Eine fast wahre Kriminalgeschichte

Lutz Otte wurde wegen Bankgeheimnisverletzung zu drei Jahren Haft verurteilt. Nun blickt er im Zorn zurück auf seine Zeit bei Schweizer Banken. Julius Bär droht er mit weiteren Leaks. Die Abrechnung ist aber auch eine Liebesgeschichte – und ein Krimi.

«Alle machen ihre schmutzigen Geschäfte in der Schweiz», schreibt Lutz Otte in seinem Buch. Foto: PD

«Alle machen ihre schmutzigen Geschäfte in der Schweiz», schreibt Lutz Otte in seinem Buch. Foto: PD

Thomas Knellwolf@KneWolf

Weshalb lassen immer wieder einmal Angestellte von Schweizer Banken am Arbeitsplatz hoch vertrauliche Informationen über Kunden mitlaufen? Liegt es nur daran, dass die deutschen Finanzbehörden Datenlieferanten mit Millionenbeträgen entlöhnen? Lutz Otte ist einer, der es wissen muss. 2012 wurde er, der 56-jährige Deutsche, bei Julius Bär in Zürich verhaftet. Der Verdacht gegen ihn bestätigte sich bald: wirtschaftlicher Nachrichtendienst, Geldwäscherei und Verletzung von Bank- und Geschäftsgeheimnissen. Heute, nach verbüsster Gefängnisstrafe, lebt Otte nicht mehr im Aargau, sondern in Norddeutschland.

Nun schliesst der Informatiker «im Vorruhestand», wie er selber schreibt, auch literarisch mit der Schweiz und ihren Banken ab. Auf 192 Seiten rechnet er auch ab. «Schwarzgeld» heisst das druckfrische Buch. Untertitel: «Eine fast wahre Geschichte von Steuerbetrug und Wirtschaftsspionage in der Schweiz».

Frust, Sex und Millionen

Otte präsentiert uns als Hauptfigur keinen weissen Ritter, keinen uneigennützigen Whistleblower, der für Steuergerechtigkeit kämpft. Sein ziemlich autobiografischer Held heisst Gregor Schwarzenbach. Er vegetiert in einem Grossraumbüro in Zürich-Altstetten mehr dahin, als dass er arbeitet. Der Dauerfrustrierte zählt sich bei der Privatbank zur «Entsorgungsmenge» der verbliebenen angejahrten Arbeitskräfte. Er fühlt sich noch eine gewisse Zeit geduldet, weil er fast als Einziger weiss, wie die veralteten Informatiksysteme in Gang gehalten werden.

An der Bankenwelt findet Schwarzenbach-Otte schon längst keine Freude mehr: «An allen Ecken und Enden wird gespart, ausser am Bonus für die Chefs.» Auch seine Wahlheimat ist ihm fremd geworden: Die Schweiz habe «einen spürbar rassistischen Kurs eingeschlagen». Jahrelang hatte der Informatiker dem Zürcher Finanzplatz gedient, doch erst im Gefängnis dämmert ihm: «Ob Hitler, Stalin, Gaddafi, Mobutu, die Stasi oder die kolumbianischen Drogenbarone – alle machten und machen ihre schmutzigen Geschäfte in der Schweiz.»

Bis zu dieser sehr pauschalen Erkenntnis – und bis hinter Gittern – darf der etwas einsame Gregor Schwarzenbach noch auf die Rigi wandern. Und unterwegs begegnet er der Liebe seines Lebens. Doch mit ihr tauchen Schuldenberge auf. Im Buch sitzen hartnäckige Gläubiger der baldigen Verlobten im Nacken. Die Realität bot Platz für weniger Romantik: Lutz Otte hatte grosse Ausstände beim deutschen Steueramt.Item. Gregor Schwarzenbach entsinnt sich eines unmoralischen Angebots eines Unbekannten. Für Bankinformationen zu deutschen Steuerhinterziehern hatte ihm der Mann Millionen von der Bundesrepublik in Aussicht gestellt. Schwarzenbach wählt dessen Nummer, die er aufbewahrt hat.

Im Büro beginnt er Kontostände vermögender Kunden zu kopieren, die er sich nach Hause mailt. Ein Kinderspiel, nichts ist verschlüsselt. Es kommt zu konspirativen Treffen in der Waldshuter Fussgängerzone mit dem Anonymus. In der nicht fiktionalen Welt war der Mittelsmann ein Golffreund Ottes und früherer Fiskalbeamter aus Berlin. Doch im Buch tut Schwarzenbach alles nur für seine Angetraute. Ein bisschen Sex musste da auch rein, und so heisst es: «Sie umarmte ihn und küsste ihn wild, dann fielen sie aufs Sofa. Das war es, was Schwarzenbach wollte, und dafür lohnte es sich, ein Risiko einzugehen.»

Drohen mit weiteren Daten

Der Anonymus bekommt einen Datensatz mit wenigen Müsterchen. Die Finanzfahnder verifizieren die Informationen «sehr pingelig», was Wochen dauert. Dann kommt es zum Deal. 2,7 Millionen Euro fliessen, in bar, direkt von der Bundesbank, noch eingeschweisst.

In der Realität fand der Daten-gegen-Geld-Tausch gemäss der Bundesanwaltschaft in Berlin statt. Die erfundenen Übergabeorte sind der Frankfurter Hauptbahnhof und das nahe Mainufer. Schwarzenbach hat sich in der Finanzmetropole ein Einzimmerappartement in einem Hochhaus gemietet, eine Lampe und ein Radio mit Zeitschaltung installiert und ein Balkenschloss eingebaut sowie drei Safes. Dort versteckt er den Grossteil des Erlöses. Dann begleicht er die Schulden seiner Partnerin.

Bald schon wollen sich die Verliebten nach Deutschland absetzen. Kurz davor erwarten der Staatsanwalt und die Polizei Schwarzenbach am Arbeitsplatz. Seine E-Mails von der Bank nach Hause waren doch noch aufgefallen.

Schwarzenbach gesteht. Er gibt aber nur zu, dass er 1,5 Millionen Euro (statt 2,7 Millionen) bekommen hat. Hat Lutz Otte im Strafverfahren ebenfalls einen Teil seines Gewinns verheimlicht? Vom TA darauf angesprochen, lacht der Autor vielsagend und verweist auf das Urteil: Dort ist von einer Deliktsumme von 1,1 Millionen Euro die Rede.

Schwarzenbach wird – genau wie Otte – vom Bundesstrafgericht zu 36 Monaten Haft verurteilt. 18 davon muss er absitzen. Sein Anwalt erklärt ihm: «Man will an ihnen ein Exempel statuieren, um den Datenverkäufen Einhalt zu bieten.» Und gegenüber der Presse sagt der Advokat, man verfüge noch über Daten zu 6952 Kunden aus Grossbritannien, Frankreich, Italien, Österreich, Spanien, Griechenland und den Niederlanden, die man Behörden zur Verfügung stellen wolle. Gesamtsumme: 8,6 Milliarden Euro. Dichtung oder Wahrheit? Der reale Lutz Otte jedenfalls hat vorletzte Woche als Whistleblower im EU-Parlament ausgesagt. Auf Julius Bär könnte also noch einiges zukommen. Die Bank betrachtet die Sache als abgeschlossen. Zu den Aussagen im Buch wollte sie keine Stellung nehmen. Auch zur Frage, ob Otte auch Daten nicht deutscher Kunden mitlaufen liess, schweigt sie.

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