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Kolumne «Die Wahrheit über»Erlebnisoptionen für Waschbären

Die Schweizer Tourismusregionen haben sich für diesen Sommer besondere Angebote einfallen lassen – und ein paar freche Sprüche.

Es muss nicht immer das Meer sein, scheinen Graubündens Bergseen – hier der Heidsee – zu flüstern.
Es muss nicht immer das Meer sein, scheinen Graubündens Bergseen – hier der Heidsee – zu flüstern.
Foto: Graubünden Ferien

Liebe Empfängerin, lieber Empfänger dieser Postkarte

Kein Open Air am See. Kein Pain au Chocolat und kein Wellenspringen in Frankreich. Was werden das bloss für trübe Sommerferien, seufzte ich, während ich die Ferienpläne in meiner Agenda durchstrich. Das war im Mai.

Jetzt ist Juli, und ich habe Muskelkater in Arosa. Nicht etwa vom Wandern, sondern von der «exklusiven Seilparknutzung by Night». Sie war eine von vier «Erlebnisoptionen», die es zum Feriengutschein ab 1000 Franken geschenkt gab.

Zur Wahl stand ausserdem eine «Backstage-Führung» im Arosa Bärenland. Da lasse ich als bärenverwöhnte Bernerin aber lieber anderen den Vortritt. Ausgeschlagen habe ich auch die «spannende Einführung in den Wald um Arosa». Denn so viele Stunden wie diesen Frühling im Lockdown bin ich noch nie durch Wälder gestreift. Ich habe sogar schon fast begonnen, Bäume zu bestimmen. Und einmal habe ich mit einem jungen Hirsch geplaudert, der am Wegrand auftauchte. Das heisst, er war gerade am Essen und konnte nichts auf meinen freundlichen Gruss erwidern.

Vielleicht hätte ich ins Wallis fahren sollen. Dort haben sie das Motto: «Chum wie dü bisch.»

Die vierte Erlebnisoption wäre eine «aussichtsreiche Wanderung zum Schwellisee» gewesen. Klar, wenn jemand mit Bergseen bluffen darf, dann wohl das Graubünden. Der Wind, der die Oberfläche kräuselt, scheint zu flüstern: Es muss nicht immer das Meer sein.

Würden die Seen nur nicht so gnadenlos spiegeln. An den Waschbär-Sonnenabdruck, den die Schutzmaske im Gesicht hinterlässt, gewöhne ich mich nicht so bald. Vielleicht hätte ich doch ins Wallis fahren sollen. Dort haben sie schliesslich das Motto: «Chum wie dü bisch.»

Doch die Region bietet so viel Unterhaltung. Da sind etwa die Yoga-Rangers in der Lenzerheide, welche die Tausenden Touristen, die mit der Gutscheinaktion hergeschwappt sind, unermüdlich in zwei Meter Abstand anordnen. Ich gehe zumindest davon aus, dass das Personal für die «Besucherlenkung» etwas mit Yoga zu tun hat. Warum sonst würden sie den Erholungsuchenden versprechen: «Damit wir den Flow nicht verlieren»?

Mit herzlichen Grüssen,

Céline

P.S. Die Hoffnung auf ein warmes Pain au Chocolat habe ich noch nicht aufgegeben. Ich plane die nächsten Ferien in der Romandie. Wer könnte bei diesem Slogan auch zögern: #WaadtElse.