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Die Jungrentner – plötzlich pensioniert, was jetzt?Endlich sagt er: «Tschou zäme!»

Fredu Hauser war ein Leben lang Büezer, Bluesrocker und von Frauengeschichten geplagt: Jetzt wurde er pensioniert – und startete prompt mit einem Durchhänger.

Zuerst lebte Fredu Hauser das, was er dachte, wie sich die Pensionierung anfühlen würde: Nichts müssen, nichts tun.
Zuerst lebte Fredu Hauser das, was er dachte, wie sich die Pensionierung anfühlen würde: Nichts müssen, nichts tun.
Foto: Adrian Moser

Als man Fredu Hauser vor zwei Monaten für ein Porträt anfragte, war er gerade dabei, sein «Abschlussmail» zu schreiben. Es war der letzte Arbeitstag einer langen Büezerkarriere. «In einer Stunde gebe ich meinen Laptop und meine Schlüssel ab, dann sage ich: Tschou zäme!» Er freute sich zu gehen, auch wenn er seine Stelle als Disponent für eine Gabelstaplerfirma, die er fast dreissig Jahre innehielt, mochte. Er sagte, zu Hause habe er immer etwas zu tun. Er sagte, langweilig würde ihm bestimmt nicht. Er sagte, heute sei ein Freudentag!

Als wir ihn nach acht Wochen in Baden treffen wollen, sagt er, man müsse nicht extra in den Aargau fahren, er habe Zeit, er komme gerne nach Bern. Dann steht er da mit einer Zigarette in der Hand, etwas zu früh, aber aufgestellt wie damals an seinem «Letzten». Dennoch räumt er ein, dass der erste Monat schwierig war. «Ich hatte einen Durchhänger, weil ich jeden Tag nur faul auf dem Ranzen lag.» Seine Wohnung, die seit Jahren darauf wartete, ausgemistet zu werden, blieb unangetastet. Er machte keine Ausflüge. Er lebte in den Tag und lebte das, was er sich ein Leben lang ausgemalt hatte, wie sich die Pensionierung anfühlen würde: Nichts müssen, nichts tun. Doch zufrieden machte ihn das nicht. «Es ist von einem auf den anderen Tag einfach alles weggefallen», sagt er. «Das hatte ich noch nie erlebt.» Was blieb, war nur die Musik.

Auf der Bühne vor B.B. King

Endlich sei er subventionierter Profimusiker, spottet er über sich selbst. Dabei hat Fredu Hauser niemals Profimusiker werden wollen. Auch wenn ihm die Gitarre und der Blues das Liebste sind, wollte er sein Hobby nie zum Beruf machen, weil er sich finanziell mehr erhoffte, als «ein Leben lang mit einem Göppel herumfahren zu müssen». Dennoch machte ihn die Musik zu dem, was er ist.

«Das Ersparte schmelzen zu sehen, ist schmerzhaft.»

Fredu Hauser

Bereits mit vierzehn steigt der in Wabern und im Tscharnergut Aufgewachsene in eine Unterhaltungsband ein und spielt an jeder «Hundsverlochete». Eigentlich will er seine Lehre als Carrosseriespengler mit siebzehn abbrechen, weil er seine Zukunft nicht in einer Autogarage sieht. Doch befürchtet er, dass seine Eltern ihm das Musizieren verbieten würden, weshalb er schliesslich doch der Maschinenindustrie treu bleibt. Nach einer «Schnellbleiche» an der Handelsschule beginnt er im Vertrieb einer Garage in der Lorraine, später bei BMW in Niederwangen. Doch auch da packt ihn das «Spinneritis», das Autofieber höchstens «fünf Minuten» lang, als er einmal einen Porsche ausfahren darf. Nach der Fahrt hängt er den Schlüssel aber wieder zurück und sagt: «Ich bin geheilt.»

Nachdem seine erste Ehe mit 33 zu Brüche geht, heiratet Fredu Hauser eine Tschechin, die ihn nur wenige Monate darauf verlässt. «Sie hat mich verarscht», sagt er.
Nachdem seine erste Ehe mit 33 zu Brüche geht, heiratet Fredu Hauser eine Tschechin, die ihn nur wenige Monate darauf verlässt. «Sie hat mich verarscht», sagt er.
Foto: Adrian Moser

Niemals verheilt jedoch seine Leidenschaft für den Blues. Mitte zwanzig beginnt Fredu Hauser in der damaligen Bluesrockband Blush («Blösch») als Gitarrist, die als Vorband von weltberühmten Blues- und Rockmusikern wie B.B. King und Sting spielen. Sie üben viermal wöchentlich, spielen am Wochenende Konzerte im Bierhübeli oder im Zürcher Volkshaus – um am Montagmorgen wieder am Arbeitsplatz zu sitzen. «Wenn ich so viel Zeit in meine Ausbildung wie in den Blues gesteckt hätte, wäre ich Professor geworden», sagt Hauser. Er bereue aber keine Minute davon. Er habe dadurch gelernt, ein Teamplayer zu sein. «In einer Band braucht es jede und jeden! Nur weil ich das gelernt habe, fehlte ich bei der Büez so gut wie nie.» Vor allem aber liebt er die Auftritte. «Wenn die Leute applaudieren, ist das das Schönste. Beim Spielen vergisst man allen Ärger.»

«Jetzt bin ich subventionierter Musiker!»

Fredu Hauser

So wird er denn in seinem Leben von Geschichten heimgesucht, bei denen die Musik das Einzige ist, das ihm niemals von der Seite weicht. Nachdem seine erste Ehe mit 33 zu Bruch geht, heiratet er eine Tschechin, die ihn nur wenige Monate darauf verlässt. «Sie hat mich verarscht», sagt Hauser. Er habe tatsächlich geglaubt, sie hätten eine Zukunft. «Ich habe sie geliebt. Aber sie wollte nur den Schweizer Pass.» Die Kraft, nach der ersten Scheidung gleich eine zweite durchzustehen, hat Fredu Hauser nicht. Er erleidet einen Nervenzusammenbruch und geht einen Monat in die «Kur» ins appenzellische Gais. «Ich habe mich nicht gerade gross gefühlt, von zwei Frauen verlassen worden zu sein», sagt er. Glücklicherweise lernt er da eine Aargauerin kennen, zu der und deren zwei Kinder er nach der Scheidung zieht. «Plötzlich war alles anders», sagt er. «Ich wohnte im Aargau, arbeitete in Zürich und hatte fast so etwas wie eine Familie.» Dennoch bemüht er sich, niemals ein zweiter Vater und Erzieher, sondern lediglich der beste Freund der Kinder zu sein. «Ich bin einfach Fredu, zu denen sie zu jeder Tages- und Nachtzeit kommen dürfen», sagt er. Doch währt das Familienglück nicht ewig. 2009 diagnostiziert man bei seiner Partnerin einen Hirntumor. Fredu Hauser geht jeden Morgen «in aller Herrgottsfrühe» arbeiten, um keinen Spitaltermin zu verpassen und seiner Freundin beizustehen. Doch nach drei Monaten ist die Mutter der beiden Kinder tot.

Das Schwierigste an der Pension

Noch heute wohnt Fredu Hauser in der Wohnung in Baden, in der damals die ganze Familie dieser Frau lebte. Die Wohnung sehe auch heute noch aus wie damals. «Ohne die Kinder und die Musik hätte ich das nicht durchgestanden.» So beginnt Hauser zu dieser Zeit in einer Berner Bluesformation namens Monobluesband. Daneben spielt er in einer Badener Guggenmusik. Und irgendwie vergehen so die Jahre. «Die Zeit heilt alle Wunden», sagt er, «das ist wirklich wahr.» Vielleicht ist es auch die Liebe, die Fredu Hausers Wunden heilt. So sieht er seine zwei nicht leiblichen Kinder noch heute wöchentlich und schaut zu deren Kindern als «Ersatzgrossvater». Zudem fand er in der Guggenmusik sein heutiges «Meitschi».

«Die Zeit heilt alle Wunden, das ist wirklich wahr.»

Fredu Hauser

Nun scheint Fredu Hauser keine grossen Raketen mehr zünden zu wollen. Er sei halt einfach so gestrickt, eines nach dem anderen zu nehmen. Er hat vieles abgehakt. Er hat in seinem Leben Jamaica, Tobago, Brasilien und Südostasien bereist, er war in Toronto, in San Francisco, in Boston. Eigentlich habe er alles gesehen, sagt er. Wenn er einem ein Geheimnis verraten könne, dann sei das Schwierigste an der Pension die Umstellung, vom Sparen ins Verzehren zu gehen. Die AHV und die Pension reichten zum Leben. Aber nicht für den Luxus. Eigentlich hat er dafür ein Leben lang gespart. «Aber jetzt tatsächlich davon Gebrauch zu machen, ist gar nicht so einfach», sagt er. Er wisse, dass das der Zweck des Sparkontos sei. Aber den Berg tatsächlich schmelzen zu sehen, sei schmerzhaft.

Herrliche Tage mit dem «Meitschi»

Zum Glück gibt es da aber noch die Monobluesband, die nach dem Lockdown jetzt wieder probt. Wenn er davon erzählt, hellen sich Fredu Hausers Augen auf. Er hofft auf möglichst viele Auftritte. «Ein Gig pro Monat sollte das Ziel sein!» An Hochzeiten spielen will er aber nicht. «Wir sind keine Unterhaltungsmusiker. Die Leute sollen den Blues lieben, so wie wir. Sie sollen Freude haben an dem, was passiert.»

Von nun an nimmt er sich vor, jeden Tag etwas zu unternehmen –  «gehauen oder gestochen», sagt Fredu Hauser.
Von nun an nimmt er sich vor, jeden Tag etwas zu unternehmen«gehauen oder gestochen», sagt Fredu Hauser.
Foto: Adrian Moser

Die restliche Zeit verbringt er mit seiner ebenfalls pensionierten Freundin aus der Guggenmusik. «Ehrlich gesagt, war sie es, die mir nach einem Monat des Faulenzens in den Arsch trat», sagt er. Er nimmt sich vor, jeden Tag etwas zu unternehmen, «gehauen oder gestochen», so, wie heute zu diesem Interviewtermin zu kommen. Oder er fährt mit seiner Freundin in den «Zigerschlitz» oder irgendwohin, wo er schon lange einmal hinwollte. Und das seien einfach herrliche Tage. «Die Zeit gehört jetzt einfach mir allein. Niemand befiehlt mir, was ich machen muss – ausser mein Meitschi», sagt er und lacht.

Sind Sie bereits pensioniert oder stehen Sie kurz davor? Beginnt jetzt das Flohnerleben, von dem man immer geträumt hat? Kann man endlich die Ideen umsetzen, für die niemals Zeit war? Teilen Sie mit uns Ihre Bedenken, Tipps, Erfahrungen und Erlebnisse auf der Diskussionsplattform Stadtgespräch.