Sieg der Verwandlungskünstler

Portugal ist auch darum Europameister, weil es sich von sich selbst verabschiedet hat.

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An der Seitenlinie trägt er meist eine Miene, mit der er in jedem Spaghetti-Western die Rolle des Bestatters in einer Grenzstadt zu Mexiko spielen könnte. Fernando Santos hat nicht die Ausstrahlung von jemandem, mit dem man spontan bei einem Rotwein aus dem Alentejo einen Abend lang plaudern möchte. Wahrscheinlich sollte man das trotzdem tun. Der Mann kann äusserst klug über Fussball reden. Und als Trainer, der Portugal zum Europameistertitel geführt hat, hätte er viel zu erzählen.

Es war ein von langer Hand vorbereiteter Masterplan, der im Stade de France vollendet wurde. Im Herbst 2014 hat Santos sein Debüt an der Seitenlinie der Seleção erlebt. Es war eine 1:2-Niederlage ausgerechnet gegen Frankreich, ausgerechnet im Stade de France, in dem ihm nun der grösste Erfolg des portugiesischen Fussballs gelungen ist. An jenem Oktobertag, erzählte Santos bereits nach dem Halbfinal gegen Wales, habe er sich mit ein paar Führungsspielern zusammengesetzt: «Und wir haben uns gesagt, dass wir in zwei Jahren wieder in diesem Stadion sein werden und den Titel gewinnen.»

14 Pflichtspiele hat Portugal seither unter Santos bestritten, verloren wurde zwar keines davon. Das 2:0 gegen Wales war aber auch das erste, das mit mehr als einem Tor Unterschied gewonnen wurde. Santos, der studierte Ingenieur, hat sich eine Mannschaft nach seinem Ebenbild geschaffen. Eine, die hart arbeitet, die aber auch klug ist. Eine, die nicht spektakulär spielt – aber erfolgreich. Unter Santos hat sich Portugal von sich selbst verabschiedet. An die Stelle des ebenso grandiosen wie melancholischen Scheiterns ist der oft etwas langweilig anzuschauende, kalkulierte Weg zum Erfolg getreten.

Viele neue Spieler

Santos ist das gelungen, indem er sich frisches Personal gesucht hat. Als Aussenverteidiger spielten an der EM die nicht in Portugal geborenen Cédric Soares und Raphaël Guerreiro, die beide ihre Debüts unter Santos erlebt haben. José Fonte ist ebenfalls eine seiner Entdeckungen, auch wenn der Innenverteidiger schon 32 Jahre alt ist. Das Mittelfeld? Es besteht fast nur aus Spielern, die weniger als 20 Länderspiele aufweisen. Nur im Sturm blieb der 61-Jährige aus nachvollziehbaren Gründen bei Nani und Cristiano Ronaldo, die beide über 100-mal für Portugal gespielt haben.

Aber am einzigen Star dieser Mannschaft ist auch zu sehen, wie sehr Santos eine Gruppe geformt hat, die für den Erfolg alles tut. Natürlich nervt sich Ronaldo telegen, wenn seine Mitspieler wieder einmal sein Weltklasseniveau vermissen lassen. Aber er war in Frankreich der selbstloseste CR7 aller Zeiten. Er rieb sich im Sturmzentrum auf, er gab den Spielmacher, er verteidigte am eigenen Strafraum. Und er entschied Spiele, bis ihn Dimitri Payets Foul im Final brutal bremste. Umso eindrücklicher, dass Portugal das Turnier danach auch ohne den Captain gewinnen konnte.

Krawalle beim Public-Viewing in Paris.

Santos’ Männer waren nicht nur deswegen die Verwandlungskünstler dieses Turniers, weil sie sich verhielten, als seien sie gar keine Portugiesen. Sie spielten zusammen mit Deutschland auch den flexibelsten Fussball dieses Turniers. Je nach Gegner richtete der Trainer seine Mannschaft neu aus. Portugal kann 4-1-4-1 und 4-2-3-1, es weiss, wie ein 4-4-2 mit zwei Sechsern geht und wie eines mit der Raute.

Anders als bei den Deutschen, die mit ihrer Flexibilität agieren und dominieren wollten, ging es bei Portugal darum, auf den Kontrahenten zu reagieren und ihn so lange zur Verzweiflung zu treiben, bis er sich einen Fehler erlaubt. Wobei die Auftritte in der K.-o.-Phase vergessen liessen, dass die Gruppenspiele der Portugiesen zu den unterhaltsamsten der EM zählten. Das 3:3 gegen Ungarn war sogar schlicht spektakulär.

Ein harter Hund auf der Bank

Santos wird nun in Portugal wohl mit der Liebe überschüttet, die ihm bislang wegen seines zu unportugiesischen Fussballs verwehrt geblieben ist. Wobei es ihm nie um Zuneigung ging. Er kokettiert mit seinem Image des harten Hundes und erzählt gerne folgende Geschichte. Er hatte eben die griechische Nationalmannschaft übernommen und ein Training auf 8 Uhr anberaumt, als ihm die Spieler erklärten, es sei unmöglich, zu dieser Zeit durch den Stossverkehr zu kommen. Also schlug er vor, dem Stau durch ein Training um 7 zu entgehen. Den Spielern gelang es dann doch, um 8 auf dem Platz zu stehen.

Mit derselben Härte hat er Portugal den Hang zum Versagen in den entscheidenden Momenten ausgetrieben. Und er setzte dabei auf eine neue Generation von portugiesischen Spielern, die ihm auf seinem Weg ohne Angst vor dem Erfolg bedingungslos gefolgt sind. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 10.07.2016, 22:43 Uhr

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