Eine Stadt will wach geküsst werden

Die Kunstbiennale Manifesta, die vor zwei Jahren ihre Zelte in Zürich aufschlug, feiert jetzt das weltoffene Palermo und zeigt Wege auf zur Stadtreparatur. 

Patricia Kaersenhout erinnert mit «Soul of Salt» im Palazzo Forcella de Seta an die Geschichte afrikanischer Sklaven. Foto: Wolfgang Träger

Patricia Kaersenhout erinnert mit «Soul of Salt» im Palazzo Forcella de Seta an die Geschichte afrikanischer Sklaven. Foto: Wolfgang Träger

Christoph Heim

Rein und weiss und geradezu unnahbar wirkt der Salzberg, den die holländische Künstlerin Patricia Kaersenhout im grössten Saal des Palazzo Forcella de Seta aufgeschüttet hat. Das Salz ist zum Mitnehmen. Besucher können sich einen Schöpflöffel voll in eine der bereit liegenden Plastiktüten schütten.

Mit diesem symbolischen Akt soll an die Sklaven in der Karibik erinnert werden, die auf das Salzen ihrer Speisen verzichteten. Sie hofften, sie verlören auf diese Weise Gewicht und könnten leichter zurückfliegen nach Afrika («Flying Africans»). Die Hoffnung, so lässt sich mit einem an der Flüchtlingspolitik der Gegenwart geschulten Zynismus wohl sagen, starb auch schon damals zuletzt.

Verlassene Palazzi und Kirchen

«The Soul of Salt» gehört zu den Hauptwerken einer Ausstellung, die ihre ­Fühler in die ganze, inzwischen wohl 700’000 Einwohner zählende sizilianische Metropole Palermo ausstreckt. Die Schau findet fast ausschliesslich in längst verlassenen, halb zerfallenen Palazzi und Kirchen statt. Sie steht unter dem Stern der von Amsterdam aus dirigierten Wanderbiennale Manifesta, die sich im Zweijahresrhythmus jeweils eine andere Stadt aussucht, auf die sie sich künstlerisch einlassen will.

Vor zwei Jahren schickte die Manifesta den Künstler-Kurator Christian Jankowski nach Zürich und organisierte eine riesige, über die ganze Stadt wuchernde Ausstellung, die aber irgendwie nichtssagend blieb. In Palermo aber trifft die Ausstellung, die in enger Zusammenarbeit mit Künstlern der Stadt entstanden ist, nun mitten ins Herz einer baulich vernachlässigten, jahrzehntelang von der Mafia unterjochten Stadt.

Im arabischen Quartier

Small is beautiful: In der Be­schrän­kung liegt eine der grossen Stärken dieser Biennale: ­Etwas mehr als vierzig Künstler aus aller Welt wurden von einem Kuratorenteam engagiert, dem Bregtje van der Haak, Andrés ­Jaque, Ippolito Pestellini Lapa­relli und Mirjam Varadinis, ­Kuratorin am Kunsthaus Zürich, angehören.

Die meisten von der Manifesta bespielten Kunstorte befinden sich im ehemals arabischen Quartier Kala. Es wurde als Teil der mittelalterlichen Stadtmauer erbaut und ist nun schon seit Jahrzehnten verwaist. Der Putz blättert von den Wänden. Die ­Stuckaturen liegen teilweise am Boden. Und die Wände des Saals, wo sich ­Kaersenhouts Salzberg befindet, sind über und über mit umwerfend schönen blau-rot-grünen Mosaiken ­bedeckt, die allerdings auch dringend einer Renovierung ­bedürften.

Die Ornamente gehören zu den architektonischen Schätzen, die man in Palermo dem normannisch-arabisch-byzantinischen Baustil zurechnet, wie er nach der Eroberung der Insel durch die Normannen im elften Jahrhundert entstand. In ­diesem auf das Mittelalter ­zurückgehenden Stilsynkretismus zeigt sich ein Grundmuster palermischer Geschichte: Sie lässt sich als Knotenpunkt von Migrationsströmen verstehen, die alle ihre kulturellen Spuren hinterliessen.

Mafia terrorisierte die Stadt

Heute zählt Palermo beachtliche Bevölkerungsgruppen aus China, Bangladesh, Sri Lanka, Somalia und Nigeria. Sie wohnen in den von der Mafia erbauten Vorstädten, die im Norden, im Westen und im Süden der Stadt aus dem Boden gestampft wurden. Wobei die Mafia sich nicht nur die lukrativen Bauaufträge unter den Nagel riss, sondern auch alle öffentlichen und privaten Beziehungen korrumpierte und die Stadt terrorisierte. Schnell mutierten die eiligst hochgezogenen Quartiere zu Wohnghettos, was wiederum ­soziale Probleme en masse produzierte.

Zum Beispiel in der Zona Espansione Nord, abgekürzt ZEN. Dieses Quartier hat sich zu einem völlig dystopischen Ort entwickelt – voller sozialer Spannungen und Gewalt. Hier hat der französische Gartenarchitekt Gilles Clément im Auftrag der Manifesta gemeinsam mit Anwohnern einen Garten errichtet, in dem sich die Bewohner ­treffen, den Garten pflegen und weiterentwickeln können.

Für Leoluca Orlando, den langjährigen Bürgermeister Palermos, steht der Kampf gegen die Mafia im Zentrum seiner Politik. Der literarisch gebildete Jurist hat die organisierte Kriminalität in jahrelanger geduldiger Arbeit zurückgedrängt, was ihm unter anderem auch durch die Stärkung von Kunst und ­Kultur gelungen ist.

Die Offenheit der Palermer wird zum programmatischen Vorbild für die Ausstellungsmacher.

Orlandos Haltung zur Migration zeichnet sich durch eine verblüffende Liberalität aus. In seinem Vorwort zum Ausstellungsführer der Manifesta schreibt er: «Hier in Palermo – das ist unsere unwiderrufliche Meinung – gibt es keine Migranten. Jene, die in der Stadt ankommen, sind Palermer. Die Deklaration ‹Ich bin eine Person›, die in der Charta von Palermo festge­hal­ten ist, anerkennt die internationale Mobilität als unverletzliches Menschenrecht.»

Orlando hat eine Vision für das Zusammenleben der Menschen in ­seiner Stadt entwickelt, die mit den kulturpolitischen ­Intentionen der Manifesta und ihres Kuratorenteams bestens zusammenpasst. Dieses entwickelte die Vision eines «Planetary Garden» als umfassende Metapher für die Integrationskraft dieser Stadt. Die Idee wurzelt nicht nur in einer «Veduta di Palermo» des italienischen Realisten Francesco Lojacono, sondern auch im ungemein artenreichen, leider etwas vernachlässigten botanischen Garten der Stadt.

Lojacono hat 1875 in seinem berühmten Gemälde einen Blick auf die Stadt geworfen. Sie war damals von der legendären Conca d’Oro (Goldenes Becken) umgeben, einem landwirtschaftlich genutzten Gebiet, das im 19. Jahrhundert voller Orangenhaine war und heute ein hässlicher Siedlungsbrei ist. Im Vordergrund des Gemäldes hielt der präzise nach der Natur malende Künstler lauter Bäume fest, die aus aller Welt nach Sizilien importiert wurden. Die Offenheit der Palermer für das Fremde und Andere, die sich vor fast 150 Jahre im Bereich der Pflanzen zeigte, wird für die Ausstellungsmacher zum programmatischen Vorbild.

Zucchetti als Migranten

Leone Contini aus Florenz hat im botanischen Garten eine Gartenanlage mit Zucchettipflanzen aus aller Welt zum Erblühen gebracht. Pflanzliche Samen seien per definitionem Migranten, die genetische Informationen von einem Ort zum andern transportierten, sagt Contini.

Konzeptionell lässt sich die verblüffend vielfältige und klug gemachte Manifesta in drei Bereiche aufteilen: Unter dem Titel «Out of Control Room» werden Werke gezeigt, mit denen Künstler Machtstruk­turen sichtbar machen, die sich der bürgerlichen Kontrolle erfolgreich entziehen. Der Salzberg gehört hier genauso dazu wie eine grossartige Filmarbeit der Oscarpreisträgerin Laura Poitras über eine Antennenstation für den US-amerikanischen Drohnenkrieg, mitten in einem Naturschutzgebiet in Sizilien.

Unter dem Titel «Garden of Flows» subsumieren sich zweitens Werke, die pflanzliche wie menschliche Migrationsströme thematisieren. Die dritte Gruppe firmiert unter dem Titel «City on Stage». Sie stellt die vernachlässigte Stadt ins Zentrum. So kann man während der ­Manifesta unter anderem den barocken Palazzo Costantino betreten, ein Architekturkunstwerk von Weltrang.

Der Palazzo befindet sich in einem ruinösen Zustand. Er ist eines von vielen Architekturdenkmälern Palermos, die von der Manifesta bespielt werden und erahnbar machen, welch gewaltige Möglichkeiten in den ­Altstadtgebäuden schlummern. Palermo kommt einem beim ­Besuch dieser Ausstellung vor wie ein Frosch, der endlich wach geküsst werden möchte. Wenn die Manifesta ein Mittel dazu ist, dann hat Leoluca Orlando erreicht, was er wollte.

Bis 4.11., manifesta.org

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