Penaltys wie an einem Grümpelturnier

Goalie Neuer, Verteidiger Hector und eine wirre Schlussphase – so besiegte Deutschland Italien.

Widersacher Gigi Buffon mag nicht hinschauen, wie Manuel Neuer einen Penalty entschärft. Foto: Marc Atkins (EQ)

Widersacher Gigi Buffon mag nicht hinschauen, wie Manuel Neuer einen Penalty entschärft. Foto: Marc Atkins (EQ)

Ueli Kägi@ukaegi

Es ist gar nicht sicher, ob der Ball schon wieder gelandet ist, den Matteo Darmian am Samstagabend kurz vor Mitternacht in den Himmel über Bordeaux gekickt hat. Er war an Deutschlands Goalie Manuel Neuer gescheitert in einem verrückten Penaltyschiessen, das zwischenzeitlich ein Niveau hatte, wie wenn am Grümpelturnier Glattfelden auf dem Spielfeld Schachen 2 die Plauschmannschaften des Feuerwehrvereins und der Postautofahrer aufeinandertreffen.

Von den ersten fünf Spielern beider Mannschaften waren sechs nicht in der Lage gewesen, den Ball ins Tor zu bringen, Zaza, Pellè und Schweinsteiger schossen ziemlich abenteuerlich am Tor vorbei. So hatten zuerst die Italiener theoretisch Rückstand, dann die Deutschen, dann wieder die Italiener. Und immer wieder brachten es die anderen fertig, auch gleich zu vergeben. Bis eben Darmian an Neuer scheiterte. Und Hector kam. Und traf. Und Deutschland im Halbfinal steht. Und die Vergangenheit besiegte nach vier Niederlagen in der K.-o.-Phase grosser Turniere gegen Italien.

Eine schwache erste Halbzeit, dann zwei Tore, dann die Verlängerung, dann das Penaltyschiessen. Es war ein Viertelfinal voller Geschichten in den Geschichten. Und mit zwei Deutschen, die noch etwas über allen anderen stehen.

Manuel Neuer war einer der Matchwinner mit zwei abgewehrten Elfmetern und zwei weiteren Gegnern, die er um den Verstand und zum Fehlschuss brachte. Er sagt nachher: «So etwas habe ich noch nie erlebt.» Er ist nicht allein.

Die Superquote der Nummer 1

Ein «wirkliches Drama» wars für den Goalie. Weh tut Deutschland jetzt nur, dass im Halbfinal Hummels gesperrt fehlt. Und das Turnier für Gomez nach einem Muskelfaserriss beendet ist. Ausserdem sind die Einsätze der verletzten Khedira und Schweinsteiger fraglich.

Im Gegensatz zu Gigi Buffon, der mit dem Rücken zum Tor stand, wenn seine Kollegen schossen und verschossen, hat Neuer immer zugeschaut. Er hat versucht, sich von den Fehlschüssen nicht beeinflussen zu lassen. Er sagte aber auch: «Es war nicht ganz einfach.» Neuer erklärte auch gleich alle Goalie-Vorbereitungsarbeiten zur unnützen Übung. Er habe sich zwar mit allen italienischen Schützen befasst vor dem Match und deren Lieblingsecken gekannt. Doch weil die Italiener vermutlich dachten, dass Neuer wusste, schossen sie dann anders.

«Es war ein Nervenkrieg», fand Neuer. Da nützt es, einen wie ihn im Tor zu haben. Der 30-Jährige ist nicht nur Welt­torhüter. Er hat auch eine ausgezeichnete Abwehrquote, wenn einer aus 11 Metern schiesst. Von zuletzt 47 Penaltys hatte er bis zum Samstag 15 nicht passieren lassen, fast jeden dritten. Gegen Italien verbesserte er den Schnitt. Und ermöglichte die zweite grosse Geschichte des Abends. Die Geschichte von Jonas Hector, der 2009 noch auf einem Traktor den Aufstieg mit dem SV Auersmacher in die Oberliga feierte. Damals, mit 18, war er Spielmacher und wollte nicht zum VfL Bochum wechseln. Er könne nicht von zu Hause weg, fand er. Ein Jahr später ging er dann doch, aber zum 1. FC Köln, war dort in der zweiten Mannschaft noch immer Offensivspieler, erst bei den Profis wurde er Linksverteidiger.

Jetzt ist Linksfuss Hector der erstaunlichste Stammspieler der Nationalmannschaft. Von vielen ein wenig belächelt. Immer etwas in der medialen Kritik. Aber stets auf dem Rasen, weil es Trainer Löw gefällt, wie er spielt. Sei das mit Viererkette. Oder Dreierabwehr, wo Hector und Kimmich gegen Italien die Seiten im Mittelfeld besetzten, bei Ballbesitz mit angriffen und sonst mitverteidigten, um aus drei Abwehrspielern fünf zu machen. Das funktionierte bestens. Es brauchte einen Aussetzer Boatengs, damit die Azzurri zum Penalty und Ausgleich kamen.

In Köln nennen sie Hector «Harry Hektik», es ist ironisch gemeint, Harry Hektik behält in allen Lebenslagen vor allem: die Ruhe. Er bereitete gegen Italien das 1:0 Özils mit vor. Und er war dann der neunte Penaltyschütze Deutschlands. «Es waren nicht mehr viele Leute da, irgendwann muss man dann», sagte er zu den Sekunden, in denen klar wurde, dass er an der Reihe war. Da habe er halt «das Herz in die Hand genommen».

Wenns nicht so schwierig wäre, wäre es einfach. Hectors Schuss war nicht besonders. Aber genau gut genug, dass er dem fliegenden Buffon unter Oberkörper und Hand durchrutschen konnte. «Ich bin einfach überglücklich, dass der Ball irgendwie reingegangen ist», sagte Hector. Er war nicht allein. In der Kabine nahm der Ur-Kölner und Teilzeit-Istanbuler Podolski den Neu-Kölner Hector in den Arm, schoss ein Bild und schrieb zum Sieg auf Twitter: «Made in Köln».

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