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Filmkritik: Chadwick Bosemans letzte RolleEr wusste, dass er todkrank war

«Ma Rainey's Black Bottom» handelt von der Macht der Machtlosen. Für den kürzlich verstorbenen Chadwick Boseman könnte der Film posthum zum Triumph werden.

Macht ist eine Flasche eisgekühlte Coca-Cola. Ma Rainey, die «Mutter des Blues», wird keinen einzigen ihrer rauchigen Töne singen, wenn ihr Manager ihr nicht sofort eine Flasche eisgekühlter Coca-Cola beschafft. Da ist sie knallhart. Auch wenn sie schon zu spät ins Tonstudio kam, in dem sie an diesem heissen Tag auf der Southside von Chicago ihre Hits aufnehmen soll, will, darf. Das hängt ganz davon ab, wen man fragt.

Ma Rainey würde sagen, dass es gnädig von ihr ist, überhaupt aufzukreuzen. Denn eines weiss sie: Die Weissen, also ihr Manager und der Studiochef, die wollen etwas von ihr. Ihre Stimme, ihre Popularität bei den Schwarzen, die ihre Platten kaufen. Das ist ihre Macht, die sie festigen und ausspielen muss, so lange es geht. Denn nach der Aufzeichnung, wenn ihre Songs den weissen Männern gehören, schwindet sie. Und wenn kein Weisser mehr etwas von ihr will, was sie ihm vorenthalten kann, dann ist selbst Ma Rainey keine glänzende Königin mehr, sondern bloss eine schwitzende Frau in den Wechseljahren. Eine schwarze Frau. Also quasi gar nichts.

Ein Film über Macht

Viola Davis spielt die Autorität von Ma Rainey mit dem ständig spürbaren Bewusstsein ihrer prekären Position. Man sieht die Genugtuung, die es ihr verschafft, die Aufnahmen ungestraft sabotieren zu können. Aber man sieht ihrem Gesicht unter der verlaufenen Schminke auch brodelnde Wut an – und die Erschöpfung, die es mit sich bringt, immer wütend zu sein. Ständig muss sie sich behaupten, muss kämpfen und schimpfen. Muss das sein, was man noch heute stereotyp eine «Angry Black Woman» nennt, eine wütende schwarze Frau.

«Ma Rainey's Black Bottom» ist ein Film über Macht. Über den kleinen Anteil an Macht, den sich Unterdrückte erarbeiten können, über den sie ängstlich wachen. Und über die Macht, gegen die dann doch niemand ankommt, der nicht weiss ist in den Vereinigten Staaten. Der Film basiert auf dem gleichnamigen Stück aus dem Pittsburgh-Zyklus des Theaterautors August Wilson. Für jedes Jahrzehnt des 20. Jahrhunderts hat Wilson ein Stück geschrieben. «Ma Rainey» handelt von den Zwanzigerjahren, dem «Jazz Age», in dem Schwarze es zumindest in der Unterhaltungsbranche zu etwas bringen konnten. Wenn sie das Spiel der weissen Plattenfirmen mitspielten und dabei nicht dem zum Opfer fielen, was der Film eindrucksvoll als Urform der «Cultural Appropriation» zeigt: Weisse Musiker spielen schwarze Musik, weil sie dem grösseren weissen Publikum leichter zu verkaufen sind.

Kämpfte vier Jahre gegen den Krebs: Chadwick Boseman auf einer Aufnahme von 2018.
Kämpfte vier Jahre gegen den Krebs: Chadwick Boseman auf einer Aufnahme von 2018.
Foto: Keystone

George C. Wolfe, der als Theaterregisseur bekannt geworden ist, hat das Stück nun neu verfilmt. Man merkt dem Ergebnis an, dass die Vorlage für die Bühne gedacht ist. Die furiosen, rauen Dialoge und die Monologe wirken zu lang und etwas zu künstlich für filmische Sehgewohnheiten. Alles spielt beinahe komplett in zwei Räumen des Tonstudios, im Probekeller und im Aufnahmesaal, schön aristotelisch dauert die Handlung nicht einmal einen Tag.

Boseman, der für seine ruhige, entspannte Autorität berühmt geworden ist, macht hier etwas ganz anderes als sonst.

Man könnte das dem Film vorwerfen, so wie man es «Fences» vorwerfen konnte, der August-Wilson-Verfilmung aus dem Jahr 2016 mit Denzel Washington. Viola Davis gewann für ihre Hauptrolle darin einen Oscar. Bei aller Theaterhaftigkeit bieten diese Wilson-Adaptionen viel Raum für grosse, konzentrierte Schauspielerleistungen, die im Gedächtnis bleiben. Über einen zweiten Oscar für Viola Davis wird bereits spekuliert.

Trotz der gewaltigen Viola Davis aber wird «Ma Rainey's Black Bottom» wohl als Triumph eines anderen erinnert werden. Chadwick Boseman, der im August 2020 an einer Krebserkrankung gestorben ist, spielt hier seine letzte Rolle. Er ist Levee, der Trompeter in Ma Raineys Band, dessen Ego es mit dem von Ma durchaus aufnehmen kann. Weil er ihr mit seinen Soli regelmässig die Show stiehlt, und weil er auch noch ein Auge auf ihre Liebhaberin geworfen hat, kann sie Levee nicht leiden.

Chancen auf den Oscar

Boseman, der für seine ruhige, entspannte Autorität in Filmen wie «Black Panther» berühmt geworden ist, macht hier etwas ganz anderes als sonst. Sein Levee ist drahtig, nervös, von Ehrgeiz getrieben. Mit den weissen Chefs hat er hinter Ma Raineys Rücken ausgemacht, dass seine launigeren Arrangements von ihren Songs aufgenommen werden sollen. Nebenbei hofft er auf eine eigene Karriere als Komponist von Songs, die schon mehr nach Rock'n'Roll klingen als nach dem traditionellen Blues. Levee passt sich an die Vorstellungen der Weissen an.

Seine Bandkollegen nehmen ihm das übel, bis er in einem bewegenden Monolog von seinem eigenen Kindheitstrauma aus dem rassistischen, brutalen Süden erzählt. Später im Film hat er noch eine weitere furiosere Szene, eine Anklage gegen einen Gott, der Schwarze hassen muss, der kein Leid verhindert und jede Ungerechtigkeit unterstützt. Chadwick Boseman wusste bei den Dreharbeiten von «Ma Rainey's Black Bottom», dass er todkrank war. Man meint in seinem Monolog eine besondere Dringlichkeit zu spüren. In einer letzten, tragischen Volte ist es diese Szene, die ihm aller Voraussicht nach einen postumen Oscar einbringen wird.

«Ma Rainey's Black Bottom», Netflix, 94 Minuten.

2 Kommentare
    Ralph Geh

    Es läuft einem bei manchen Szenen angesichts von Boseman's Dringlichkeit kalt den Rücken herunter, wenn man weiss, dass es Boseman's letzter Film war. Ja: irgendwann mutet der Film theatralisch an. Und trotzdem: das Ensemble fasziniert. Und die Photographie des Films ist ästhetisch und sorgt für zusätzliche Spannung. Es ist eine Mischung, die wir leider in Filmen im deutschsprachigen Raum so kaum je sehen.