatte seiner Tochter Orli, damals zweieinhalb Jahre alt, kurz zuvor ebenfalls ein rotes Mäntelchen gekauft. «Ich sah sie vor mir und brauchte eine Pause. Es dauerte einige Minuten, bis ich mich wieder gefangen hatte.»

Erklärte, er habe nur Befehle ausgeführt: Adolf Eichmann 1962 vor Gericht in Jerusalem.
Erklärte, er habe nur Befehle ausgeführt: Adolf Eichmann 1962 vor Gericht in Jerusalem.
Foto: AP

Der Prozess, der am 11. April 1961 begonnen und am 15. Dezember desselben Jahres beendet wurde, endete mit dem Todesurteil. Wie hat Eichmann reagiert? «Er hat behauptet, dass er keine Strafe verdient hat, weil er nur Befehle ausgeführt hat.» Eichmann legte Berufung ein, das Todesurteil wurde am 29. Mai 1962 durch das Berufungsgericht bestätigt, auch in diesem Verfahren war Bach Staatsanwalt.

Danach reichte Eichmann ein Gnadengesuch beim israelischen Präsidenten ein. Vor der Verkündigung der Entscheidung fragte die Regierung die beteiligten Staatsanwälte, wie man im Falle einer Ablehnung weiter verfahren solle. Bach schlug vor, mit der Verkündung der Ablehnung des Gnadengesuches bis 23 Uhr zu warten und eine Stunde später «die Sache durchzuführen», sagt er: «Das ist von der Regierung genau so gemacht worden.»

Am Tag vor der Hinrichtung hat Bach Eichmann noch einmal besucht. Das Todesurteil ist das einzige, das in Israel jemals vollstreckt wurde. Bach lehnt eigentlich die Todesstrafe ab. In Eichmanns Fall, so findet er, war diese Entscheidung richtig.