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Ideal für TrinkspieleEs lebe die Zarin

«The Great» handelt vom Leben Katharina der Grossen, nimmt es mit der historischen Genauigkeit aber nicht so ernst. Zum Glück.

Elle Fanning als junge Idealistin, die lernt, ihre Ambitionen und ihre Arroganz geschickt zu kanalisieren.
Elle Fanning als junge Idealistin, die lernt, ihre Ambitionen und ihre Arroganz geschickt zu kanalisieren.
Foto: PD

Wie es sich dem Klischee nach für eine Serie über russische Geschichte gehört, ist «The Great» hervorragend geeignet für ein Trinkspiel. Wer jedes Mal ein Glas Wodka trinkt, wenn hier «Hurra!» gesagt, geschrien oder im Sprechchor gebrüllt wird, dürfte nach einer halben Folge unter dem Wohnzimmertisch liegen. Der Zar macht einen Witz – «hurra!». Er feiert einen Sieg gegen die Schweden – «hurra!». Und schliesslich: Seine Frau plant einen Coup gegen ihn. «Hurra!», flüstert Elle Fanning da leise, entschlossen und mit einem ziemlich bedrohlichen Blick direkt in die Kamera.

«Stellenweise wahre Geschichte»

Spätestens an dieser Stelle ist klar, dass die Serie von Tony McNamara es gemäss ihrem Untertitel – «Eine stellenweise wahre Geschichte» – mit der historischen Genauigkeit nicht so sehr hat. Seine Katharina, die später einmal «die Grosse» genannt werden wird, ist etwa noch ein Teenager mit rosigen Wangen. Dabei war sie im Jahr 1761, in dem die Serie beginnt, eigentlich schon 32 und Mutter von zwei Kindern. Hier ist sie stattdessen ein idealistisches Voltaire-Fangirl, überzeugt von ihrer Intelligenz, ihrem Charme und ihrer grossen Zukunft, die auch Russlands grosse Zukunft werden soll.

«Hurra», «Fuck», «Scheisse!»

Als solche ist sie freilich desillusioniert von ihrem Bräutigam Peter III., dem Nachfolger Peters des Grossen. Der stolziert wie ein Rapper mit dicken Goldketten um den Hals durch die Palastgänge und ruft noch öfter als «Hurra» nur noch «Scheisse!» und «Fuck!». Auch der Krieg Russlands gegen Schweden, der 1761 schon längst vorbei war, tobt hier noch, damit der irre Peter seinen Tisch beim Bankett mit den abgeschlagenen Köpfen schwedischer Soldaten dekorieren kann.

Für eine gute Szene ist McNamara also mehr als bereit, die Geschichtsbücher im Regal zu lassen. Für Nerds gibt es gerade ohnehin bei Sky die faktentreuere HBO-Serie «Katharina die Grosse» mit Helen Mirren. Die macht aber auch wesentlich weniger Spass.

Ein Eimer fürs sprudelnde Blut

Am Schluss der Eröffnungsfolge von «The Great» steht Katharina denn aus Enttäuschung über ihren soziopathischen Ehemann auch schon kurz davor, sich mit einem Brieföffner Gewalt anzutun. Ihre coole Kammerzofe (Phoebe Fox) hält sie davon ab, indem sie ungerührt den Diener einen Eimer für das zu erwartende Blut holen lässt.

Währenddessen gibt sie der ambitionierten Katharina die Idee zum Sturz des grausamen Kaisers und weckt so deren Lebensfreude. Von der Umsetzung dieses Coups, den Kompromissen, Intrigen und menschlichen Reifungsprozessen, die dazu an einem moralisch verlotterten, so dekadenten wie bildungsfernen Hof nötig sind, wird diese zehnteilige, herrlich satirische Miniserie von nun an handeln.

Einsicht in Sinnlosigkeit menschlichen Tuns

«The Great» basiert auf einem Theaterstück, das der Australier McNamara bereits 2008 geschrieben und uraufgeführt hat, lange bevor er als Co-Autor von Yorgos Lanthimos' oscarnominiertem Kinofilm «The Favourite» richtig berühmt wurde. Vergleiche mit Lanthimos' Film über das Konkurrenzgerangel zwischen zwei Hofdamen von Königin Anne im frühen 18. Jahrhundert drängen sich für «The Great» also auf nicht nur, weil es in beiden um eine weibliche Herrscherin geht, sondern auch wegen des komisch-grotesken Tons, den sie beide haben.

Allerdings ist «The Great» wackeliger im Ton. Besonders die Szenen ausgestellter Gewalt brechen auf erschreckende Weise mit der übrigen Heiterkeit. Was die Serie aber an Charakterzeichnung, an Einsicht in die Sinnlosigkeit menschlichen Tuns und trotzdem an Lebensfreude zu bieten hat, gleicht diese Brüche aus. Elle Fanning ist grossartig komisch in ihrer Entwicklung von der naiven jungen Adligen zur immer gewiefteren Intrigantin, und Nicholas Hoult (der in «The Favourite» einen fiesen Höfling spielte) läuft unfassbar souverän auf dem Drahtseil, das er für seinen Peter III. zwischen Unsicherheit und Grausamkeit gespannt hat.

«Strahlender» Kinderchor aus Tschernobyl

Am besten ist «The Great» aber, wenn sich die Serie an ihrem Wissen über den weiteren Verlauf der Geschichte erfreut, das ihren Figuren fehlt. Als die Hofdamen aus Frust über Katharinas Arroganz anfangen, das Gerücht zu streuen, sie habe Sex mit einem Pferd gehabt, tut Katharina das optimistisch ab: Später werde sich niemand an dieses dumme Gerücht erinnern. Über einen Kinderchor aus Tschernobyl heisst es, die kleinen Sänger würden «strahlen». Und die Applausbedürftigkeit von Zar Peter erinnert sicher nicht zufällig an einen aktuell sehr mächtigen Mann.

Überhaupt ist «The Great» auch das: eine Geschichte darüber, wie Privilegien Menschen korrumpieren, blenden oder zumindest ablenken können. Auch Katharina ist davor nicht gefeit, so ehrlich ist diese Serie auch. Als sie eigentlich gerade mit dem russischen Militär intrigieren soll, um ihren Mann zu stürzen, wird sie von ihrem hübschen Liebhaber zurück ins Bett gerufen, den Peter ihr grosszügig und mit überraschend glücklicher Hand ausgesucht hat. Sie werde den General bald treffen, sagt sie. Hinterher. Das Anliegen ihres Liebhabers sei nun einmal auch sehr, sehr wichtig.

«The Great» – zu sehen bei Starzplay (über Amazon Prime)