«Shaqiri ist bisher ungenügend»

Ex-Nationalspieler Stéphane Henchoz kritisiert die rechte Seite, verteidigt Haris Seferovic und sagt, warum die Schweiz noch eine gute EM spielen wird.

Sieht noch Luft gegen oben: Ex-Natispieler Stéphane Henchoz.Foto: Reto Oeschger

Sieht noch Luft gegen oben: Ex-Natispieler Stéphane Henchoz.Foto: Reto Oeschger

Wie gefallen Ihnen die Schweizer bis jetzt?
Von der Leistung im ersten Spiel gegen Albanien war ich nicht besonders angetan, sie war sehr bescheiden. Gut, die Schweiz hat gewonnen, sie machte, was sie machen musste. Aber sie hat den Match nicht beherrscht, sondern davon profitiert, dass der albanische Goalie beim Corner vor Fabian Schärs Tor nicht gut aussah – und dass Lorik Cana vom Platz gestellt wurde. Bei elf gegen elf wäre es schwierig geworden, weil es ein paar Spieler gab, die nicht ihr Niveau erreichten.

Und gegen Rumänien?
Dieser Auftritt war mit jenem zum Start nicht vergleichbar. Insgesamt war es angenehm, der Schweiz zuzuschauen. Die Leistung war so gut, dass es für einen Sieg hätte reichen müssen. Leider fehlte es an Effizienz. Aber von Beginn weg spürte man eine Mannschaft, die aggressiv war, die dominant sein wollte, die ihren Rhythmus durchsetzen wollte. Die spielerische Qualität war vorhanden, die Laufbereitschaft auch ohne Ball – doch, es war sehr interessant.

War dieses Spiel auch eine Folge der Erleichterung nach dem Auftakt, bei dem der Druck sehr gross war, vor allem auf die albanischstämmigen Spieler?
Das kann einen Einfluss gehabt haben. Nur, auch die Albaner, die in der Schweiz aufgewachsen sind, spürten Druck, und sie zeigten gegen die Schweiz nicht das, was sie zeigen wollten. Gegen Frankreich waren sie besser als am vergangenen Samstag.

Wer hat Sie gegen Rumänien ­beeindruckt?
Die Schweizer Defensive wurde zwar nicht oft geprüft, aber sie war stabil. Djourou zum Beispiel war viel besser als gegen Albanien, das ist positiv. Schär spielte in beiden Partien besser, als man vor dem Turnier gemeinhin gedacht hatte. Rodriguez steigerte sich gegenüber dem Start deutlich, er war nun auch offensiv sichtbar. Auf Sommer war einmal mehr Verlass. Bleibt in der Abwehr noch Lichtsteiner. Und er ist für mich ein Fragezeichen.

Wieso?
Wenn man die rechte mit der linken Seite vergleicht, stellt man fest: Das Spiel der Schweiz findet mehrheitlich über links statt, dank Rodriguez, dank Mehmedi auch, dem nicht alles gelingt, der sich aber viel bewegt, viel arbeitet, viele Räume schafft. Und rechts? Shaqiri und Lichtsteiner – mager.

  • loading indicator

Täuscht der Eindruck, dass Lichtsteiner als neuer Captain das Gefühl hat, noch mehr als sonst für die Mannschaft machen zu müssen?
Nein, das ist schon möglich. Er setzt sich wohl selber unter grössten Druck, er möchte die Mannschaft so gut wie möglich führen. Das ist nachvollziehbar, aber in diesem Fall ist es dienlicher, wenn er sich einzig auf seine Leistung konzentriert. Lichtsteiner weiss, dass er sein Niveau anheben muss. Defensiv darf er sich keine Fehler leisten wie zuletzt, und offensiv muss er sich mehr einbringen. Lichtsteiner ist seit fünf Jahren Stammspieler bei Juventus und ist in dieser Zeit fünfmal italienischer Meister geworden. Shaqiri ist der wahrscheinlich Talentierteste in dieser Mannschaft. Darum glaube ich, dass man das Recht hat, von diesem Duo mehr zu erwarten.

Lichtsteiner verursachte gegen Rumänien einen Penalty und sagte, der sei nicht berechtigt gewesen.
Der Penalty war streng, aber jeder, der die Fernsehbilder anschaut, erkennt, wie er am Trikot des Gegners zieht, und das zu lange, zwei, drei Sekunden. Der Schiedsrichter stand sehr gut, er sah das, und er kann das pfeifen.

Und Shaqiri? Was ist mit ihm los?
Er ist bisher ungenügend. Wenn der Spieler nicht Shaqiri hiesse, hätte ihn Petkovic am Mittwoch schon früher ausgewechselt.

Hat Shaqiri einen Bonus?
Den hat er. Bei ihm denken doch viele: Eine Aktion genügt, und er sorgt damit für den Unterschied.

Erwartet man zu viel von ihm? Oder wird er ganz einfach überschätzt?
Seit drei, vier Jahren wird er als Spieler von Weltklasseformat beschrieben. Nur: Wenn man anschaut, was er bei Bayern München, Inter Mailand oder Stoke geleistet hat, hat er den Nachweis dafür nicht erbracht. Er schoss drei Tore an der Weltmeisterschaft gegen Honduras, aber das war vor zwei Jahren. Und eben: Es war Honduras. Er hat Potenzial, ja, aber er hat gegen Albanien und Rumänien noch nicht das gezeigt, was man von ihm erwarten dürfte.

Gibt es aus Ihrer Sicht eine ­Erklärung dafür, dass ihm das nicht gelingt?
Eine Antwort könnte er selber am besten geben. Ich frage mich bloss: Macht er alles, was er kann, um die optimale Leistung am Matchtag abzurufen?

Zweifeln Sie?
Ich finde es einfach erstaunlich, dass er sich bei Bayern nicht durchgesetzt hat und bei Inter nicht. Bei Stoke hat er ­gespielt, ja, aber es war keine ausser­gewöhnliche Saison. Er erzielte drei Tore, das ist nicht enorm. Seine Auftritte waren schwankend.

Gegen Albanien und besonders dann gegen Rumänien lieferte auch Haris Seferovic viel Gesprächsstoff. Sie waren selber Nationalspieler, zwar kein Torjäger . . .
. . . das ist definitiv so! (lacht schallend)

Was sagen Sie zu einem Stürmer, der in jedem Spiel mindestens zu zwei guten Gelegenheiten kommt, sie aber nicht verwertet?
Ich finde, man war zu streng in der Beurteilung mit ihm. Gegen Albanien kommt er zu Chancen, gegen Rumänien auch. Er hat nicht das leere Tor verpasst oder sonst auf unglaubliche Weise die Möglichkeit vergeben, einen Treffer zu erzielen, nein. Die Goalies waren oft auch herausragend, Berisha von Albanien, Tatarusanu von Rumänien. Dann kann man doch nicht sagen, Seferovic sei katastrophal. Ja, er muss Tore erzielen, das ist seine Arbeit, aber erstens geht das nicht jedes Mal. Und wenn ich ihn nun gegen die Rumänen gesehen habe, muss ich sagen: Er macht fast alles richtig.

Leider nur fast . . .
. . . ja . . .

Beginnt man als Spieler wegen solcher Szenen, an sich zu zweifeln?
Solche Szenen können das Selbstvertrauen schon beeinträchtigen, und ja, vielleicht fängt Seferovic an zu zweifeln. Das wäre allerdings ein grosses Problem. Er merkt doch selber: Ich komme zu Chancen, verwerte sie bloss nicht. Nun stellt sich die Frage: Ist er bereit, am Sonntag zu spielen?

Haben Sie eine Antwort?
Nein, weil ich den Spieler persönlich nicht kenne. Er strahlt grundsätzlich ein grosses Selbstvertrauen aus. Es ist der Entscheid des Trainers, er muss abwägen: Tut es der mentalen Verfassung von Seferovic eben doch nicht gut, wenn er auf der Bank sitzen muss? Oder will er ihn vor Kritik schützen, die unweigerlich kommen wird, wenn er wieder mehrere Möglichkeiten auslässt?

Und wenn Sie Vladimir Petkovic wären . . .
. . . würde ich ihn wieder einsetzen, nicht nur, weil er sich Chancen erarbeitet, sondern auch sonst gut ins Spiel eingebunden ist.

Wer ist für Sie denn bislang der Schlüsselspieler? Oder kann es zumindest noch werden?
Granit Xhaka. Er war gut bislang, und er kann noch besser werden. Er ist die zentrale Figur, er kann zeigen, dass er bereits Weltklasse ist – und warum Arsenal ihn verpflichtet hat.

Glauben Sie, dass er in der Lage ist, bei Arsenal eine dominante Rolle zu übernehmen?
Was seine fussballerischen Qualitäten angeht: ja. Er war bis jetzt in einem guten Club bei Mönchengladbach und in einer guten Liga. Aber bei Arsenal trifft er eine enorme Konkurrenz an, der Druck ist riesig, die Erwartungen sind es auch. Und die Premier League ist eine sehr harte Liga, härter als die Bundesliga. Also muss er sich noch einmal ­steigern. Aber das traue ich ihm zu.

Könnten der Wechsel von Granit Xhaka zu Arsenal und das Interesse von ­Manchester United an Breel Embolo Eifersucht bei Shaqiri auslösen?
Das ist denkbar. Es ist zumindest nicht ganz einfach zu akzeptieren für ihn. Vor kurzem redeten alle nur von ihm. Aber jetzt hat er nicht mehr den gleichen Status. Er wird langsam überholt, von Xhaka, von Embolo, die Leute reden jetzt auf einmal mehr von ihnen. Und Shaqiri ist doch auch schon bald 25, nicht mehr 18.

  • loading indicator

Wie nehmen Sie eigentlich den Trainer in diesen Tagen wahr?
Als Trainer, der darunter leidet, dass er in der Deutschschweiz kritischer beobachtet wird als in der Romandie.

Er hat das Gefühl, dass er zu ­Unrecht so gesehen wird und dass sein Deutsch zu Unrecht bemängelt wird. Wie werten Sie das?
Wenn man die Leistungen der Mannschaft in den letzten zwei Jahren unter Petkovic anschaut, sage ich: Die Kritik ist nicht unberechtigt. Hat die Schweiz seit ihrem letzten Match an der Weltmeisterschaft 2014 gegen Argentinien Fortschritte gemacht? Nein. Sie gibt mir bislang keinen Anlass, Luftsprünge zu machen. Und was Petkovic angeht: Seine Kommunikation ist nicht immer die beste, und er leidet wohl auch darunter, dass er damals, als es um die Nachfolge von Ottmar Hitzfeld ging, nicht die ­absolute Wunschlösung war. Die Kandidaten vor ihm waren Marcel Koller und Lucien Favre. Mit einem von ihnen hätte das ganze Land uneingeschränkt leben können.

Aber mit dem Spiel gegen Rumänien könnten Petkovic und seine ­Mannschaft auf den richtigen Weg gekommen sein?
Absolut! Zusammen mit dem Testspiel in Polen (das 2:2 vom 18. November 2014) war das der beste Auftritt unter der Führung von Petkovic. Jetzt geht es um die Bestätigung am Sonntagabend gegen Frankreich.

Womit rechnen Sie?
Nimmt man den Mittwoch als Massstab, ist für die Schweiz ganz bestimmt ein ­gutes Resultat möglich.

Das heisst?
Im Minimum ein Unentschieden. Auch wenn die Franzosen natürlich besser sind als Albanien und Rumänien.

Aber sie hatten zweimal ihre ­Probleme und gewannen nur dank sehr später Treffer.
In der ersten Halbzeit gegen Albanien waren sie ganz schwach, danach waren sie deutlich besser und wirklich nicht schlecht. Da konnten die Schweizer ­sehen, dass es für sie am Sonntag nicht einfach wird.

Sehen Sie den Einzug der Schweiz in die Achtelfinals nur noch als ­Formsache?
Für mich ist er mit den vier Punkten ­geschafft. Nun wäre es von grossem Vorteil, als Erster die Gruppe zu beenden. Wenn die Schweizer aber nur Dritter werden, könnte es ziemlich kompliziert werden im Achtelfinal. Da könnte Deutschland drohen . . . Und das wäre nicht optimal.

Was trauen Sie der Mannschaft generell zu?
Sie muss die Viertelfinals anvisieren. Sie hat wirklich ein grosses Potenzial, und sie darf sicher Ambitionen haben.

Und wenn sie im Viertelfinal steht?
Muss man sich bewusst sein, dass wir immer noch die Schweiz sind und realistisch bleiben sollten.

Diese Inhalte sind für unsere Abonnenten. Sie haben noch keinen Zugang?

Erhalten Sie unlimitierten Zugriff auf alle Inhalte:

  • Exklusive Hintergrundreportagen
  • Regionale News und Berichte
  • Tolle Angebote für Kultur- und Freizeitangebote

Abonnieren Sie jetzt