Eine Frau, viele Lebensgeschichten

Als Adoptivkind setzt sich die Berner Fotografin Carmela Odoni durch ihre Fotos mit tiefgreifenden Fragen über Heimat und Identität auseinander.

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Um Carmela Odonis kleine Heimat zu betreten, muss man zuerst ein schweres Eisentor aufstossen. Durch den Eingang in der Berner Speichergasse gelangt man in einen kühlen, schattigen Innenhof. Hier steht etwas unerwartet die Holzbaracke, in der sich Odonis Atelier befindet.

Die 38-jährige selbstständige Fotografin bearbeitet, scannt und sortiert ihre Aufnahmen in diesem offenen Büroraum, den sie mit einem Architektenteam teilt. «Als Fotografin ist man oft alleine unterwegs», sagt sie. «Hier habe ich aber eine gute Gemeinschaft mit den Architekten.» Der Arbeitsplatz ist Odoni aber nicht nur wegen der Kollegialität wichtig.

Als sie vor acht Jahren zum ersten Mal Mutter wurde, war es gleich doppeltes Glück: Sie brachte Zwillingsbuben zur Welt. Danach nahm Odoni eine längere Pause vom Berufsleben. Im Juni 2016 kehrte sie mit dem Einzug in dieses Atelier zurück zu ihrer ersten Leidenschaft. «Mutterschaft bringt viele neue Freuden, aber man muss auch einiges zurückstellen. Man verliert sich ein wenig», sagt sie. Das Häuschen im ruhigen Innenhof habe ihr ein Stück Freiheit zurückgegeben. «Ich verbinde das Atelier damit, auch wieder mein eigenes Leben leben zu können und meine beruflichen Projekte zu verwirklichen.»

Fotoapparate und Carmela Odoni, das gehört schon seit ihrer Kindheit in Rothenburg im Kanton Luzern zusammen. Schon in der Primarschule stellte sie sich in einem Aufsatz über das spätere Erwachsensein als Profifotografin vor. Mit der Spiegelreflexkamera der Eltern dokumentierte sie den Familienalltag und das Leben im Quartier. Mit 24 Jahren organisierte sie ihre erste Ausstellung, beim Treffen an der Speichergasse bereitet sie gerade die neueste vor: das Projekt «Wer bin ich? Adoption im Wandel», dessen Vernissage am 16. August im Polit-Forum Bern im Käfigturm stattfindet.

«Ein Teil von mir war unbekannt»

Dabei stehen Fotoporträts und Podiumsdiskussionen rund um das Thema Adoption im Zentrum. Das Sujet wählte Odoni nicht willkürlich: Sie selbst wurde im Alter von vier Wochen in einem Spital in Colombo, der Hauptstadt Sri Lankas, adoptiert und in die Schweiz gebracht. «Ich habe Eltern bekommen, die mich lieben wie ihr eigenes Kind», sagt sie. Odoni und ihre Schwester, die ebenfalls in Sri Lanka adoptiert wurde, erfuhren früh von ihrer Herkunft. «Wir waren noch klein, und ich glaube, es war in der Badi», erinnert sich Odoni. «Meine Schwester und ich hatten eine andere Hautfarbe als alle anderen. Da haben wir gefragt, weshalb wir anders aussehen.» Die Neuigkeit, dass irgendwo in einem fernen, unbekannten Land noch andere Eltern sein müssten, war für die kleine Carmela anfänglich nicht schwer zu verdauen. «Ich habe es einfach akzeptiert. Das gehörte jetzt einfach zu meiner Geschichte.»

«Ich musste mich damit abfinden, dass meine Mutter mich vielleicht nicht kennen wollte.»Carmela Odoni

Später fingen die offenen Fragen an, Odoni zu beschäftigen. Sri Lanka habe schon immer ihre Neugierde geweckt. «Es war klar, dass ich das Land kennen lernen wollte.» Der Plan, die Heimat der leiblichen Eltern zu entdecken, wurde zu einer Suche nach der eigenen Identität. «Ich hatte lange das Gefühl, nicht genau zu wissen, wer ich bin», sagt Odoni. In der Schweiz habe sie sich zwar entschieden heimisch gefühlt. «Ich fühlte mich aber nicht in mir selber zu Hause. Ein wichtiger Teil von mir – meine Wurzeln – waren noch unbekannt.»

So machte sie sich auf die Suche nach diesen Wurzeln. Über Odonis sri-lankische Mutter war nur sehr wenig bekannt – etwa, dass sie der singhalesischen Bevölkerungsmehrheit angehörte. Bei der Adoptionsvermittlungsstelle war nur ein Geburtsschein aus dem Spital in Colombo hinterlegt. Auf der Rückseite dieses Zettels stand eine von Hand geschriebene Adresse. Das Elternhaus?

Vor Ort öffnete dann eine ältere Frau die Tür, die angab, Odonis Mutter nicht zu kennen. Sie sei aber bereit zu helfen. Später meldete die Frau, sie habe die Mutter gefunden. Danach verschwand die Frau spurlos, ohne Odoni den angeblichen Aufenthaltsort ihrer Mutter mitzuteilen. «Das war sehr schwer, sehr emotional», sagt Odoni. «Ich musste mich damit abfinden, dass meine Mutter mich vielleicht nicht kennen wollte.»

Heimat muss nicht ein Ort sein

Damit endete die Suche jedoch nicht. Im September letzten Jahres gab die Regierung Sri Lankas zu, dass in den Achtzigerjahren Tausende Kleinkinder von ihren Eltern entwendet und mit gefälschten Personalien zur Adoption ins Ausland freigegeben worden waren. Odoni hat sich in eine DNA-Datenbank eintragen lassen, die sich mit dem Adoptionsbetrug im Inselstaat beschäftigt. «Es kann sein, dass ich meiner Mutter weggenommen wurde», sagt sie. In diesem Fall müsste Odoni möglicherweise noch einmal ihre eigene Identität hinterfragen. Sie zeigt auf eine Tätowierung am Unterarm. «Ich habe mir meinen singhalesischen Vornamen, Harshani, stechen lassen», sagt sie. Der Name verbinde sie mit ihrer Mutter. «Vielleicht hat sie mir ihn aber gar nie gegeben.» Dann wäre vieles, was sie für sicher gehalten habe, wieder infrage gestellt. «Ich habe schon so viele verschiedene Lebensgeschichten gehabt.»

Sollte die DNA-Analyse aufschlussreich sein, will sich Odoni mit ihrer Mutter treffen. «Es wäre schön, ihr sagen zu können, dass es mir gut geht», sagt sie. «Jetzt, da ich selbst Mutter bin, ist mir das wichtig.» Solche emotionalen Bindungen spielen eine wichtige Rolle in Odonis Auffassung der Heimat. «In der Schweiz fühle ich mich am wohlsten. Sri Lanka ist auch ein Teil von mir. Mit den Gerüchen, den Geräuschen und Geschmäckern fühle ich mich verbunden.» Das Gefühl der Heimat müsse aber nicht an einen Ort gebunden sein. «Heimat ist, wo die Menschen sind, die man liebt, die Freunde und Familie.»

Im September erhält die Familie ein neues Mitglied: Carmela Odoni ist im siebten Monat schwanger. Dieses Mal will sie sich nicht so lange von der Fotografie lossagen müssen. «Mit nur einem Kind sollte die Mutterschaft etwas einfacher verlaufen», sagt sie mit einem Lächeln. Schon bald danach will sie wieder in ihr Atelier an der Speichergasse zurückkehren. Odoni wird an einem Buch zur aktuellen Ausstellung über Adoption und Identität arbeiten. «Die Fotografie ist eine Art, zu verarbeiten», sagt sie. «Sie hilft, Fragen näher und aus anderen Winkeln zu betrachten.» (Der Bund)

Erstellt: 31.07.2018, 10:18 Uhr

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Schweiz und Sri Lanka in Zahlen

Von ihrem Zuhause am Berner Obstberg sind es für Carmela Odoni knapp 25 Gehminuten bis zu ihrer kleinen Heimat im Atelier an der Speichergasse. Zwischen dem Atelier und dem Hauptbahnhof liegen 450 Meter. Die Distanz zwischen Odonis beiden geistigen Heimaten ist weit grösser: Die Strecke von Colombo bis Bern beträgt 8123 Kilometer.

Ein Flug von Zürich nach Colombo (mit dreistündigem Zwischenstopp in Dubai) dauert 14 Stunden und kostet derzeit 793 Franken. Mit einer Fläche von rund 66’000 Quadratkilometern ist Sri Lanka etwa anderthalb mal so gross wie die Schweiz. Auf der Insel im Indischen Ozean, die bis 1972 Ceylon hiess, wohnen etwa 21 Millionen Menschen, in der Schweiz sind es rund 8,5 Millionen.

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