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Max Verstappens WandelEr hat die Formel 1 wachgeprügelt

Der Niederländer schoss Gegner ab, zerstörte Rennen und langte zu. Mit 22 scheint er geläutert und reif, jüngster Weltmeister der Geschichte zu werden.

Einst der Schrecken auf der Piste, wirkt Max Verstappen jetzt bereit für ganz Grosses.
Einst der Schrecken auf der Piste, wirkt Max Verstappen jetzt bereit für ganz Grosses.
Foto: Keystone

Was hat Max Verstappen nicht schon alles angestellt in seinen fünf Jahren in der Formel 1. Er hat Weltmeister von der Strecke gerempelt, Gegner und Teamkollegen ausgebremst oder abgeschossen, er hat geflucht und gewettert. Und er hat zugepackt. 2018 nach dem Grand Prix von Brasilien ging er auf Esteban Ocon los, weil dieser den führenden Red-Bull-Fahrer trotz einer Runde Rückstand überholen wollte und das schiefging. Beim Wiegen erwischte er den Franzosen, bedrängte ihn, schubste ihn – und musste zwei Tage gemeinnützige Arbeit verrichten.

Als Max Verstappen 2015 kam, hat er die Formel 1 nicht wachgeküsst. Nein, er hat sie wachgeprügelt.

Der Jüngling begeisterte mit sagenhaften Manövern auf der Strecke. Und erregte die Motorsport-Gemüter mit Unsportlichkeiten. Würde dieser junge Niederländer nur seine Nerven etwas besser im Griff haben, er wäre längst ein Dauersieger. Vielleicht hätte er sogar schon einmal ernsthaft um den Weltmeistertitel kämpfen können. Doch er stand sich oft selber im Weg.

Und Lauda sagte: «Max wird immer kleiner»

Es gab gar erhebliche Zweifel, dass er sich jemals würde ändern können. Der im vergangenen Jahr verstorbene Niki Lauda sagte zu der Zeit: «Normalerweise wächst man an seinen Fehlern. Max aber wird immer kleiner.»

In der letzten Saison dann geschah Wundersames: Da schien dieser Verstappen plötzlich zu wachsen. Vom Ungestümen und Stürmischen, von diesem unbedingten und oft ungesunden Drang, jeden überholen zu müssen, auch wenn es noch so aussichtslos ist, war auf einmal nicht mehr viel zu sehen. Es gab sie zwar noch, die verstappenschen Aussetzer. Viel öfter aber legte er sich die Gegner auf der Strecke sorgfältig zurecht, suchte die beste Stelle, ehe er sie angriffund bewies, dass er auch mit dieser ungewohnt unaufgeregten Art der Überholkönig der Formel 1 sein kann.

Verstappen wurde WM-Dritter und fuhr dabei oft wie ein Weltmeister. Nur hatte er mit seinem Red Bull und dem Honda-Motor noch nicht das nötige Werkzeug zur Hand, um die Übermacht von Mercedes zu durchbrechen.

Das könnte nun anders sein. Red Bull überzeugte bei den Testfahrten in Barcelona Ende Februar. Und wer die Entwicklung des Teams und des Motorenpartners in den letzten Jahren beobachtete, kann nur zu einem Schluss kommen: Sie werden die lange, coronabedingte Pause nach dem hastig abgebrochenen Saisonstart in Melbourne vorzüglich genutzt haben, um dem Arbeitsgerät von Verstappen und Alexander Albon noch mehr Schub zu verleihen. Heute startet Verstappen von Platz 3 zum GP von Österreich.

Dass der späte Auftakt auf der Piste von Teambesitzer Dietrich Mateschitz steigt, kommt ihm zusätzlich entgegen: Verstappen hat die letzten beiden Grands Prix auf dem Red-Bull-Ring gewonnen. Nun wird nächsten Sonntag gleich noch das zweite Rennen dieser verkürzten Saison in Spielberg ausgetragen.

Wird er nun der jüngste Weltmeister?

Diese Woche gabs den ersten öffentlichen Auftritt von Verstappen. Vier Fünftel seines Gesichts sind verdeckt an diesem Donnerstag, nur die Augen lugen hervor zwischen Baseballmütze und Maske.

Start in eine ungewöhnliche Saison: Max Verstappen mit Gesichtsmaske beim Medientermin in Spielberg – ohne Medien.
Start in eine ungewöhnliche Saison: Max Verstappen mit Gesichtsmaske beim Medientermin in Spielberg – ohne Medien.
Foto: Reuters

Per Stream wird in die Welt hinausgetragen, was der 22-Jährige zu sagen hat vor diesem Formel-1-Jahr, das für ihn ein ganz grosses werden könnte. Seit er 2015 mit 17 einstieg, trieb ihn immer auch ein Thema um: Wird er der jüngste Weltmeister der Geschichte? Jahr für Jahr stiess sich der Wildfahrer aus den Niederlanden seine Hörner ordentlich abund nun ist es bereits da: Das letzte Jahr, in dem er Sebastian Vettel diesen Rekord noch abnehmen kann. 23 Jahre und 134 Tage jung war der Deutsche bei seinem ersten Coup 2010. Sein Rennstall damals: Red Bull. Es war der Beginn einer vierjährigen Dominanz.

In etwa so malt sich auch Verstappen die Zukunft aus. Ende September wird er 23. «Es kann für uns in dieser Saison nur ein Ziel geben: den WM-Titel», sagte er, als noch nicht einmal feststand, ob überhaupt je gefahren werden kann in diesem verrückten Jahr 2020. Sein Hunger also ist grossund das kann gefährlich werden. Gerade bei ihm. In der kurzen Saison, in der es 15 bis 18 Rennen geben könnte, ist vieles möglich, aber auch schnell alles vorbei.

Er wirkt nicht mehr wie der Haudrauf von einst

Als Verstappen mit Mütze und Maske in diesem kargen Raum in Spielberg sitzt, sagt er in die Kamera: «Für mich ändert sich nicht viel, denn ich will einen Ausfall unbedingt vermeiden und bei jedem Rennen das bestmögliche Resultat erzielen, ohne dabei verrückte Risiken einzugehen. An der Vorgehensweise ändert sich nichts.» Vielleicht merkt er selber gar nicht, wie viel Verwandlung da mitspricht, wenn er sagt, er wolle wie stets darauf verzichten, verrückte Risiken einzugehen. Genau dafür war er doch bekannt.

Es sitzt nicht mehr der Haudrauf von einst auf diesem rot-schwarzen Stuhl, es ist ein neuer Verstappen. Ein geläuterter, einer, der eingesehen hat, dass die Brechstange vor allem Schaden verursacht. Vielleicht hat sich der vermeintlich Lernresistente die vielen mahnenden Voten doch etwas zu Herzen genommen.

«Der Zeitpunkt ist gekommen, an dem Max auch einmal die Vernunft vor die Aggressivität stellen müsste.»

Red-Bull-Sportchef Helmut Marko 2018

Mit diesen hatten auch Leute aus dem eigenen Lager nie zurückgehalten. Als es 2018 in Aserbeidschans Hauptstadt Baku gekracht hatte zwischen Verstappen und Teamrivale Daniel Ricciardo, weil sich der Niederländer zu heftig gewehrt hatte, sagte Red-Bull-Sportchef Helmut Marko dieser Zeitung: «Der Zeitpunkt ist gekommen, an dem Max auch einmal die Vernunft vor die Aggressivität stellen müsste. Er muss auch einmal zurückstecken, nicht immer auf das absolut Ganze gehen und jeden Zweikampf gewinnen wollen. Nun lernt er das halt auf die harte Tour.»

Vernunft von seinen Fahrern fordert Red Bull gerade auch für die ersten beiden Rennen in Österreich. Schliesslich sollen diese trotz der seltsamen Umstände zum Freudenfest werden für die Gastgeber. Wochenlang haben die Entscheidungsträger bei Red Bull Formel-1-intern und in der Politik geweibelt für einen Auftakt auf ihrem Ring. Letztlich mit Erfolg und unter Auflage strenger Massnahmen.

Die Teams, die höchstens mit 80 Personen anreisten, bewegen sich isoliert, jedes hat seine eigene Unterkunft, jedes Mitglied trägt stets eine Maske, alle fünf Tage müssen sie zum Corona-Test. Und die Tribüne bleibt leer. Gerade für Verstappen fehlt damit viel: Zehntausende Fans in Orange strömten jeweils in die Steiermark und prägten das Bild auf den Rängen. «Merkwürdig» werde es nun, sagt er.

Ist Verstappen derart erwachsen geworden, wie es scheint, wird er auch damit zurechtkommen.

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