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Nachruf auf den KultkomponistenEnnio Morricone erfand Filme fürs Ohr

Seine Italo-Western-Musik ist legendär – aber er konnte noch viel mehr. Nun ist der einfallsreiche Filmmusikkomponist 91-jährig in Rom gestorben.

Die besten Ideen, so hat Ennio Morricone einmal gesagt, seien ihm beim Autofahren gekommen: «Dann parke ich schnell irgendwo und mache mir Notizen.» Er muss viel gefahren sein, und für manche seiner Ideen hätte man ihm wohl sogar einen Stopp im Parkverbot verziehen. Denn ohne Morricone wäre die Filmwelt (oder überhaupt die Welt) um sehr viel gute Musik ärmer.

Seine Karriere begann gewissermassen schon in der dritten Primarschulklasse, die er im Römer Trastevere-Quartier zusammen mit einem gewissen Sergio Leone besucht hat. Oder vielleicht noch früher, zu Hause, wo der kleine Ennio zweifellos mitbekam, wie sein Vater Trompete geübt hat für seine Auftritte mit diversen Unterhaltungsorchestern.

So richtig los ging es aber 1961; da war Morricone bereits 33 Jahre alt, hatte ein Studium bei Goffredo Petrassi absolviert, avantgardistische Kammer- und Orchestermusik komponiert und als Brotjob Canzoni für Mina oder Gino Paoli arrangiert, «weil man mit Neuer Musik keine Familie ernähren konnte». Der Film kam da gerade recht als weitere Erwerbsmöglichkeit.

Ennio Morricone auf seiner Abschiedstournee in Berlin, im Januar 2019.
Ennio Morricone auf seiner Abschiedstournee in Berlin, im Januar 2019.
Foto: Keystone

Und tatsächlich, nach ein paar mässig erfolgreichen Testläufen stellte sich das Ernährungsproblem ab 1964 nicht mehr. Denn damals kam es zur ersten Zusammenarbeit mit Sergio Leone: «Per un pugno di dollari» hiess der Film, der heute als erster Italo-Western gilt. Er machte Clint Eastwood zum Star. Und er verhalf dem einfallsreichsten Filmmusikkomponisten seiner Generation zum Durchbruch.

Nur wenige Elemente hatte Morricone für diesen Soundtrack gebraucht – eine gepfiffene Melodie, ein bisschen Gitarre, allerlei Geräusche (er selbst sprach ganz im Sinn der klassischen Avantgarde lieber von «nichtmusikalischen Klängen»). Aber da war auch eine ganz besondere Klangfantasie, ein Talent, Atmosphären zu schaffen, Räume zu öffnen, Weite herzustellen. Oder eben: Filme fürs Ohr zu erfinden.

Sechs Filme waren es für Sergio Leone, und allein die Mundharmonika-Melodie aus «Spiel mir das Lied vom Tod» wäre einen Oscar wert gewesen. Aber das «hässliche Männchen», wie Morricone es nannte, liess noch jahrzehntelang auf sich warten. 2007 gabs dann immerhin schon einmal einen Ehren-Oscar fürs Lebenswerk. Und 2016 dann endlich einen richtigen, für den Soundtrack zu Quentin Tarantinos «The Hateful Eight».

Tarantino war ein weiterer Schlüsselregisseur für Morricone, wobei die Zusammenarbeit nicht ganz störungsfrei verlief. Denn Morricone mochte es gar nicht, wenn Tarantino allzu frei mit seiner Musik umging, sie mit anderem kombinierte oder nur in Teilen verwendete. Auch ein Soundtrack ist ein Gesamtkunstwerk – das war jedenfalls Morricones Ästhetik. Denn er sah sich nie nur als Filmmusikkomponist, sondern stets als Komponist. Am liebsten wäre es ihm gewesen, wenn er für seine Klavierkonzerte, Chorwerke und Quartette bekannt geworden wäre. Es hat ihn stets gewurmt, dass dieser (durchaus umfangreiche) Teil seines Œuvres so wenig Beachtung fand.

Zu Unrecht, denn auch seine Filmmusik war nie billig, sondern stets überraschend, eigenwillig, handwerklich einwandfrei. Wie viele ganz unterschiedlichen Musiker ihn deshalb schätzten, zeigte 2007 eine Tribute-CD («We all love Ennio Morricone»): Da waren die Hardrocker von Metallica ebenso vertreten wie die Starsopranistin Renée Fleming und Bruce Springsteen. Und einer seiner grössten Fans überhaupt ist der Avantgarde-Komponist Helmut Lachenmann; Morricones Soundtracks hätten «eine unwiderstehliche Aura», hat er einmal gesagt, «rational komme ich dem nicht auf die Schliche».

Oscar-Preisträger Ennio Morricone ist an den Folgen eines Sturzes gestorben; Archivaufnahmen aus dem Jahre 2016.
Video: Tamedia

Das war Morricones Geheimnis: dass seine Musik stets mehr war als die Summe ihrer Ingredienzien. Man kann sie analysieren, wie er selbst es zuweilen tat. Bach hat er als Inspirator genannt und die Atonalität von Anton Webern. Auch über die Wirkung einer Maultrommel, die Möglichkeiten eine E-Gitarre konnte er einiges erzählen. Über seine pionierhafte Verwendung von Geräuschen sind viele kluge Aufsätze geschrieben worden. Aber wie er es geschafft hat, dass ein Tritt gegen eine Mülltonne (oder was danach klang) so unwiderstehlich wirkte; wie es möglich ist, dass man von seinen Melodien gefangen wird wie von einem Lasso: Das lässt sich nicht so leicht erklären.

Morricone reiste ungern. Wer etwas von ihm wollte, wurde freundlich nach Rom eingeladen.

Jedenfalls bekam die Filmwelt nicht genug von dieser Musik. Nicht in Italien, wo Morricone mit allen grossen Regisseuren gearbeitet hat – mit Pasolini, Bertolucci, Scola. Und auch nicht in Hollywood, der spröden Academy zum Trotz. Sogar eine Villa hat man ihm angeboten im Filmparadies, aber er hat sie abgelehnt. Er war nun mal Italiener durch und durch, und sein Englisch blieb rudimentär. Ausserdem reiste er ungern; wer etwas von ihm wollte, wurde freundlich nach Rom eingeladen.

Sie kamen tatsächlich: Warren Beatty etwa, Roman Polanski oder eben Quentin Tarantino. Und wenn sie wieder weg waren, setzte sich Morricone hin und komponierte, jeden Tag von 7 bis 12 Uhr. Oder auch die ganze Nacht hindurch, wenn es eilte. Schliesslich sollte die Musik fertig sein, bevor der Filmdreh losging: «Wenn man die Musik vorher hört, kann man gewisse Szenen etwas länger oder kürzer drehen.» Nicht als Illustrator hat er gearbeitet, sondern als «musikalischer Drehbuchautor» – so hat ihn Sergio Leone einmal sehr zu Recht genannt.

Nun ist das Drehbuch zu, Ennio Morricone ist 91-jährig in Rom gestorben. Es bleibt, seine Rede zu zitieren, die er für die Oscarverleihung vorbereitet hatte: «Thank you only, thank you.»