Der tiefe Fall des Mario Götze

Die EM hat ihren ersten grossen Verlierer. Einen abgestürzten Weltmeister, der in Frankreich eigentlich zurück auf die grosse Bühne wollte.

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Thomas Niggl@tagesanzeiger

Vor zwei Jahren war Mario Götze an der Weltmeisterschaft in Brasilien noch ein gefeierter Mann. Er hatte, von Teamchef Jogi Löw als Joker eingewechselt, Deutschland im Endspiel gegen Argentinien mit seinem goldenen Tor zum 1:0-Sieg den Titel beschert. Doch seither ging es mit dem Star von Bayern München fast nur noch bergab.

Unter Pep Guardiola, der in der kommenden Saison Manchester City trainiert, stürzte Götze förmlich ab und fand sich fast nur noch auf der Ersatzbank wieder. Und auch nach einem Gespräch mit dem neuen Coach Carlo Ancelotti scheinen seine Chancen in München nicht gestiegen zu sein. Von einer Stammplatzgarantie ganz zu schweigen.

Bayerns grosse Verwunderung über Götze

Trotzdem beteuerte Götze zuletzt in den Medien, er wolle kämpfen und seinen Vertrag bis 2017 erfüllen, was bei Bayerns Vorstandsvorsitzendem Karl-Heinz Rummenigge allerdings einige Verwunderung auslöste. «Mario wurde alles klar und seriös kundgetan», sagte er gegenüber dem «Kicker». Götze wisse Bescheid, wie der Club denke. «Und er weiss, wie der künftige Trainer denkt. Aber am Ende des Tages muss Mario das für sich bewerten», fuhr Rummenigge fort.

Klare Ansagen, die nur einen Schluss zulassen: Der deutsche Rekordmeister möchte Götze lieber heute als morgen loswerden und für den Grossverdiener, für den der Club vor drei Jahren 37,5 Millionen an Dortmund überwiesen hatte, zumindest noch eine Ablösesumme einstreichen.

Wer will diesen Götze überhaupt noch haben?

Allerdings stellt sich nach den beiden ersten Gruppenspielen der Deutschen an der EM die Frage, wer diesen Götze denn überhaupt noch haben will. Borussia Dortmund plant die neue Saison auf Hochtouren und tätigte schon sechs neue Transfers. Auch Götzes Entdecker Jürgen Klopp, der Liverpool coacht, sendete bisher keine klaren Signale aus, dass er Götze partout in die Premier League zu holen gedenke.

Vor dem ersten Gruppenspiel an der EM meinte die «Süddeutsche Zeitung», Götze suche den Weg zurück auf die grosse Bühne. Bundestrainer Jogi Löw wollte ihm dabei offensichtlich behilflich sein und beorderte Mario Götze für Mario Gomez in die Startelf. Doch nach dem 2:0-Sieg gegen die Ukraine und dem 0:0 gegen die Polen ist bereits die erste grosse Ernüchterung eingekehrt. Götze erhielt auf der grossen Bühne in den Medien keine guten Zensuren. Das Millionenblatt «Bild» fuhr nach dem Spiel gegen die Ukraine mit der Schlagzeile auf: 2 x Note 1 – aber nur eine 5 für Götze, was in der Notenskala schwach bedeutet.

Vernichtende Kommentare

In der Tat: Götze war gegen die Ukraine zwar bemüht, aber mehr nun wirklich nicht. Götze habe zwar viel Engagement gezeigt, urteilte die «Frankfurter Allgemeine». Aber er sei weit davon entfernt gewesen, eine Bedrohung für das ukrainische Tor dargestellt zu haben. Die Deutschen seien ohne Aura und Überzeugungskraft wie eine schmalbrüstige Sparversion des Weltmeisters dahergekommen. Und in dieser mässigen deutschen Mannschaft fiel Götze zeitweise auch noch ab. Ironie der Geschichte: Bastian Schweinsteiger, der gegen die Ukraine für Mario Götze eingewechselt wurde, schoss erst noch das alles entscheidende 2:0.

Auch nach dem Spiel gegen die Polen reissen die bissigen Kommentare zu Götze nicht ab. Deutschlands grösste Regionalzeitung WAZ wartet in einem Kommentar mit der Schlagzeile auf: «Götze war beim FC Bayern nicht grundlos Ersatzmann.» Götze reisse keine Lücken und kriege keinen Doppelpass hin. Er habe gegen Polen gezeigt, dass er fehlt am Platz sei, heisst es in dem vernichtenden Kommentar weiter.

Kopfschütteln ob der Auswechslung

Nach einer Stunde seien aus der Fankurve bereits die ersten Rufe nach Mario Gomez gekommen, berichtet die «Süddeutsche Zeitung» und erwähnt süffisant, dass die Rufe ein Kompliment für Gomez, aber eher nicht für Götze gewesen seien. Auch in den kleinen Räumen habe Götze wenig Wirkung gezeigt, womit er seine Bestimmung als falsche Neun weitgehend verfehlt habe. Nach 66 Minuten sei Götze dann kopfschüttelnd zur Auswechslung geschritten.

In der Tat: Götze war ob seiner Auswechslung nicht erfreut und unterstrich das mit einem Kopfschütteln, was Bundestrainer Jogi Löw seinerseits überhaupt nicht goutieren dürfte. Gut möglich, dass das für Götze der letzte Auftritt auf der grossen Bühne gewesen ist. Oder: der Tiefe Fall des Mario Götze.

DerBund.ch/Newsnet

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