«Da tun Sie den Portugiesen aber weh»

Der frühere Bundesliga-Meistertrainer Thomas Schaaf spricht im Interview über den EM-Final, Joachim Löw und Haris Seferovic.

Als Spieler und Trainer Meister mit Bremen: Thomas Schaaf.

Als Spieler und Trainer Meister mit Bremen: Thomas Schaaf.

(Bild: Keystone)

Ueli Kägi@ukaegi

Thomas Schaaf, wir brauchen noch jemanden, dem wir für das wiederholte Aus der Schweiz im Achtelfinal die Schuld geben können und haben dabei an Sie gedacht.
Dann lassen Sie mal los…

Wenn Sie damals als Frankfurt-Trainer Haris Seferovic das Toreschiessen richtig beigebracht hätten in der Saison 2014/15, stünde jetzt die Schweiz im Final und nicht Portugal.
Da muss ich Ihnen ein Stück weit widersprechen. In meiner Mannschaft hat Haris dafür gesorgt, dass einer seiner Teamkollegen Bundesliga-Torschützenkönig wird (2014/15 war Alexander Meier mit 19 Treffern bester Torschütze der Liga vor Bayern-Angreifer Robert Lewandowski). Er ist also einer, der auch Tore vorbereitet, es hat ihm bei der Schweiz nur der Vollstrecker gefehlt. Aber ja: Schade ist, dass er auch zu vielen Chancen gekommen ist, diese Chancen aber nicht verwerten konnte.

Was macht ein Trainer, wenn der Stürmer das Tor nicht mehr trifft?
Er versucht ihm das Selbstvertrauen zu geben, weil ein Spieler das Toreschiessen nicht einfach verlernt. Dass einer plötzlich nicht mehr trifft, gibt es immer wieder - schauen Sie sich nur Thomas Müller bei den Deutschen an. Ich muss solchen Spielern im Training möglichst viele Abschlussmöglichkeiten bieten, damit sie ihre Stärken wieder finden, damit sie ihre Qualitäten langsam wieder aufbauen können.

Bei Müller ist das nicht gelungen. Steht Deutschland auch deshalb nicht im Final?
Es ist mir zu einfach, das Ausscheiden Deutschlands mit Müllers fehlenden Toren oder den fehlenden Treffern eines Mittelstürmers zu erklären. Wir haben bei den Deutschen zwar nicht den absoluten Goalgetter gesehen wie es Griezmann für Frankreich gewesen ist. Aber: Auch Griezmann ist keine klassiche Spitze, er ist nicht Giroud, er ist beweglicher und stösst aus dem Rückraum nach vorne.

Er ist ein Torschütze, wie er Deutschland gefehlt hat.
Wenn ich mir das Spiel der Deutschen in der Gruppenphase gegen Nordirland noch einmal vor Augen führe, wie viele Chancen die Mannschaft da hatte - der Match hätte locker mit fünf, sechs Toren zu Ende gehen können. So viele Möglichkeiten herauszuspielen ist schon einmal etwas enorm Positives. Die Mannschaft hat es aber nicht geschafft, die Trefferquote hochzutreiben, einen Lauf zu entwickeln - und dazu gehört manchmal auch Glück, so abgedroschen das nun klingen mag.

Soll Joachim Löw Bundestrainer bleiben?
Ja, auf jeden Fall. Er hat tolle Jahre hingelegt und eine starke Mannschaft entwickelt, die ausserordentlich guten Fussball spielt. Der Match gegen Frankreich war ausgezeichnet - vielleicht nicht für den deutschen Fan, aber natürlich für die Franzosen und die neutralen Zuschauer, mit vielen Zweikämpfen, Strafraumszenen, Tempowechseln.

Jetzt stehen Portugal und Frankreich im Final, das ist bei der ersten Mannschaft überraschender als bei der zweiten.
Aufgrund der Leistungen in der Vorrunde hätte ich die Portugiesen nicht im Endspiel erwartet, sie haben sich aber im Verlauf des Turniers gesteigert. Wir wissen auch, dass sie über grossartige Fussballer verfügen, wir finden sie auch überall in den grossen Clubs Europas. Trotz ihres hohen individuellen Potenzials haben sie sich in der Vergangenheit aber auch immer wieder selber ein Bein gestellt.

Darf Portugal auf Ronaldo reduziert werden?
Das wäre falsch. Nani (zuletzt bei Fenerbahce, wechselt nun zu Valencia) hat einen guten Halbfinal gespielt, Joao Mario (Sporting Lissabon) auch. Linksverteidiger Guerreiro wechselt im Sommer nach Dortmund. Das Mittelfeld hat Qualität mit André Gomes (Sevilla), auch mit Carvalho (1. FC Köln) oder Danilo (Porto) und vor allem mit Sanches (wechselt für mindestens 35 Millionen Euro zu Bayern). Ausserdem verfügt die Mannschaft über Alternativen auf der Bank, im Halbfinal musste sie im Abwehrzentrum Pepe (Real Madrid) ersetzen. Aber klar: Vorne ist Ronaldo, eine besondere Persönlichkeit, ein besonderer Spieler. Wie er in der Luft gestanden ist vor dem 1:0 gegen Wales im Halbfinal, das war schon stark. Er sticht hervor.

Trotzdem bleibt der Eindruck: Portugal hat sich irgendwie durch die Gruppenphase gemogelt und steht jetzt im Final, ohne dass es einen besonders konstruktiven Fussball gespielt hat.
Da tun Sie den Portugiesen aber weh. Die Mannschaft versucht schon, ein Spiel aufzubauen. Sie probiert, einen technischen Fussball zu spielen. Aber natürlich wirft diese EM Fragen auf, die man beantworten muss und die in die Richtung gehen, wie viele Spiele die besten Fussballer Europas pro Jahr machen können, in wie vielen sie glänzen können. Es gibt Profis, die haben 60 Pflichtspiele absolviert und sollen dann am Ende noch frisch sein für die Europameisterschaft, weil so ein Turnier immer auch ein Highlight sein soll. Doch wie ist das zu schaffen? Es bleibt auf dem Weg bis dahin eine Menge Kraft hängen.

Das heisst, dass Sie sich als Mitglied der technischen Kommission kritisch mit der Frage befassen, was den Spielern noch zumutbar ist?
Ich bin der Ansicht, dass wir alle Punkte beleuchten und uns allen Fragen stellen müssen: Wie sieht es aus mit dem Modus, mit der Anzahl Partien, mit der Anzahl Teilnehmern, mit allen positiven und weniger guten Seiten des Turniers? Es ist ja auch nicht so, dass wir nur schlechten Fussball gesehen haben. Die Ungarn spielten sehr anständig, die Isländer schafften es bis in den Viertelfinal. Das Problem dieses Turniers war also nicht zwingend die Qualität der Mannschaften.

Vor der WM 2014 wurde auch nicht weniger gespielt, und trotzdem bot das Turnier damals hervorragenden Fussball.
Ja, das ist so. Deshalb sage ich: Lasst uns alle Eindrücke sammeln und nicht von vornherein Schlüsse ziehen, die gar nicht richtig sind. Es geht darum, die Pros und Contras abzuwägen und zu schauen, ob sich die Schwierigkeiten tatsächlich genau definieren lassen.

Hat diese EM auch verdeutlicht, wie viel ein guter Trainer aus einer durchschnittlichen Mannschaft herausholen kann wie die Beispiele Island oder Wales zeigten?
Es gehört alles dazu, sicher auch der Trainer, der es versteht, das optimale aus seinem Personal herauszuholen und auf beste Weise durchs Turnier zu kommen. Das ist immer auch verbunden mit den Fragen, welche Qualitäten die Spieler mitbringen, wie sie ideal zusammenpassen, aber eben auch, wie frisch sie noch sind.

Das führt zum Schluss, dass der isländische Trainer Lars Lagerbäck viel besser gearbeitet hat als Marc Wilmots, der mit den von Stars gespickten Belgiern den Viertelfinal nicht überstanden hat.
Diese Sicht ist mir zu oberflächlich, ich will genauer dahinterschauen und frage deshalb: Wie viele Spieler der Belgier haben in der Champions League mitgemacht, wie viele bei den Isländern? Wie viele Belgier haben sich vielleicht auch angeschlagen durch Partien mit ihren Clubs gekämpft? Da sind schon Unterschiede zwischen diesen beiden Teams feststellbar.

Am Ende gilt: Isländer und Waliser haben uns mit ihrer Leidenschaft und ihrem Teamwork begeistert, im Final stehen dann aber doch die Mannschaften, die von den herausragenden Individualisten fast im Alleingang in den Final geführt worden sind. Portugal mit Ronaldo, Frankreich mit Griezmann.
Das wollen wir doch auch! Wir wollen die Schlagzeilen, die Individualisten, die für die besonderen Momente stehen.

Welchen Final haben Sie vor Turnierbeginn prognostiziert?
Ich habe sehr stark mit den Franzosen und den Deutschen gerechnet, der Halbfinal zwischen den beiden Mannschaften wäre auch ein schönes Endspiel gewesen. Jetzt sind die Franzosen mit dem Heimvorteil und den starken Individualisten sicher Favorit.

Das passt den Portugiesen sicher gut, dann können Sie wie bis anhin als Aussenseiter weiter gewinnen. Genau.

DerBund.ch/Newsnet

Diese Inhalte sind für unsere Abonnenten. Sie haben noch keinen Zugang?

Erhalten Sie unlimitierten Zugriff auf alle Inhalte:

  • Exklusive Hintergrundreportagen
  • Regionale News und Berichte
  • Tolle Angebote für Kultur- und Freizeitangebote

Abonnieren Sie jetzt