Zum Hauptinhalt springen

Stimmen zum Kultur-Lockdown«Eine Attacke auf das kulturelle Leben»

Tänzer, die ihre Koffer packen, Enttäuschung über das Vorgehen des Kantons und ein Festival, das zum zweiten Mal groundet: So trifft die verordnete Schliessung die Berner Kulturszene.

Die letzte Vorstellung vor dem Lockdown: Das Berner Kino Rex schliesst seine Tore für vier Wochen.
Die letzte Vorstellung vor dem Lockdown: Das Berner Kino Rex schliesst seine Tore für vier Wochen.
Foto: Raphael Moser

Kinos, Theater, Museen, Clubs, Lesesäle der Bibliotheken: Im Kanton Bern ist seit letztem Samstag alles dicht. Wie trifft dieser Pandemie-bedingte Stillstand die Kulturszene? Gibt es Verständnis für den Entscheid des Kantons? Und was bedeutet er für das Publikum? Die Reaktionen der Veranstalter sind unterschiedlich, überrascht wurden sie jedoch alle – vom Ausmass und von der Drastik der Massnahmen.

Die Kinobetreiberin: Schutzkonzepte haben funktioniert

Von einer «Attacke auf die Kultur» spricht Edna Epelbaum, Chefin der Quinnie-Kinos in Bern und der Cinevital-Kinos in Biel sowie Präsidentin des Schweizerischen Kinoverbands: «Für mich ist die Schliessung der kulturellen Einrichtungen umso unverständlicher, als wir im letzten halben Jahr Schutzkonzepte hatten, die nachweislich funktioniert haben.» Zudem seien die Hygienemassnahmen in den Schweizer Kinos nie beanstandet worden – und teilweise sogar strenger gewesen als von den Kantonen vorgegeben.

Vor diesem Hintergrund ist es für Epelbaum umso unverständlicher, dass sich der Kanton Bern – anders als die Romandie – vorgängig nicht mit den betroffenen Kultureinrichtungen ausgetauscht hat. «Dabei ist das kulturelle Leben so wichtig in diesen Zeiten, um den Menschen eine Pause, eine geistige Zerstreuung zu geben. Als sichere Orte der Kultur sollten die Kinos nicht die ersten, sondern die letzten sein, die geschlossen werden.» In ihren Kinos in Bern und Biel werde man für die Belegschaft nun die Kurzarbeit neu regeln. «Zudem zählen wir darauf, dass der Kanton die Ausfallsentschädigungen weiterhin schnell ausbezahlt und auch finanziell hinter diesen fragwürdigen Entscheiden steht.» Auch wenn die Schliessung nur temporär sei, werde sie mehrere Monate Aufbauarbeit nach sich ziehen, so Epelbaum.

Die Dampfzentrale: Die beiden wichtigsten Festivals abgesagt

Am Samstagabend hätte das Festival Tanz in Bern in der Dampfzentrale eröffnet werden sollen. Die belgische Gruppe Peeping Tom war am Freitag mitten im Bühnenaufbau, als Festivalleiterin Anneli Binder ihr die Nachricht überbrachte: «Die Künstlerinnen und Künstler hatten es noch weniger erwartet als wir selber», sagt Binder, die sich zwischen zwei Sitzungen rasch Zeit für ein kurzes Telefonat nimmt. Wegen der Quarantänebestimmungen in Belgien durften sich die Mitglieder von Peeping Tom in der Schweiz nur an drei Orten aufhalten: auf der Bühne, backstage und in ihrer Unterkunft. Darum hiess es für sie am Wochenende: umgehend die Koffer packen.

Der Beschluss des Kantons hat ungefähr ein Jahr Arbeit zunichtegemacht – und alle Bemühungen der letzten Wochen, das Schutzkonzept laufend anzupassen. «Wir sind aber vor allem traurig, dass der gemeinsame Moment zwischen Künstlerinnen und Künstlern und dem Publikum nicht zustande kommt. Gleichzeitig ist es selbstverständlich, dass im Moment die Gesundheit vorgeht», so Binder. Wie gross der finanzielle Schaden sei, lasse sich noch nicht abschätzen. Aber er werde erheblich sein. Denn neben Tanz in Bern findet auch der zweitgrösste Anlass im Jahr, den die Dampfzentrale veranstaltet, nicht statt: Das Musikfestival Saint Ghetto (19.–21. November) ist ebenfalls abgesagt.

Das Jazzfestival: Schon zum zweiten Mal gegroundet

Zu den doppelt Geschädigten der Corona-Krise zählt das Internationale Jazzfestival Bern. Es sollte ursprünglich von März bis Mai 2020 stattfinden, einen Tag vor dem Festivalauftakt kam der erste Lockdown. Der Veranstalter Benny Zurbrügg verschob das Festival auf Ende September – nun muss der Anlass, der bis Dezember dauern sollte, also erneut abgebrochen werden. «Das ist sehr frustrierend, da wir ein funktionierendes Schutzkonzept hatten, das vom Publikum wie auch von den Künstlern bestens akzeptiert wurde, und weil wir jeden erdenklichen Aufwand betrieben haben, in diesen kunstfeindlichen Zeiten ein internationales Festival auf die Beine zu stellen», sagt Zurbrügg. «Wir haben in knapp vier Wochen 95 Einzelkonzerte über die Bühne gebracht und hatten keinen einzigen Corona-Fall zu beklagen», erklärt er weiter. «Deshalb finde ich es unverhältnismässig, uns ohne Vorlauf quasi über Nacht den Strom abzustellen.»

Dieses abrupte Vorgehen seitens der Berner Behörden werde dem Festival und auch der übrigen Veranstaltungsszene sehr viele Kosten verursachen. Doch den Mut verlieren wird Zurbrügg nicht: Das Festival sei zwar nun abgesagt, und auch für den Clubbetrieb im Marians gebe es noch keinen Plan, «doch sobald man uns wieder lässt, werden hier wieder Konzerte stattfinden». Man werde nun Luft holen und über die Bücher gehen, damit man für den Neuanfang bereit sei. «Die euphorischen Rückmeldungen des Publikums und der Künstler auf die letzten Konzerte geben uns die Motivation, den Kulturhungrigen dieser Stadt so bald als möglich wieder Nahrung bieten zu können», sagt Benny Zurbrügg.

Konzert Theater Bern: Probebetrieb geht weiter

Natürlich hatte der Pandemiestab von Konzert Theater Bern mit allen möglichen Szenarien gerechnet, aber: «Dass der Kanton Bern in diesem Ausmass vorprescht, hat uns überrascht», sagt Isabelle Stupnicki, Leiterin Kommunikation und Marketing. Auch wenn sämtliche Vorstellungen bis zum 23. November abgesagt sind, so hält Konzert Theater Bern den Probebetrieb aufrecht. Darum seien im Moment keine Massnahmen für die Belegschaft wie etwa Kurzarbeit geplant. Die vier für den Lockdown-Zeitraum angesagten Premieren werde man zum nächstmöglichen Termin nachholen, so Stupnicki. Das betrifft die Tanzproduktion «La Divina Comedia», die Schauspielpremieren «Network» und «Girls & Boys» und die Oper «Fledermaus». Bereits gekaufte Tickets können für einen anderen Termin umgetauscht oder rückerstattet werden. «Wir hoffen natürlich, dass uns das Publikum treu bleibt. Aufgrund der Solidarität, die wir im Frühling gespürt haben, sind wir zuversichtlich», sagt Stupnicki.

Was nun?

Für grössere Veranstalter geht das Verschiebe-Karussell nun also wieder los, ebenso die Rückerstattung von bereits gekauften Tickets. Und – dieses Mal noch schneller als beim ersten Lockdown – die Suche nach einem Plan B für die Zeit des Lockdown: So streamt beispielsweise die Kinemathek Lichtspiel ihre Programme mit Filmen aus dem eigenen Archiv ab sofort wieder, und auch das Schlachthaus-Theater stellt eine gestreamte Produktion in Aussicht.

Besonders hart trifft es Veranstaltungen, die nur einmal im Jahr stattfinden oder sonst wie einmalig sind: So ist das Jubiläumswochenende im Kino Rex anlässlich des 5. Geburtstags abgesagt. Die Podiumsdiskussion über die Zukunft des Kinos allerdings versuche man zu einem späteren Zeitpunkt nachzuholen, sagt Leiter Thomas Allenbach. Das Thema wird dannzumal nicht weniger aktuell sein.

In einer ersten Version des Artikels stand, dass im Kanton Bern auch die Bibliotheken geschlossen werden mussten. Das stimmt nicht ganz. Die Lesesäle sind tatsächlich für das Publikum nicht mehr offen. Die Bibliotheken selber, also der Ausleihbetrieb, sind weiterhin offen.

7 Kommentare
    Peter von Wolf

    Einer der hauptsächlichen Hotspots taucht grundsätzlich nicht auf in den Statistiken, die ja vor allem auf Selbstdeklaration und Tracing fussen: Der tägliche Pendelverkehr zur Arbeit in überfüllten Zügen, wie auch die Arbeit selber.

    Jetzt sind die Infektionszahlen so hoch geschnellt, dass es kaum mehr möglich sein wird, im Zug zu sitzen, ohne von mehreren angesteckten umgeben zu sein....

    Wir haben die Chancen im Sommer vertan, als der Bundesrat Barbetriebe,Clubs, Partys und Sporveranstaltungen zuliess.

    Kulturelle Einrichtungen hingegen, die keine Herde gebildet haben, müssen die Sache ausbaden: Lesungen, klassische Konzerte, Theater, Kino...

    Die Politik des Bundesrates zeigt sich in der Situation als schwach, verzögert und inkohärent. Eine Katastrophe, niemand nimmt sie noch ernst...