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Nobelpreiswürdige US-LiteraturHier schreibt ein Nobelpreis-Kandidat

Ein Wochenende dreier alternder Männer und das Rätsel um ihre verschwundene Jugendliebe: Mit seinem neuen Roman «Jenseits der Erwartungen» erweist sich Richard Russo als legitimer Nachfolger John Updikes.

Auf Martha’s Vineyard, einer Insel im Bundesstaat Massachusetts, entspinnt sich Russos Porträt der amerikanischen Mittelschicht. 
Foto: Mira, Alamy

Wer an Literatur den Anspruch stellt, die Menschen in ihrer farblichen Vielfalt abzubilden – also «diversity» zu praktizieren –, der wird den neuen Roman von Richard Russo enttäuscht beiseitelegen. «Jenseits der Erwartungen» hat ein ausnahmslos weisses Personal, die aktuelle Rassenproblematik spielt keine Rolle. Aber das Land, das uns der grosse US-amerikanische Autor zeigt, ist auch in seiner weissen Mehrheit ein zutiefst zerrissenes, entlang verschiedener Fronten in sich verfeindetes Land.

Noch ist Donald Trump bloss ein Wahlkampfplakat in einem Vorgarten – der Roman spielt in der Vorwahlphase 2015. Noch regiert ein schwarzer Präsident, aber diese Tatsache täuscht über die wahren Verhältnisse hinweg. Obama, meint Lincoln, einer der drei Helden des Romans, «glaubte tatsächlich, die Welt sei ein rationaler Ort und die meisten Menschen seien vernunftbegabt und guten Willens». Lincoln, ein gemässigter Republikaner, Immobilienmakler, dem die Beinahe-Pleite seines Ladens in der Finanzkrise noch in den Knochen steckt, weiss es besser. Vor allem sein Autor Russo weiss es besser, und wir Leser wissen es spätestens nach der Lektüre auch.

Selbstbild der Nation

Der Hass, mit dem die verschiedenen Teile der USA einander begegnen, schwelt schon vor Trumps Präsidentschaft, jederzeit bereit, hell aufzulodern. Teddy, der zweite Held, Verleger spiritueller Werke an einer Provinzuniversität, trifft bei einem Ausflug auf eine Touristengruppe aus den Südstaaten, die aus ihrem Ressentiment gegen den Norden, den sie für arrogant und snobistisch halten, keinen Hehl machen. Der Trump-Wähler unter ihnen wirkt noch wie ein Exot, aber sein Spruch «Sperrt sie ein!» (Hillary Clinton) bleibt unwidersprochen.

Richard Russo gewann mit «Empire Falls» den Pulitzerpreis. Sein neuer Roman setzt die Erkundung der verunsicherten amerikanischen Mittelklasse fort.
Richard Russo gewann mit «Empire Falls» den Pulitzerpreis. Sein neuer Roman setzt die Erkundung der verunsicherten amerikanischen Mittelklasse fort.
Foto: David Levenson (Getty Images)

Die grösste Kluft trennt Reich und Arm, diejenigen, denen die Grosschancen schon in die Wiege gelegt wurden und die sie sich als Beweis eigener Auserwähltheit oder gar eigenen Verdienstes zuschreiben, von denen, die sich abstrampeln, um wenigstens ein kleines Stück vom Kuchen abzukriegen. Um Chancen, solche, die man hat, und solche, die einem verwehrt werden, um den freien Willen, die Gene und das Schicksal geht es in diesem Roman, der seinen Originaltitel «Chances are ...» einem sentimentalen Song von Johnny Mathis entnommen hat. Also letztlich um das uramerikanische Selbstbild einer Nation, in der jeder alles erreichen kann, wenn er nur will. Es wird, einmal mehr, in unseren Tagen als Lebenslüge entlarvt, durch die unterschiedliche Verteilung der Corona-Toten, der Gefängnisinsassen, durch Polizeigewalt und vieles mehr.

Lincoln, Teddy und Mickey, der Dritte im Bunde, Arbeitersohn italienisch-irischer Herkunft, haben sich auf einem mittelmässigen College kennen gelernt, dort ein Zimmer geteilt und gemeinsam im Theta House, wo die Mädchen aus gutem Hause studierten, gekellnert. Alle sind sie in Jacy verliebt, eine wilde, unberechenbare Schönheit, die zwar mit einem reichen Schnösel verlobt ist, aber vor dem Leben, das dieser ihr bietet, ein Abziehbild seiner Eltern, zurückschreckt.

Am Memorial Day 1971 haben die «drei Musketiere» mit Jacy ein Wochenende auf St. Martha’s Vineyard verbracht, im Ferienhaus von Lincolns Mutter. Für einen amerikanischen Kritiker erklärt der Roman, warum Trump die Stimmen derer erhalten hat, «die nicht solche Häuser haben», aber das ist doch etwas zuviel der Politisierung. Bei Russo geht es immer etwas subtiler, subkutaner zu.

Nach dem Wochenende ist Jacy verschwunden und taucht nie wieder auf. 44 Jahre später treffen sich die drei Freunde wieder in jenem Haus, und Jacy, die immer weiter in ihren Köpfen herumgespukt hat, gewinnt dort eine fast unheimliche Präsenz. Was ist damals passiert? Hat sie die Insel vielleicht gar nicht verlassen, ist sie einem Gewaltverbrechen zum Opfer gefallen, etwa dem Nachbarn Mason, einem ordinären Unsympathen (er hat das Trump-Plakat im Vorgarten)? An jenem Wochenende der Erinnerung präsentiert Mickey schliesslich die Lösung, und sie ist für Russos Verhältnisse geradezu spektakulär, am Rande der Kolportage.

Das liest man atemlos und ist fast geneigt, darüber zu vergessen, worum es dem Autor eigentlich geht. Da sind drei «verdammt alte Männer» (66 Jahre!), die der Zufall zusammen- und das Leben wieder auseinandergebracht hat. Denen ihre Jugend, ihre Freundschaft und gemeinsame Verliebtheit einen solchen Schuss Intensität verpasst hat, dass alles weitere fast wie ein Epilog wirkt. Die zurückschauen wie durchs falsche Ende eines Fernrohrs, falsch, «weil aus dieser Warte das ganze Durcheinander des Lebens aufgeräumt war; man erhielt nicht nur ein schärferes Bild, sondern auch den Eindruck der Unvermeidbarkeit».

Eine Lotterie entschied über das Leben einer ganzen Generation: Eingezogene amerikanische Soldaten bei der Ankunft in Vietnam.
Eine Lotterie entschied über das Leben einer ganzen Generation: Eingezogene amerikanische Soldaten bei der Ankunft in Vietnam.
Foto: H. Armstrong Roberts (ClassicStoc)

Das eigentlich entscheidende Erlebnis der drei verdammt alten Männer prägte eine ganze Generation: der Vietnamkrieg. Im Prolog des Buches sitzen die drei Freunde 1969 vor dem Fernsehen, wo die erste «Lotterie» übertragen wurde: Die Losnummern der Geburtstage entschieden darüber, wer wann einrücken musste. Der Lebensweg hing von eine Lotterie ab, aus Zufall wurde Schicksal. Es trifft Mickey, mit der Nummer 9, seine Freunde erhalten sehr viel höhere, sie sind auf der sicheren Seite. Nach Kanada fliehen war eine Option; Lincolns Vater hatte ihn gewarnt: Dann bist du nicht mehr mein Sohn. Mickeys Vater hatte anders argumentiert: Dann muss jemand anderes an deiner Stelle gehen. Willst du dafür die Verantwortung tragen?

Väter, die ihre Söhne in den Krieg schicken. Söhne, die, alt geworden, erkennen, wie sehr sie ihren Vätern ähneln. Eine Losnummer, die sich über ein ganzes Leben legt. Und auch Jacys Weg ist mit dieser Lotterie verbunden.

Richard Russo wäre ein valabler Nobelpreisträger.

Richard Russo, eine Generation jünger als John Updike, ist sein legitimer Nachfolger als glänzender Analytiker der weissen amerikanischen Mittelschicht. Sein Personal ist weniger wohlhabend, skeptischer, desillusionierter, aber nicht weniger lebensklug. Ihre Klugheit ist auch Enttäuschungen abgewonnen. Russos Prosa ist weniger opulent als die Updikes, sie trumpft weniger auf, ist formal (und sexuell) zurückhaltender. Updikes Romane fielen in eine Zeit des Aufbruchs, die Russos fallen in eine, die den Glauben an das eigene Land und dessen Zukunft verloren hat.

«Jenseits der Erwartungen» springt zwischen Alter und Jugend, zwischen zwei Wochenenden, 1971 und 2015, hin und her. Richard Russo lässt uns diesen Sprung über viereinhalb Jahrzehnte durch die Gedanken Lincolns und Teddys vollziehen, erst zum Schluss, zur Auflösung, tritt Mickey dazu. Auf raffinierte Weise füllt der Autor im Laufe des Romans die Lücken, die er ausgespart hat, bis das ganze Bild da ist. Vieles wickelt Russo über Dialoge ab, die schon immer seine besondere Stärke waren: Darin mischen sich Kumpelhaftigkeit und Ironie, Insider-Jokes und Renommiererei zu einem Ton, der zuweilen nackte Verzweiflung durchscheinen lässt. Grosse Literatur. Und wenn sich die reformierte schwedische Akademie endlich einmal zu einem US-Amerikaner durchringen kann: Richard Russo wäre ein valabler Nobelpreisträger.

Richard Russo: Jenseits der Erwartungen. Roman. Aus dem Englischen von Monika Köpfer. Dumont, München 2020. 428 S., ca. 34 Fr.