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Nachruf auf Erwin ReinhardtEine prägende Figur für den Medienplatz Bern

Erwin Reinhardt ist 91-jährig gestorben. Mit ihm verlieren der Berner Medienplatz und die Schweizer Wirtschaft eine bedeutende Persönlichkeit.

Erwin Reinhardt, hier am Swiss Press Award 2018, ist im Alter von 91 Jahren gestorben.
Erwin Reinhardt, hier am Swiss Press Award 2018, ist im Alter von 91 Jahren gestorben.
Foto: Alessandro della Valle (Keystone)

Wir trauern um Erwin Reinhardt-Scherz. Er ist am 14. Februar im hohen Alter von 91 Jahren im Burgerspittel Bern verstorben. In ihm verliert der Medienplatz Bern eine prägende Figur. Unsere Gedanken sind bei seiner Ehefrau Franziska Reinhardt-Scherz, die sich vergangene Woche in aller Stille von ihm verabschiedet hat. «Alles aber geschehe würdig und geordnet», war ihr gemeinsamer Leitspruch. Es ist die treffende Umschreibung dessen, was Erwin Reinhardt-Scherz zu Lebzeiten ausgezeichnet hat.

Er war ein Mann von ausgesuchter Höflichkeit und vornehmer Zurückhaltung. Dank täglicher Lektüre von «Berner Zeitung», «Bund», NZZ und «Tages-Anzeiger» war er bestens informiert und darüber hinaus exzellent vernetzt. Er hat sich konsequent im Hintergrund gehalten, obwohl er in der schweizerischen Wirtschaft eine bedeutende Rolle innehatte. Familiär mit der Papierindustrie verbunden, war er auf dem Platz Bern auch ein bedeutender Verleger – aber das wussten lange Zeit nur ganz wenige Eingeweihte.

Erst 1992 wurde durch eine Indiskretion öffentlich bekannt, dass Charles von Graffenried zwar als Verwaltungsratspräsident an der Spitze der erfolgreichen Espace Media Groupe stand, dass aber das Ehepaar Reinhardt-Scherz im Besitz der Mehrheit des Unternehmens war, das zunächst die «Berner Zeitung» und später auch den «Bund» herausgab. Es war, wie Erwin Reinhardt es nannte, eine «perfekte Rollenteilung».

Er wirkte in seinem langen Leben auch bei der Firma Sihl und Eika Papier, der Biber Holding, der Papierfabrik Utzenstorf, der Spar- und Leihkasse Bern, bei Valiant, der Rentenanstalt und den Jungfraubahnen, um nur ein paar seiner unternehmerischen Engagements zu nennen. Die Bühne überliess er jenen, denen er sein Vertrauen geschenkt hatte und die er in grosser Freiheit arbeiten liess.

Lange galt sein Bestreben der Unabhängigkeit der aus der «Berner Zeitung» hervorgegangenen Espace Media Groupe, die sich dank kluger Expansion innert drei Jahrzehnten zum führenden Medienhaus im Grossraum Bern entwickelt hatte. Als unternehmerisch denkender Mensch erkannte er mit Charles von Graffenried früh den Zeitpunkt, an dem diese Strategie vor dem Hintergrund des Medienwandels an ihre Grenzen stiess. Um die Zukunft des Unternehmens zu sichern und ihm weiterhin Wachstumsperspektiven zu eröffnen, stimmte er 2007 dem Verkauf der Espace Media Groupe an Tamedia zu.

Ich erinnere mich gut an unser entscheidendes Zusammentreffen im Neuschloss Worb, bei dem deutlich wurde, dass er seinen Entschluss nicht nur auf eine nüchterne Analyse der Möglichkeiten, sondern auch auf Vertrauen und seine grosse persönliche Erfahrung abstellte. Es bedeutet mir persönlich viel, dass er die damals getroffene Entscheidung auch im Rückblick als richtig beurteilte. Die in der Folge entstandene Freundschaft bleibt in schöner Erinnerung.

Der Medienbranche war Erwin Reinhardt-Scherz nicht nur als Grossaktionär unseres Unternehmens, sondern auch als Akteur weiterhin verbunden. Zwei Jahre nach der Einbringung von Espace Media in Tamedia gründete er zusammen mit seiner Ehefrau und dem Ehepaar Charles und Christine von Graffenried die Fondation Reinhardt von Graffenried. Diese grosszügig dotierte Stiftung vergibt jährlich die Swiss Press Awards, den einzigen in allen vier Sprachregionen verliehenen Medienpreis der Schweiz.

Als liberaler Geist betrachtete Erwin Reinhardt guten und unabhängigen Journalismus als Voraussetzung für eine freiheitliche Gesellschaft und ein demokratisches Gemeinwesen. Darin kann ich ihm nur zustimmen. Glaubwürdig und unabhängig blieb er selbst seinen Grundsätzen und Überzeugungen treu bis zu seinem Tod. Wir werden Erwin Reinhardt vermissen und ein ehrendes Andenken bewahren.

Pietro Supino ist Verleger des «Bund», Präsident der TX Group sowie Präsident des Verlegerverbands Schweizer Medien.