Einmal im Geld schwimmen kann auch schon glücklich machen

Das Stapferhaus Lenzburg spiegelt in einer Ausstellung die funkelnden Aspekte des Zahlungsmittels.

Ach, einmal Dagobert Duck sein! Ein Bad im Geld im Stapferhaus. Foto: Anita Affentranger

Ach, einmal Dagobert Duck sein! Ein Bad im Geld im Stapferhaus. Foto: Anita Affentranger

Ulrike Hark@tagesanzeiger

Alles ringsum glänzt. Da sitzt man in einem Haufen Geld, lässt die blitzenden Münzen durch die Finger gleiten und denkt sich wunderbar obszöne Dinge aus – eine frei stehende Villa mit viel Land etwa –, während der Sprecher aus dem Off suggestiv etwas von «Glück und Erfolg», «Macht und Liebesbeweis» raunt. Millionen von 5-Rappen-Münzen haben die Ausstellungsmacher in die Schatzhöhle geschüttet, in einen grossen, schwarzen Raum mit Spiegeln an den Wänden und kleinen Lichtspots an der Decke – 200'000 Franken aus dem Stiftungsgeld des Stapferhauses.

Es ist ein archaisches, fast naives Vergnügen, dort zu sitzen und mit den Münzen zu spielen wie der Drache Smaug in Tolkiens «Der kleine Hobbit». Aber es zeigt bereits die ganz Diabolik, die von diesen kleinen Metallstücken ausgeht. Obwohl Geld eigentlich neutral ist, spiegeln sich darin Gut und Böse – je nachdem, ob es Zweck oder Mittel ist und welche Haltung wir dazu einnehmen. Die Ausstellung nennt sich denn auch «Geld. Jenseits von Gut und Böse», und wir befinden uns gerade im «Jenseits», dem Raum der Gier. Während draussen in der Realität unendliche Geldströme um die Erde kreisen und Transaktionen getätigt werden, die kaum noch jemand versteht, Devisen manipuliert werden und Kinder meinen, das Geld komme durch eine magische Handbewegung aus dem Automaten und nicht durch die Arbeitsleistung aufs Konto.

Es gelingt der Ausstellung, das riesige Thema und den unfassbaren Begriff Geld dingfest zu machen. Wer Fakten liebt – Schulkinder werden sich mit ­ihren ­Lehrern daran abarbeiten können –, findet in einem einer Kirche nachempfundenen Raum (lies: Geld ist Glaubens­sache) komplexe Grafiken zur Handelsbilanz der Schweiz und zur unglaublichen Reichtumsvermehrung einiger weniger. 1981 besass ein Prozent der Steuerpflichtigen hierzulande 5,35 Millionen Franken – im Jahr 2010 waren es bereits 11,57 Millionen. Anschaulich wird auch das sich bestens entwickelnde BIP, der omnipräsente Massstab für das wirtschaftliche Wachstum. Über Glück und Zufriedenheit sagt dieser Indikator indes nichts aus, so macht die Ausstellung klar. Würde jemand das Zürcher Rathaus abfackeln, würde dies als langfristige Folge das Bruttoinlandprodukt durch einen Neubau zynischerweise steigern, aber sicher nicht die Zufriedenheit der Stadtbewohner mehren.

Kirche und Geisterbahn

Die Frage nach dem Preis des Wachstums wird in der Schau mehrmals gestellt, am Eingang unterhalten sich einstige Geistesgrössen wie Sokrates, Aristoteles, Cicero oder Luther in paraphrasierten Dialogen über die Macht des Geldes und den richtigen Umgang mit Wertschöpfung. Die Meinungen waren bereits damals höchst unterschiedlich, und auch heute sind sich die «Weisen» uneins, wie eine Videodiskussion im ersten Stock zeigt. Kann das Wachstum ewig so weitergehen? Und zu welchem Preis? Was kommt danach? Die entsolidarisierte Gesellschaft oder das Grundeinkommen für alle?

Der Mensch will seinen eigenen Nutzen maximieren, aber er ist auch neugierig, irrational und manchmal sogar selbstlos. Wo führt das alles hin? Eine leicht gespenstische Atmosphäre liegt über dem Thema, und es passt, dass die Ausstellung zwischen sakraler Szenografie und nobler Geisterbahn angesiedelt ist. Nur sind die Vorhänge hier golden, und wo sonst der Totenkopf hinter der Ecke lauert, blitzt im labyrinthischen Zeughaus die Versuchung auf und wispert «haben, haben!». Das teuflische Paradies haben wir gerade auf Schlangenlinien durchschritten – ein riesiges, begehbares Pop-up-Gebilde, wo sich aus Bergen goldene Lavaströme ergiessen und Esel Dukaten kacken. Ein bisschen pappnasig und simpel ist diese Szene vielleicht, aber die Schau richtet sich ­explizit auch an Leute, die morgens bei der Zeitungslektüre als Erstes den Wirtschaftsteil entsorgen.

An interaktiven Stationen, die Bancomaten nachempfunden sind, kann man mehr erfahren über das eigene Verhalten zum Geld, und in einem speziellen Raum wird einem deutlich, in welch absurdem Verhältnis Preis und Wert mitunter stehen. Neben dem Schaukasten mit einem Château Latour für 455 Franken steht ein anderer mit einem winzigen, unscheinbaren Stein. Es ist der Talisman einer Frau, sie hat ihn auf einer ihrer Reisen gefunden, verbindet zauberhafte Erinnerungen damit und benutzt ihn nun innerhalb ihrer Familie als wandernden Glücksbringer, wenn jemand auf Reisen geht. Vermutlich ist dieses nach monetären Gesichtspunkten wertlose Ding das wertvollste Stück der Ausstellung. Alles andere könnte man wiederbeschaffen, nicht aber diesen Stein.

Was darfs denn kosten?

Vor dem Ausgang wird man dann gewissermassen auf die Metaebene des Themas gehoben. Man wird zur Kasse gebeten und auf einer Hinweistafel gefragt: «Wie viel ist Ihnen die Ausstellung nach dem Rundgang wert? Sie können frei entscheiden.» Drei Fragen, denkt man bei sich, dürften dafür wohl relevant sein: Hat mir die Ausstellung gefallen? Ja, sehr. Was kosten vergleichbare Anlässe, beispielsweise ein Eintritt im Zoo? Etwa 20 Franken. Und wie steht es zurzeit mit der persönlichen Finanzkraft? Könnte schlechter sein. Also gebe ich 25 Franken. Die inoffizielle Erwartung der Ausstellungsmacher lag tiefer – nämlich bei 19 Franken.

Bis 29. 11. 2015, im Zeughaus des Stapferhauses Lenzburg. www.stapferhaus.ch

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