«Ein Bravo an Italien»

Der frühere französische Welt- und Europameister Bixente Lizarazu ist schon glücklich damit, dass sein Land im Viertelfinal steht.

Ein Fusskuss für den Siegschuss: Dimitri Payet huldigt Antoine Griezmann nach dem 2:1 gegen Irland. Foto: Aurelien Meunier (Getty)

Ein Fusskuss für den Siegschuss: Dimitri Payet huldigt Antoine Griezmann nach dem 2:1 gegen Irland. Foto: Aurelien Meunier (Getty)

Es hat an diesem Turnier grosse Überraschungen gegeben wie das Aus der Engländer. Und kleinere wie der Sieg der Italiener gegen Spanien. Sind Sie trotzdem überrascht, mit wie vielen Vorteilen Italien den Achtelfinal gegen den Titelverteidiger geprägt hat?
Überrascht von ihrer Qualität in der ­Defensive vor allem? Nein. Sie haben eine hohe taktische Qualität, sie spielen mit einer klaren Strategie, und sie ­mögen es, wenn der Gegner gerne den Ball hat. Überrascht bin ich eher vom Nichtspiel der Spanier in diesem Achtelfinal. Ein schwacher Auftritt hat zwar immer auch mit der Leistung des Gegners zu tun. Und die Italiener haben ­ihnen eine taktische Lektion erteilt, sie haben das Spiel der Spanier total ­blockiert und ­deren wichtigste spielerische Elemente wie Iniesta und David Silva aus dem Match genommen . . .

. . . aber. . .
. . . aber dazu kamen beispielsweise die Schwächen der Spanier auf den Seitenpositionen. Ausserdem haben sie es im ganzen Match nie geschafft, ihren Kopf wieder hochzubringen. Generell fehlte ihnen die Aggressivität vor den Toren. Es ist nicht normal, wenn Goalie de Gea der Einzige ist, der sich den italienischen Angriffen entgegenwirft.

Das musste er oft tun, die Italiener griffen teilweise hervorragend an. Haben Sie ihnen das zugetraut?
Dieser Match hat gezeigt, dass wir die Italiener nicht auf ihre defensiven Qualitäten ­reduzieren sollten. Sie haben stark an­gegriffen, sie haben hervor­ragend ­gekontert, sie haben sich viele Chancen erspielt. Es war ja nur de Gea, der die Spanier bis in die Nachspielzeit halbwegs am Leben gehalten hat. Italien hat sich den Einzug in den Viertelfinal gegen Deutschland nicht mit Tricks erspielt, sondern mit starkem Spiel verdient. Es war eine Demonstration des Zusammenhalts, der Taktik, des Kampfgeistes. Und darum sage ich: Ein Bravo an Italien!

Was bei den Italienern auch ­auf­gefallen ist: Sie brauchen nicht 7, 8 Spieler wie die Spanier, um sich dem gegnerischen Tor zu nähern. Ihnen genügen drei, vier, manchmal auch nur zwei.
Sie gewinnen in der Defensive den Ball und greifen danach sehr schnell an, das machen sie aussergewöhnlich gut. Es ist für mich aber keine Überraschung, dass sie gegen die nicht sehr spielstarken Schweden in der Gruppenphase Mühe hatten. Sie tun sich einfacher gegen Mannschaften wie Belgien, Spanien oder vielleicht nun auch Deutschland, weil diese Teams den Ballbesitz pflegen und mit hoher spielerischer Qualität ­angreifen wollen.

Dann können wir uns also auf einen unterhaltsamen Viertelfinal zwischen Italien und Deutschland freuen?
Das werden wir sehen. Ganz sicher wird es ein sehr schöner Vergleich der ­Spielstile, die unterschiedlicher nicht sein könnten. Ich glaube jedoch, dass Deutschland eine ganz andere Entschlossenheit im Offensivspiel mitbringt als die Spanier, die schwach und ohne Über­zeugung angriffen, sich viele Fehler im Aufbau leisteten und ebenso in der Abstimmung zwischen den Positionen.

Haben wir mit dem Achtelfinal-Aus der Spanier endgültig das Ende einer grossen Ära gesehen, zumal sich die Mannschaft schon in Brasilien vor zwei Jahren früh verabschiedet hat?
Ich bin den Spaniern dankbar für die Zeit, die sie uns geschenkt haben. Sie ­haben die grossen Turniere von 2008 bis 2012 mit wunderbarem und einzig­artigem Spiel geprägt. Ich hatte ­geglaubt, dass sie an dieser Euro im grossen Stil zurückkehren, sie haben in der Gruppenphase auch einen guten Eindruck hinterlassen und waren voller Energie. Jetzt sehen wir: Sie haben ihr Niveau nicht halten können.

Wieso?
Ich weiss es nicht. Ich weiss nicht, was sich in den Köpfen der Spieler abgespielt hat. Was in der Gruppe vorgegangen ist.

Jetzt bleiben nach dem Viertelfinal also Deutsche oder Italiener, ­möglicherweise die Belgier sowie Portugal oder Polen. Und vielleicht Frankreich. Was trauen Sie Ihrem Land zu?
Sie hatten bis jetzt keine Gegner von grösstem Format zu besiegen, nun ­werden wir sehen, wie sie mit den überraschenden Isländern zurechtkommen. Ob wir nach diesem Spiel dann mehr wissen über die Qualitäten der Franzosen? Grundsätzlich halte ich fest, dass wir schon einmal glücklich damit sind, unter den letzten acht Mannschaften zu sein an dieser Europameisterschaft, da andere grosse Teams wie Kroatien, ­Spanien und England aus­geschieden sind.

Atlético-Stürmer Antoine Griezmann hat Frankreich dahingeführt.
Ja, für den letzten Match mit seinen beiden Toren gegen Irland (vom 0:1 zum 2:1) stimmt das. Er war sehr, sehr gut, und das ist sehr positiv für Frankreich. Griezmann hatte zu Turnierbeginn ­einige Schwierigkeiten – auch weil der Druck auf seinen Schultern enorm gross war. Der Match gegen Irland war für ihn wegweisend, er hat ihn genutzt, um ins Turnier zurückzukehren.

Hängt das Glück der Franzosen wesentlich von Griezmann ab?
Er ist ein herausragender Stürmer, einer, den wir für sein Spiel vor dem gegnerischen Tor bewundern können. Er hat ein einmaliges Ballgefühl, er schenkt dem Auftritt Frankreichs Tempo. Ja, er ist für die Mannschaft enorm wichtig.

Trainer Deschamps hat gegen Irland in der Pause umgestellt, Griezmann von der Seite abgezogen und als zweite Spitze neben Giroud spielen lassen, danach hat er auch die Tore erzielt.
Griezmann und Giroud haben nach der Pause ähnlich gespielt und ähnlich gut harmoniert wie bei den Italienern Pellè und Eder im Spanien-Match. Die Ableger von Giroud auf Griezmann führten zu ­einigen gefährlichen Situationen.

Wird Frankreich auch im Viertel­final mit zwei Spitzen angreifen sowie mit Payet links und Coman rechts, weil das so viel besser funktioniert hat?
Payet, Giroud, Griezmann, die drei ­werden es sicher sein – die Frage ist ­allerdings, auf welchen Positionen. Ob Des­champs künftig von Beginn weg mit ­Coman spielen lässt, hängt wohl vom Gegner ab. Comans Einsatz führt dazu, dass das defensive Mittelfeld nur einfach besetzt ist. Weil der nächste Gegner nun Island und nicht England heisst, ist es denkbar, dass sich Deschamps für diese Variante und ­dadurch für vier Offensivspieler entscheidet. Frankreich ist keine perfekte Mannschaft. Aber die Offensive ist stark, sie hat viel Potenzial.

Sie haben vorher vom Druck gesprochen, den Griezmann spürt. Die Erwartungen sind auch bei Paul Pogba hoch. Und er hat sie bislang noch nicht erfüllen können.
Ich finde, dass er zu Beginn des Turniers mehr Probleme hatte und dass es nun besser geht. Und doch fehlt ihm die ­Befreiung noch, die Griezmann gelungen ist. Pogba ist jung, erst 23. Er hat viel ­Talent, aber bislang war es schwierig für ihn, seine Position zu finden im Mittelfeld. Links ist Matuidi, der seine Aufgabe gut löst, rechts fühlt sich Pogba nicht sehr wohl. Er muss es schaffen, die ­Lücke in der Mitte zu füllen, eine gute Verbindung zwischen der Abwehr und dem Sturm zu sein.

Gegen Island fallen Innen­verteidiger Rami sowie im defensiven ­Mittelfeld Kanté ­gesperrt aus. Frankreichs Probleme könnten deshalb in der Defensive liegen, da hat die Mannschaft wiederholt einen verletzlichen Eindruck ­gemacht.
Im Moment macht es den Anschein, dass es so sein könnte. Die Abwehr hatte ihre Momente der Unsicherheit, im Match gegen Irland haben wir die ­besonders gut gesehen. Und es ist klar: Die grossen Mannschaften mit den besten Angreifern dieses Turniers werden die Standfestigkeit der Franzosen mit besonderer Absicht prüfen wollen, weil sie Schwächen ausgemacht haben. Ich finde, dass Koscielny (der Verteidiger von Arsenal) eine gute Euro spielt und Lloris (Tottenham) ein starker Goalie ist. Aber ja: Es gibt kleine Schwachpunkte in dieser ­Abwehr. Weil wir bisher noch nicht auf die ganz grossen Gegner gestossen sind, hat uns das Angriffsspiel retten können. Gegen Mannschaften wie vielleicht Deutschland und Italien, die im Halb­final auf Frankreich treffen könnten, muss dann für einen Triumph alles stimmen.

Die Tableaus sind etwas ungleich. Italien, Deutschland, Frankreich und Island auf der einen, Portugal, Polen, Belgien und Wales auf der anderen Seite.
Ja. Aber auch Portugal, Belgien und die Polen sind interessante Mannschaften. Die Belgier hatten Mühe, ins Turnier ­hineinzukommen und verloren zum Auftakt gegen super gut verteidigende Italiener. Auch sie müssen lernen, mit dem Druck zurechtzukommen, da sie zu den Favoriten gezählt werden. Nun scheinen sie ihre Köpfe und Beine mit der Qualifikation für den Achtelfinal und da mit dem 4:0 gegen Ungarn ­befreit zu haben. Das war ein starker Auftritt mit einem exzellenten Eden ­Hazard. Aber eben: Wir haben genug Mannschaften gesehen, die auf ein grosses Spiel einen Tag hatten, an dem gar nichts mehr ging. Wer bis zum Ende kommen will, darf sich nur noch grosse Spiele leisten.

Es ist schwierig, Europameister zu werden, das wissen Sie ja.
Aber klar. Der Weg ist lang. Und es ist kein Sprint. Es ist ein Marathon.

Diese Inhalte sind für unsere Abonnenten. Sie haben noch keinen Zugang?

Erhalten Sie unlimitierten Zugriff auf alle Inhalte:

  • Exklusive Hintergrundreportagen
  • Regionale News und Berichte
  • Tolle Angebote für Kultur- und Freizeitangebote

Abonnieren Sie jetzt