Zum Hauptinhalt springen

14. «Bund»-Essay-WettbewerbSupermenschenalarm?

Sie holt die Gentechnik-Debatte herunter ins konkrete Leben: In der Dampfzentrale Bern gewann Seraina Kobler den 14. «Bund»-Essay-Wettbewerb mit ihrem persönlichen Essay «Sie wären nicht die, die sie sind».

14. «Bund»-Essaypreis zum Thema «Erbgut besser am besten: Willkommen im Menschenpark!» Preisverleihung. Seraina Kobel. © Adrian Moser  (Tamedia AG)
14. «Bund»-Essaypreis zum Thema «Erbgut besser am besten: Willkommen im Menschenpark!» Preisverleihung. Seraina Kobel. © Adrian Moser (Tamedia AG)
Foto: Adrian Moser

Nur ein Mausklick, und schon ist das Baby bestellt. Wenn es geliefert wird, dann natürlich mit Haar- und Augenfarbe nach Wunsch. Die Nutzerbewertungen sind in die Wahl mit eingeflossen, und man fragt sich: Ist es eine schreckliche oder eine schöne Zukunftsvision, die einem in diesem Kurzfilm präsentiert wird?

Die fantasievollen und farbigen Visuals der HKB (Leitung: Viola Zimmermann und Manuel Schüpfer) führten auf treffende Weise in ein Thema ein, dessen Aktualität Jurypräsidentin Elisabeth Ehrensperger in ihrer Eröffnungsrede betonte. Wenn wir über Gentechnik diskutieren, verhandeln wir auch die Grenze zwischen dem sogenannten Normalen und Abweichungen, und damit geht es auch darum, welches Leben lebenswert ist – und welches eben nicht. Ehrensperger liegen diese Fragen am Herzen, denn sie ist Geschäftsführerin der Stiftung für Technologiefolgen-Abschätzung, die im Auftrag des Parlaments Chancen und Risiken neuer Technologien untersucht.

Zusammen mit Wilfried Meichtry, Autor und Filmemacher, und «Bund»-Chefredaktor Patrick Feuz wählte sie aus fast 80 Einsendungen die drei besten Texte aus. Das Publikum entschied bei der Preisverleihung in der Dampfzentrale über die Rangfolge.

Dringliche Fragen

Durch den Abend führte schlagfertig die Slam-Poetin Patti Basler, Trägerin des Salzburger Stiers 2019. Eine so kurzweilige Biologiestunde ist wohl nur wenigen bisher untergekommen, und Baslers Bonmots über Männer als «durchaus gut funktionierender Gendefekt» ernteten herzliche Lacher. Für musikalische Unterhaltung sorgte der Rapper Knackeboul, mit bürgerlichem Namen David Lukas Kohler. Seine Intermezzos waren treibend und futuristisch, und zusammen mit dem Ambiente dieser Corona-Edition – alle in Masken – verliehen sie der Frage nach der Perfektionierbarkeit des Menschen eine eigene Dringlichkeit.

Nach der Pause und dem Auszählen der Stimmen war es so weit: Auf dem dritten Platz landete Daniel Flückiger mit seinem Text «Mit Rocky und Drago im Ring». Da der Autor wegen Krankheit nicht anwesend sein konnte, las eine Stellvertretung seinen wilden Ritt durch Geschichte und Ethik. Flückiger stellt die Gentechnologie auf virtuose Weise in eine Reihe mit anderen Techniken, mittels derer der Mensch sich die Natur unterwirft.

Giannis Mavris berichtet in «Pech und schlechte Gene» mit Galgenhumor von seiner Autoimmunerkrankung – und holte damit den zweiten Preis. Er fragt, ob Krankheit, Schwäche und Leid uns nicht erst zu Menschen machen. Und Mavris kritisiert: Wer darf festlegen, worin Perfektion besteht und in welche Richtung wir uns optimieren? Sein Plädoyer für Diversität ist politisch brisant zu einer Zeit, in der die Inklusion von Behinderten und die Teilhabe am öffentlichen Leben von chronisch Kranken zur Debatte steht.

Gewinnerin des Abends ist die Journalistin und Autorin Seraina Kobler, die in «Sie wären nicht die, die sie sind» prägnant und ohne Rührseligkeit davon erzählt, was es heisst, wenn man plötzlich ganz persönlich von den Diskussionen rund um die Gentechnik betroffen ist. Durch eine Erbkrankheit in der Familie ihres Mannes, ein familiäres Pankreaskarzinom, stellt sich ihr die Frage: Darf man selber Schicksal spielen – oder muss man dem Leben und dem vielleicht unglücklichen Zufall seinen Lauf lassen? Die rationale Journalistin, die Gentechnologie sehr kritisch beurteilt, trifft auf die besorgte Mutter, die sich keine einfachen Antworten mehr leisten kann.

Und auch die Kurzform kam nicht zu kurz: Per Applausometer wurde aus drei Slamtexten, also Tweets mit maximal 280 Zeichen, ein Gewinner gekürt. Christian Guler konnte das Publikum mit einer humorvollen Betrachtung darüber überzeugen, dass jede Zeugung zu einem «flotten Dreier» wird, wenn der Gentechniker mitmischt. So endete ein anregender und vielseitiger Abend mit vielen Gewinnern – und neuen Gedanken in den Köpfen der Anwesenden.