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Klein-Motocross in BülachEr rast durch den Garten statt über die WM-Strecke

Jeremy Seewer ist der zweitbeste Motocross-Fahrer der Welt und wegen Covid-19 zurück auf der kleinen Piste, auf der er fahren lernte. Der 25-jährige Zürcher sagt: «Ich musste drei Gänge zurückschalten.»

Im englischen Matterley Basin vorzüglich in die Saison gestartet – dann abrupt gebremst: Jeremy Seewer (Mitte), Jäger des wichtigsten WM-Titels.
Im englischen Matterley Basin vorzüglich in die Saison gestartet – dann abrupt gebremst: Jeremy Seewer (Mitte), Jäger des wichtigsten WM-Titels.
Foto: Yamaha

Es war längst Gras über die Sache gewachsen. Zeitzeugen aus einer anderen Epoche, nur das sind die Hügel noch, die sich in diesem grossen Garten direkt an der Hauptstrasse zwischen Rorbas und Glattfelden auftürmen und von den Anfängen einer Karriere berichten, die vom Zürcher Unterland in die grosse Sportwelt führte. Überwachsen, wenig beachtet, wie das so geschehen kann mit Denkmälern.

Es sind die Ostertage 2020. Die Hügel sind braun, das Gras ist ausgerissen. Die Erhebungen haben plötzlich wieder einen Zweck und unverhofft eine Menge auszuhalten. Der Bub, der sie einst zusammen mit seinem Bruder aufgeschüttet hat vor dem Elternhaus in Bülach, ist zurück.

25 ist Jeremy Seewer mittlerweile, ein Mann, und vor allem das: der zweitbeste Motocross-Fahrer überhaupt. Eigentlich würde er gerade von Flughafen zu Flughafen tingeln und in der ganzen Welt Dreck und Schlamm aufwirbeln. Nun tut er das nur noch hier, auf diesen paar Quadratmetern, die ihm geblieben sind für gelegentliche Ausfahrten.

Klein, aber anspruchsvoll

Das Coronavirus brachte auch die röhrenden Motoren des Motocross zum Schweigen, Shutdown in der MXGP. Seewer reiste zurück in die Schweiz, einen Tag vor dem Lockdown. Seit 2015 ist Lommel seine Heimat, eine Kleinstadt im Norden Belgiens, Hauptstadt des Spektakelsports.

Die 15 Pisten, die sich im Umkreis von 200 Kilometern finden lassen, sind zu. Die Mechaniker seines Yamaha-Werksteams in den Niederlanden sind ausgeflogen, an Training war nicht mehr zu denken. «Ich wusste schnell, dass ich zurückkomme. Belgien ist flach und dicht besiedelt, ich wäre viel eingeschränkter gewesen. Hier kann ich Velofahren, im Wald joggen, in der Werkstatt meines Vaters herumbasteln, mit dem Mountainbike auf den Uetliberg fahren oder mich auf der Terrasse erholen», sagt er. Oder eben auch einmal eine Runde auf dem hauseigenen Parcours drehen, den er nach drei Jahren der Ignoranz wiederentdeckt und an einem Nachmittag vom Unkraut befreit hat. «Klein, aber anspruchsvoll» sei diese Supercross-Strecke: kurz, eng, wenig fahren, viel springen. «Für den Körper und die Konzentration eine echte Herausforderung.»

Jeremy Seewer an den  Schweizermeisterschaften vor fast genau einem Jahr.
Jeremy Seewer an den Schweizermeisterschaften vor fast genau einem Jahr.
(Foto: Keystone)

Doch Seewer will betont haben, dass er nur selten auf dem Motorrad seines älteren Bruders Roger sitzt, das hier in Bülach geblieben ist. Es soll nicht wirken, als trainierte er einfach weiter, während die Welt stillsteht. Deshalb gibt es auch keine Fotos von ihm auf der Piste, sie würden ein falsches Bild vermitteln.

Weilt er bei seinen Eltern, schuftet er vor allem im zweiten Stock des Hauses, wo er sein eigenes kleines Fitnesscenter eingerichtet hat: mit Hanteln, TRX-Bändern, einer Matte. Eine Stunde täglich verbringt er dort.

Seewer, das Tier

Ihm dürfte gerade helfen, gab es unzählige Steine auf seinem Weg zum Motocross-Profi, es waren auch einige Felsbrocken dabei. Auf einen Querfeldeinfahrer aus der Schweiz hatte kaum einer gewartet. Doch so gross wie sein Kampf war sein Wille.

Denis Birrer, einst selbst Profi und seit über einem Jahrzehnt Seewers Manager, sagt: «In Jeremy schlummert ein riesiger Antrieb und ein unbändiger Ehrgeiz, ein Tier.»

So fiel es Seewer auch nach dem Lockdown nicht allzu schwer, einen neuen Rhythmus zu finden. «Selbstdisziplin ist meine Stärke», sagt er. Allerdings nagt die Ungewissheit auch an ihm. Geht es schon Anfang Juni in Russland weiter mit der angebrochenen Saison? Oder später? Oder gar nicht? «Ich muss jetzt auf jeden Fall dafür sorgen, dass mein Tank länger voll bleibt», sagt Seewer. «Ich spüre, dass mein Körper bereit und eigentlich alles perfekt wäre. Doch ich habe zu akzeptieren, dass ich drei Gänge zurückschalten musste. Es geht derzeit nur darum, die Fitness zu halten.» Es ist, als wäre November und die Vorbereitung auf den Start im Februar angelaufen.

«Am liebsten wäre ich zwei Tage danach wieder ein Rennen gefahren.»

Jeremy Seewer

Dabei ist Mitte April. Es wären acht Läufe gefahren und Seewer wohl mittendrin im Kampf um den WM-Titel, den er jagen will nach dem zweiten Rang im Vorjahr in der MXGP, der höchsten Klasse im Motocross. Stattdessen gab es den abrupten Unterbruch. Und der kam zur Unzeit für ihn.

Gestartet ist Seewer noch vorzüglich, im englischen Matterley Basin wurde er Zweiter und Achter. Dann kamen die Rennen in Valkenswaard nahe Eindhoven. Im tiefen Sumpf zog es ihm den Fuss vor die Fussrasten, er fiel vom 3. auf den 30. Rang zurück, kämpfte sich noch auf Platz 14. Im zweiten Lauf stürzte der Pilot vor ihm kurz nach dem Start, Seewer prallte ins liegende Motorrad, das Rennen war vorbei. Damit hätte er leben können. Nur hätte er auch gern gezeigt, dass er es anders kann. «Am liebsten wäre ich zwei Tage danach wieder ein Rennen gefahren.» Dabei war es für lange Zeit sein letztes.

Eine Woche lang beschäftigte ihn das, «habe ich rauf- und runterstudiert», sagt Seewer. Bis er in die Schweiz reiste. Und die Hügel im Garten des Elternhauses aus ihrem Tiefschlaf weckte.