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Terrorismus-Krimi von Sunil MannEnttäuschte Söhne mutieren zu Gotteskriegern

Sunil Manns neue Detektive, die Secondos Bashir Berisha und Marisa Greco, sind sympathisch verkorkst. In ihrem zweiten Fall, «Das Gebot», bewegen sie sich auf explosivem Terrain.

Videopropaganda ist ein wichtiges Rekrutierungsmittel der Terrormiliz Islamischer Staat. Trainingscamp in Tall Afar im Nordirak (2015).
Videopropaganda ist ein wichtiges Rekrutierungsmittel der Terrormiliz Islamischer Staat. Trainingscamp in Tall Afar im Nordirak (2015).
Foto: Keystone (Archiv)

Eine Hölle aus Hitze, Blut, Bomben und Dreck. Die Ankunft von Ben und Erich in der ostsyrischen Stadt Baghuz, der letzten Bastion der Terrororganisation Islamischer Staat, ist für die beiden Neuankömmlinge ein Schock. Das soll nun das heroische Paradies sein, das sie sich monatelang in ihren Träumen ausgemalt und aus den Videos ihrer «Brüder» eingesogen haben? Bald werden sie von Assads Regimetruppen und den Amerikanern besiegt sein, so viel ist sicher. Doch «glauben ist einfacher als zweifeln», so lautet einer der Merksätze von «Das Gebot», dem neuen Krimi von Sunil Mann.

Zwei Jahre ist der entscheidende Schlag gegen den IS im Nahen Osten her. Viele junge Männer aus Europa liessen sich für den Jihad rekrutieren, auch aus der Schweiz. Mit ihnen befasst sich der zweite Band mit den Selfmade-Ermittlern Marisa Greco, Ex-Flugbegleiterin, und Bashir Berisha, Ex-Türsteher. Sie betreiben eine «Agentur für unliebsame Angelegenheiten», was von der Haushaltshilfe bis zur Mörderjagd alles sein kann. Zu Beginn ahnen sie allerdings nichts vom explosiven Terrain, auf das sie ein Auftrag von der Zürcher Goldküste führen wird. Sie darben vielmehr noch an ihrer Auftragsflaute nach der grossen Krise des letzten Jahres.

Kreativer Stress

So ist die Corona-Pandemie in die Geschichte eingeflossen, allerdings beiläufig und in Vergangenheitsform – und auf die Dauer eines Jahres begrenzt. Wohl war das auch ein wenig Wunschdenken des Autors, den eine Covid-19-Erkrankung erwischte. Der Verlag bot ihm ein frei gewordenes Publikationsfenster im Frühjahr 2021 an, Deadline Oktober 2020. «Ich dachte Shit, das ist bald, sagte aber mal zu», sagt Sunil Mann. Doch der Stress habe ihm im Sommer einen kreativen Schub verliehen.

Schaffensmässig wurde 2020 für Sunil Mann sogar ein besonders erfolgreiches Jahr. Dies, obwohl der Lockdown genau mit dem Erscheinen seines ersten Berisha-Greco-Krimis «Der Schwur» zusammentraf und die Lesetour ausfiel. «Finanziell hielt es sich etwa die Waage», sagt er. Erstens holte er so viele Lesungen wie möglich im Herbst nach, als die Kulturlokale kurz wieder öffneten, und zweitens gaben ihm Literaturpreise einen Zustupf. Für die Kurzgeschichte «Der Watschenmann» wurde er mit dem Friedrich-Glauser-Preis ausgezeichnet, für «Der Schwur» mit einem Literaturpreis des Kantons Bern, und «Totsch» war für den Schweizer Kinder- und Jugendbuchpreis nominiert.

«Die Fakten müssen stimmen»: Krimiautor Sunil Mann.
«Die Fakten müssen stimmen»: Krimiautor Sunil Mann.
Foto: Eke Miedaner/zvg

Der Sohn indischer Einwanderer ist im Berner Oberland geboren und zur Schule gegangen. Obwohl er in die Stadt Zürich zog, wo auch seine bekannteste Reihe um den Detektiv Vijay Kumar spielt (2010–2017 erschienen) und er seit 2016 im Aargau lebt, wird der 47-Jährige in der Hauptstadt immer noch als Berner Autor wahrgenommen. Das zeigt etwa auch die aktuelle Folge der Gesprächsreihe «Text!» der Universitätsbibliothek Bern, in der Sunil Mann zu Gast ist. Ihn wundert es selbst ein wenig, «aber ich frage lieber nicht nach, wenn ich einen Preis erhalte», sagt er mit der leicht draufgängerischen Ironie, die auch seinen Schreibstil prägt.

Wortlose Affäre

Humor können Bashir Berisha und Marisa Greco erneut gut gebrauchen, die in «Der Schwur» mit dem Thema Frauen- und Mädchenhandel konfrontiert waren. Der alleinerziehenden Mutter Marisa folgen wir nun zunächst in die Bündner Berge, wo sie den Tod ihres verunfallten Ehemannes aufklären will. Und Bashir hat eine Rechnung mit seinem Vater offen. Gute Privatdetektive haben oft ein verkorkstes Privatleben: An dieser Krimiweisheit hält Sunil Mann fest.

Die Mann’sche Unterwelt-Atmosphäre ist deutlich von Jakob Arjouni beeinflusst, der wie Raymond Chandler zu seinen Vorbildern zählt. Doch anders als Kemal Kayankaya in Frankfurt sind Bashir und Marisa in Zürich zwei durchwegs sympathische Typen. In der richtigen Dosis bewahren sie ihre Temperamente, Kanten und Geheimnisse – etwa bei Berishas wortloser Affäre mit einer Besucherin der Bar seiner Schwester, die in diesem Band beginnt.

Die feinen Schattierungen der Charaktere erfasst «Das Gebot» auch bei den Tätern, die zugleich Opfer sind.

Die feinen Schattierungen der Charaktere erfasst «Das Gebot» auch bei den Tätern, die zugleich Opfer sind, den jungen bekehrten Männern. Die Biografien, die Propaganda-Methoden des IS und die Kriegsgräuel schildert Sunil Mann mithilfe von Undercover-Reportagen, Berichten von IS-Rückkehrern und Informationen von Extremismus-Fachleuten realistisch und reportagehaft. «Die Fakten müssen stimmen», so der Autor.

Geschickt verwoben

Sein anderes Ziel war, «so nah wie möglich an die Figuren heranzukommen» und herauszufinden, warum jemand radikalisiert wird. Erstaunt hat ihn, dass fast immer ein «Vaterproblem» festgestellt werde. Das Motiv der enttäuschten, sinnsuchenden und geltungssüchtigen Söhne wird im Roman auch sehr betont. Das geht etwas zulasten anderer Aspekte. Beispielsweise wird nicht klar, auf welchen Wegen Frauen sich dem IS angeschlossen haben, denn immer wieder ist von «Brüdern und Schwestern» die Rede. Bis zum James-Bond-mässigen Finale sind die unterschiedlichen Zeitebenen und sozialen Milieus von Ben und Erich geschickt verwoben mit den anderen, längerfristig angelegten Erzählsträngen.

Brennende Brisanz umgibt das Buch schliesslich auch mit der rechtspopulistischen Parteichefin Andrea Graf, die seit dem ersten Band dabei ist. Während sie gegen eine angeblich «drohende Islamisierung der Schweiz» polemisiert (aber auch in ihrer Partei die Schweizer Waffenexporte zu kritisieren wagt), stimmen wir am 7. März über die SVP-Initiative «Ja zum Verhüllungsverbot» ab. Ebenfalls im März erscheint dieser Krimi, der daran erinnert, warum es noch nie eine gute Idee war, Religion für Herrschergelüste zu instrumentalisieren.

Sunil Mann: Das Gebot. Grafit, Köln 2021. 288 Seiten, ca. 17.90 Fr. Erscheint am 23. März. Autorengespräch und Lesung bei «Text!» der Universitätsbibliothek Bern online.