Es braucht dringend einen Imagewandel

Kein westliches Land scheint mehr bereit, Olympische Spiele zu übernehmen. Wie die Krise zu lindern ist.

Milliardenschweres Infrastrukturprojekt: Olympische Ringe im Olympic Park von Sotschi (5. Februar 2014). Foto: Charlie Riedel (AP, Keystone)

Milliardenschweres Infrastrukturprojekt: Olympische Ringe im Olympic Park von Sotschi (5. Februar 2014). Foto: Charlie Riedel (AP, Keystone)

Christian Brüngger@tagesanzeiger

Es sind lehrreiche Monate für Thomas Bach. Seit rund einem Jahr ist er IOK-Präsident. In dieser Zeit musste der 60-jährige Deutsche wiederholt feststellen, dass kein westliches Land mehr willens ist, Winterspiele zu organisieren. Zuletzt sagte Norwegen vergangenen Woche für 2022 ab, davor wollten auch die Bürger aus Schweden, der Schweiz, Deutschland oder Österreich keine Kandidatur wagen. Zu teuer, zu ein­seitig die finanziellen Risiken, zu arrogant das IOK, monierten die Stimmbürger.

Bach aber sagte nach dem Nein von Norwegen: «Niemand muss sich um die Spiele sorgen. Wir sehen weltweit, wie sie mehr denn je als Premiumprodukt wahrgenommen werden.» Was er nicht erwähnte: Dass sie sich immer mehr von Europa entfernen. Die nächsten Veranstalter heissen Rio (Sommer 2016), Pyeongchang (Winter 2018), Tokio (2020) und Peking oder Almaty (2022).

Diese Tendenz ist Bach natürlich aufgefallen. In Siebenmeilenstiefeln versucht er darum Reformen durch­zubringen. Unter dem Schlagwort «Agenda 2020» hat er sie gebündelt und 14 Arbeitsgruppen zusammen­gestellt. Diese besprechen Themen wie die Vorgaben für die Kandidaten, den Aufbau des olympischen Programms oder die Geldverteilung. Erstmals in der Geschichte des IOK konnte jedermann seine Reformideen einbringen. 40'000 solcher Ideen gingen am Hauptsitz in Lausanne ein. Anfang Dezember wird über die Vorschläge der Arbeitsgruppen abgestimmt.

Jedem Mitglied sein Chauffeur

Einen zentralen Aspekt aber behandelt keine der Arbeitsgruppen: Wie sich das Image des IOK verbessern lässt. Dass es sehr negativ ist, wissen die 105 Mit­glieder. Noch aber scheinen sie nicht erkannt zu haben, wie hinderlich diese Aussenwahrnehmung ist.

Dabei sickerte nach dem Nein der Norweger so manches Detail aus dem umfangreichen Anforderungskatalog des IOK durch. Jedes seiner Mitglieder sei in einem 5-Stern-Hotel unterzubringen, müsse während des Aufenthalts über einen Wagen samt Chauffeur verfügen und zusammen mit den Kollegen vom König bei einem Cocktail-Empfang begrüsst werden. Die Liste lässt sich beliebig fortführen.

Das Problem dabei sind nicht diese Vorgaben. Sie existieren seit vielen Jahren und werden in ähnlicher Form auch in anderen Bereichen wie der Politik gestellt. Bloss kann den Sportfunktionären bei solchem Gebaren rasch vorgeworfen werden, sie hätten jeglichen Realitätssinn verloren, gerade wenn sie wie Bach von einer beispiellosen Erfolgs­geschichte des Sports und der Spiele reden. Dabei wären mehr Demut und Verständnis für das Unbehagen breiter Kreise unabdingbar für einen Imagewandel.

Erkannt haben die Funktionäre hingegen, dass primär die Winterspiele bald gefährdet sind, wenn das IOK die Vorgaben nicht ändert. So viele ­«Wintersportnationen», egal welcher politischer Prägung, existieren schlicht nicht, als dass diese Spiele unbesehen fort­geführt werden könnten. Darum muss primär die Bürokratie gebändigt werden. Sie ist so weit fortgeschritten, dass sogar noch der Inhalt der Hotelzimmerkühlschränke festgelegt ist. Gegen 7000 Seiten umfassen die Richtlinien für potenzielle Veranstalter inzwischen. Spielraum besitzen die interessierten Regionen kaum.

Schweiz sollte es erneut wagen

Dabei ist es unsinnig, einem Kandidaten wie dem Bündnerland die gleichen Vorschriften zu machen wie Peking. Wer sich für Spiele bewerben will, sollte zwar weiterhin gewisse Rahmenbedingungen erfüllen – die Wettbewerbe sind dabei ebenso gegeben wie die Stadien oder die Zahl an Athleten. Ansonsten aber muss ein Bewerber in der Ausgestaltung möglichst viel Freiraum erhalten. Die Spiele müssen zum jeweiligen Land passen und nicht Klone einer übergeordneten IOK-Idee sein.

Gewagt sei darum diese Prognose: Das IOK wird sich an seiner weg­weisenden Session in diese Richtung bewegen, womit sich auch die Schweiz wieder eine Kandidatur überlegen sollte. Was es hingegen nicht tun wird, aber tun sollte: Keine Kandidaturen mehr zulassen, welche sämtliche Anlagen wie Sotschi oder Rio erst bauen müssen. Bloss wer schon einen substanziellen Teil der Stadien vorweisen kann, sollte bis zur Abstimmung gelangen.

Was das IOK belassen kann, ist seine finanzielle Absicherungsvorgabe. Dass ein Land für das operative Budget des eigenen Veranstalters eine Defizit­garantie unterschreiben muss, sollte für seriös kalkulierende Bewerber kein Hindernis darstellen. Zumal das IOK inzwischen fast eine Milliarde Franken zum operativen Budget beiträgt.

Und wenn ein Land wie Russland zugleich ein milliardenschweres Infrastrukturprojekt hochzieht und sich dabei schwer verrechnet, kann man dies nicht dem IOK anlasten. An allen Verwerfungen des olympischen Sports trägt es nicht die Schuld.

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