Zum Hauptinhalt springen

Obdachlos in Zeiten von CoronaEine Notschlafstelle auf 3000 Quadratmeter

Asylsuchende, Drogensüchtige, Wanderarbeiter: Die Lausanner Notschlafstelle Le Répit bietet Randständigen während der Pandemie besonderen Schutz.

In der Lausanner Notschlafstelle Le Répit stehen in jedem Schlafsaal zehn Betten. So können die Sicherheitsabstände eingehalten werden.
In der Lausanner Notschlafstelle Le Répit stehen in jedem Schlafsaal zehn Betten. So können die Sicherheitsabstände eingehalten werden.
Foto: Jean-Christophe Bott (Keystone)

Ein Mann kaut gedankenversunken sein Sandwich. Den Kopf hält er gesenkt, der Blick geht ins Leere. Er trägt einen minzgrünen ausgeleierten Trainer, wie man ihn aus den 80er-Jahren kennt. Dann und wann nimmt er einen Schluck Tee. Das Éclair, das er sich zum Dessert aufgespart hat, isst er mit einer Bedächtigkeit, als wollte er die Patisserie niemals ganz verzehren.

Der Mann ist eine von rund 60 Personen, die ihre Nächte derzeit in der Lausanner Notunterkunft Le Répit verbringen und da ein kostenloses Abendessen bekommen. «Répit» bedeutet «Erholung». Die Unterkunft wurde erst Anfang Dezember eröffnet – wegen der Pandemie. In den vier anderen Schlafstellen der Stadt Lausanne war es zu eng geworden. Die Schutzkonzepte gegen das Virus waren da schlicht nicht mehr einzuhalten. Also eröffnete die Stiftung Fondation Mère Sofia, die mit finanzieller Unterstützung der Stadt eine Gassenküche und Anlaufstellen betreibt, kurzerhand eine neue Notherberge.

Die Toiletten in der Notschlafstelle hat eine Firma aufgestellt, die normalerweise Musikfestivals beliefert.
Die Toiletten in der Notschlafstelle hat eine Firma aufgestellt, die normalerweise Musikfestivals beliefert.
Foto: Jean-Christophe Bott (Keystone)

Die maximal 140 Personen fassende Unterkunft Le Répit steht in einem 3000 Quadratmeter grossen Gebäude auf dem Messegelände Beaulieu. Der Name Beaulieu meint schöner Ort. Man kann das auch als zynisch empfinden. Denn die Messehalle ähnelt einer kahlen und kalten Industriebaute. Im riesigen Raum mit seinen kahlen Betonwänden kann man sich schnell verirren. Damit alle ihre Schlafräume, Duschen, WCs und Verpflegungsstelle finden, haben die Betreiber einen grossen, bunten Orientierungsplan entworfen. Es gibt Zonen für Männer und Frauen und einige wenige gemischte Schlafplätze, weil auch Paare hier leben.

In jedem Schlafsaal stehen 10 Pritschen. Die Schweizer Armee stellt Decken und Schlafsäcke zur Verfügung. Stellwände trennen die einzelnen Räume. An den Wänden sorgen bunte Stoffteppiche für einzelne farbliche Kontrapunkte. Die Sanitäranlagen stammen von einer Firma, die normalerweise für Musikfestivals tätig ist. Wer in die Unterkunft will und Corona-Symptome verspürt, wird durch einen Nebeneingang in einen Container geführt. Jede Nacht ist eine Krankenschwester vor Ort. Sie kümmert sich um Betroffene und organisiert einen Test. Bislang gab es im Répit zwar Verdachtsfälle, aber keinen einzigen positiven Befund.

Immer jemanden zum Reden

Die Nüchternheit des Orts ist dem Mann, der genüsslich sein Éclair verspeist, egal. Hier fühle er sich wohl, betont er. Viel wohler als in der Asylunterkunft in der Vorortgemeinde Ecublens, wo er normalerweise lebt. Es gebe gutes Essen, es sei ruhig, und er habe immer jemanden zum Reden, sagt der Algerier. Das sieht der Mann am Nebentisch genauso. Hier sei alles ordentlich und sauber. Er sei Pole und in der Schweiz auf der Suche nach Gelegenheitsjobs, erzählt der Mann. Im Le Répit habe er einen für ihn reservierten Schlafplatz und könne sogar mit seiner Frau reden, weil es hier Internetzugang gebe.

«Wer in die Notschlafstelle kommt, muss sich nicht anmelden, nicht zahlen, ja nicht einmal seinen Namen nennen», sagt Yan Desarzens, Direktor der Stiftung Mère Sofia.
«Wer in die Notschlafstelle kommt, muss sich nicht anmelden, nicht zahlen, ja nicht einmal seinen Namen nennen», sagt Yan Desarzens, Direktor der Stiftung Mère Sofia.
Foto: Jean-Christophe Bott (Keystone)

Sich seinen Schlafplatz während Tagen reservieren, kann man in Lausanner Notschlafstellen eigentlich nicht. Wer einen Schlafplatz will, muss sich tagsüber beim städtischen Büro für Notunterkünfte anmelden und 5 Franken zahlen. Doch während der Pandemie ist alles ein wenig anders. Den schon in normalen Zeiten verletzlichen Personen will niemand zusätzliche Probleme bereiten. Letzte Schwellen wurden beseitigt. «Wer ins Répit kommt, muss sich weder anmelden noch zahlen, ja nicht einmal seinen Namen nennen», sagt Yan Desarzens, Sozialarbeiter und Direktor der Stiftung Mère Sofia. Die meisten würden aber von selbst über ihr Leben und ihre Probleme reden, weiss Yan Desarzens. Das gelte auch für Drogensüchtige, die im «Répit» ebenfalls anzutreffen sind und einen speziellen Container haben, wo sie ihre Substanzen konsumieren können.

«Man muss die richtige Balance finden, Vertrauen schaffen, aber auch die professionelle Distanz bewahren.»

Laura, Jus-Studentin und freiwillige Helferin in der Notschlafstelle

Am Empfang bei der Eingangstür steht in dieser Nacht eine Jus-Studentin, sich als Laura vorstellt. Sie ist eine von drei freiwilligen Helferinnen und Helfer, die jede Nacht fünf Sozialarbeiter und drei Zivilschützer unterstützen. Laura sagt: «Hier geben alle ihr Bestes. Man muss die richtige Balance finden, Vertrauen schaffen, aber auch die professionelle Distanz bewahren und nicht das Gefühl entwickeln, die Welt retten zu können.» Die 20-Jährige erkundigt sich bei jedem Ankommenden nach dem Befinden. Die Mehrheit sind 25- bis 45-jährige Männer. Einige kennt sie, andere nicht. Die meisten kämen hungrig und seien einfach froh, ein Dach über dem Kopf zu haben, sagt Laura. Alle steckten in schwierigsten Lebenssituationen, Einzelne hätten in Kriegen gekämpft oder seien als Soldaten aus ihren Armeen geflüchtet, so die Jus-Studentin.

Kein Fest an Weihnachten

«Ende Jahr ist die Unterkunft voll», ist sich Yan Desarzens sicher. Wenn die Temperaturen unter den Gefrierpunkt fallen, sowieso. Anders als andere Lausanner Notschlafstellen musste Le Répit bislang keine Familien aufnehmen. Desarzens hofft, dass das so bleibt. Er hält die Unterkunft für nicht sehr familienfreundlich. «Aber natürlich erhielten auch Eltern und ihre Kinder ein Bett bei uns», versichert er. Weihnachts- oder Neujahrsfeiern wird es im Le Répit allerdings nicht geben, obschon kleine Überraschungsgeschenke bereitliegen. Seine Stiftung habe Pakete mit neuen Schuhen geschenkt bekommen, sagt Yan Desarzens. An Heiligabend wird er die Schuhe unter seinen Gästen verteilen.

17 Kommentare
    michael thomas

    Bald werden die Notschlafstellen überfüllt sein, da die Arbeitslosen und Ausgesteuerten, eher früher als später, ebenfalls zu den Randständigen gehören werden. Den Betroffenen empfehle ich, das Hungern zu üben. Mit sechs Mahlzeiten, davon zwei warme pro Woche, kommt man über die Runden.