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Ein Tag im LockdownEndlich in der First Class schlafen

Jeder Mensch hat seine Lockdown-Geschichte. Wir haben einige davon gesammelt. Ein Tag im Leben von Manuel König, 38, Swiss-Pilot, der Masken aus Shanghai nach Zürich flog.

Manuel König fliegt seit acht Jahren für die Swiss, zurzeit im Rang eines Senior First Officer, also als Co-Pilot auf Langstreckenflügen.
Manuel König fliegt seit acht Jahren für die Swiss, zurzeit im Rang eines Senior First Officer, also als Co-Pilot auf Langstreckenflügen.
Foto: zvg

Wie ein Camping-Ausflug mit dem A340: So hat es einer genannt, auf meinem ersten Cargoflug. Jetzt habe ich den zweiten hinter mir, in China holten wir Masken, Wegwerfhandschuhe und OP-Kittel. Zwölfeinhalb Stunden hin, zwölfeinhalb Stunden zurück.

Unterwegs war der Luftraum nahezu leer, aber als wir kurz nach zwei Uhr in der Nacht auf den 29. April in Shanghai landeten, herrschte ziemlich Betrieb. Austrian Airlines, British Airways, Lufthansa: Alle waren da, standen wie gewohnt am Passagierterminal. Nur waren die Flugzeuge nicht an die Brücke angeschlossen, sondern wurden mit Corona-Fracht beladen. Ein wenig domestic traffic hatte es auch.

Weil das chinesische Corona-Grenzregime vorsieht, dass bei der Einreise die gesamte Crew in Quarantäne muss, wenn ein Mitglied Fieber hat, blieben wir die ganze Zeit an Bord. Das macht die Swiss auf allen Corona-Versorgungsflügen nach China so, man hat vom Bundesamt für Zivilluftfahrt extra eine Bewilligung dafür eingeholt.

Aber wir erhielten Besuch, zuerst von Beamten in weissen Überzügen. Über eine Treppe stiegen sie durch die hintere Tür zu, kontrollierten Dokumente und unsere Körpertemperatur. Normalerweise müssen wir jeden identifizieren, der das Flugzeug betritt, doch jetzt war das nicht möglich: Man sagte uns, wir dürften keinen zwingen, den Gesichtsschutz abzulegen, aber die Flughafenbehörde garantiere, dass niemand Unbefugtes an Bord komme.

Danach kehrte Stille ein. Weil wir uns nicht in ein Hotelbett legen konnten, die Ruhezeit von mindestens sechs Stunden jedoch gesetzlich vorgeschrieben ist, richteten wir uns in der First Class unseres A340 ein. Wir hatten sogar Daunenkissen und Daunendecken zur Verfügung, aber so bequem wie daheim war es dann trotzdem nicht. Flugzeugsitz bleibt Flugzeugsitz.

Um zehn Uhr morgens war die Pause vorbei, die Chinesen warteten schon darauf, das Flugzeug zu beladen. Oben im Passagierraum bildeten sie eine Kette, warfen sich in einem Höllentempo Schachteln zu und zurrten diese an den Sitzen fest. Unten im Frachtabteil verluden sie die Pakete palettenweise.

Ein Loadmaster, den wir aus Zürich mitgebracht hatten, überwachte die Arbeiten. Da kann viel schiefgehen, wenn man nicht aufpasst – das ist ein hochkomplexes Thema. Belädt man das Flugzeug nur hinten, kippt es irgendwann auf die Heckflosse. Das kann man googeln, ist alles schon geschehen. Liegt der Schwerpunkt zu weit vorne, verliert das Höhenruder seine Wirkung. Das merkt man aber erst, wenn es zu spät ist – im Flug.

Corona-Versorgungsflüge sind kein freudiger Anlass, aber ich bin froh, sie machen zu dürfen. Alle an Bord sind motiviert, es ist spannend und anders.

Seit acht Jahren fliege ich für die Swiss, zurzeit im Rang eines Senior First Officer, also als Co-Pilot auf Langstreckenflügen. Die Dienstälteren in der Firma können sich noch an das Swissair-Grounding erinnern. Ich selbst habe es nur von aussen erlebt, und doch betraf es mich direkt. Lange Geschichte, ich machs kurz.

Mein Vater war Hobbypilot. Als er mich zum ersten Mal mitnahm, war ich ein Baby. Wir flogen eine Runde über Locarno, wo ich herkomme. Später bauten wir Modellflugzeuge. Mein Plan war, Militärpilot zu werden. Wenn das nicht klappt, dachte ich, kann ich mir meinen Traum immer noch in der Zivilfliegerei erfüllen. Im August 2001 trat ich als einer von vierzig Anwärtern in die Piloten-RS ein. Als ich im Oktober erfuhr, dass ich nicht zu den zehn Rekruten gehöre, die weitermachen dürfen, konnte ich auch nicht in die zivile Luftfahrt: 9/11, das Ende der Swissair – da hat im ersten Moment keine Fluggesellschaft mehr Piloten gebraucht. Fast wie jetzt.

Ich studierte dann Wirtschaft, arbeitete für eine Beratungsfirma und eine Bank. Kurz bevor ich dreissig wurde, merkte ich, dass ich das unmöglich bis zur Pensionierung tun will. Da fiel mir mein altes Berufsziel wieder ein, zum Glück.