Ein Sheriff, der Schuld und Schmerz hortet

Krimi der Woche: «Bull Mountain Burning» von Brian Panowich ist ein furioses und gnadenlos hartes Country-Noir-Meisterstück aus den Bergen im Norden des US-Staats Georgia.

Wenn Brian Panowich die dramatische Flucht von einer seiner Romanfiguren aus einem brennenden Haus schildert, spürt man seine Kenntnisse als Feuerwehrmann.

Wenn Brian Panowich die dramatische Flucht von einer seiner Romanfiguren aus einem brennenden Haus schildert, spürt man seine Kenntnisse als Feuerwehrmann. Bild: David Kernaghan

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Der erste Satz

Annette kannte jede Diele in- und auswendig.

Das Buch
Dass man die Vergangenheit, vor allem die eigene Geschichte, nicht einfach hinter sich lassen kann, erlebt Clayton Burroughs auf die harte Tour. Er ist Sheriff in einem County in den Bergen im Norden des US-Bundestaats Georgia, wo die Bauern, um ihr karges Leben aufzubessern, früher illegalen Fusel brannten, dann auf Marihuana-Anbau umstellten und jetzt ihre Scheunen zu Drogenlaboren umfunktioniert haben. Burroughs’ Familie beherrschte über Jahrzehnte das County. Vom Bull Mountain aus hatten sie das Drogengeschäft im Griff. Bis der Jüngste der Familie als Sheriff dem Treiben ein Ende bereitete.

Die Burroughs-Familiensaga erzählte Brian Panowich in seinem ersten Roman «Bull Mountain», einem gnadenlosen Country-Noir-Meisterstück. Jetzt, in der nicht minder furiosen Fortsetzung «Bull Mountain Burning», die auch ohne Vorkenntnisse funktioniert, ist Clayton der letzte Burroughs. Und die Nachfolger in der Bande seines grossen Bruders wollen jetzt den letzten Burroughs in ihre Geschäfte einbeziehen. Sie wissen: «Stolz bringt dich schneller um als eine Kugel.» Der Sheriff soll dulden, dass die Drogenpipeline über den Bull Mountain wieder sprudelt. Andernfalls würde eine fremde Familienbande hier einfallen. Niemand würde diese kontrollieren können, schon gar nicht der Sheriff; die Fremden würden Gewalt und Anarchie an den Berg bringen. Die Unterstützung des letzten Burroughs suchen sie aber auch, weil der am ehesten darauf kommen könnte, wo der Bruder seine Reichtümer versteckt hat.

Es ist eine teuflische Geschichte, die raffiniert aufgebaut ist und mit der einen oder anderen Überraschung aufwartet, der dicksten zum Schluss. Panowich ist ein grossartiger Erzähler.

Wenn er die dramatische Flucht von Claytons Frau Kate aus einem brennenden Haus schildert, spürt man seine Kenntnisse als Feuerwehrmann. Und über Clayton heisst es einmal: «Er hortete Schuld und Schmerz wie manche Menschen das mit Zeitschriften oder Zeitungen taten, bis die Dinge irgendwann Teil der Einrichtung wurden.»

Die stärksten Figuren in «Bull Mountain Burning» sind Frauen, neben Kate Vanessa und Twyla, Tochter und Mutter aus der fremden Familienbande. «Like Lions» heisst der Roman im Original, und «wie Löwinnen» kämpfen diese Frauen. Es seien die Löwinnen, die töten und nicht die Männchen, belehrt Vanessa einen Burschen, der ein Löwen-Tattoo auf der Brust trägt. Aber gegen Clayton Burroughs hat auch eine ebenso harte wie exzentrische Löwin wie Vanessa einen schweren Stand.

Die Wertung

Der Autor
Brian Panowich, geboren Anfang der 1970er-Jahre in Fort Dix, New Jersey, verbrachte die Kindheit an verschiedenen Orten in den USA und in Europa, wo sein Vater für die Army tätig war. Als er zwölf war, liess sich die Familie in East Georgia nieder, wo er später an der Georgia Southern University Journalismus studierte. Er war etwa ein Dutzend Jahre als Musiker unterwegs, bevor er sich als Feuerwehrmann in East Georgia niederliess. 2009 begann er Kurzgeschichten zu schreiben, bis ihn ein Verleger ermunterte, aus einer der Geschichten doch einen Roman zu machen – «Bull Mountain» erschien 2015 (auf Deutsch unter dem gleichen Titel 2016). Mit «Like Lions» («Bull Mountain Burning») nahm er den Faden seines Debüts wieder auf. Brian Panowich lebt mit seiner Frau und drei Töchtern in East Georgia.

Brian Panowich: «Bull Mountain Burning». (Original: «Like Lions», Head of Zeus, London 2018). Aus dem Englischen von Johann Christoph Maass. Suhrkamp, Berlin 2018. 335 S., ca. 15 Fr. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 22.08.2018, 11:05 Uhr

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